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Unio mystica

Die Verschmelzung der Einzelseelen stellt in der Science Fiction ein Mega-Motiv dar. Und nicht nur da. Eine evolutionspsychologische Spurensuche.

 

Ich weiß nicht, ob Ihre Kinder außerirdischer Herkunft sind. Falls ja, gibt es Dinge, die Sie unter allen Umständen vermeiden sollten. Zum Beispiel, ein zu heißes Fläschchen zu servieren. Anderenfalls könnte es geschehen, dass das Kleine Sie hypnotisch-telepathisch zwingt, zur Strafe die eigene Hand in kochendes Wasser zu halten. „Unio mystica“ weiterlesen

Ist Pippi Langstrumpf wirklich der stärkste Mensch der Welt?

Jugendliteratur im anthropologischen Realitätscheck

100 Kronen lobt der Zirkusdirektor demjenigen aus, der den starken Adolf, den stärksten Mann der Welt, besiegt. „Aber ich bin das stärkste Mädchen der Welt!“ Mit diesen historischen Worten nimmt Pippi Langstrumpf die Challenge an, zerlegt das Ego des Hünen in kleine Stückchen und schleppt ihn zum Schluss auch noch am ausgestreckten Arm in der Manege herum. „Ist Pippi Langstrumpf wirklich der stärkste Mensch der Welt?“ weiterlesen

Der enorme Einfluss der Vererbung auf die Psyche

Ein kurzer Blick auf Gene, Individualität  und Geschlecht

Anthropologie habe ich studiert, weil auch mich die höchst existenzielle Frage umgetrieben hat: „Woher kommen wir?“ Gewisse Themen, die mit dem Fach zusammen­hingen, fand ich – der ich gerade anfing, die Nase aus seiner linksautonomen WG herauszustrecken – zunächst eher suspekt. Zum Beispiel die Vererbung von Intelligenzunterschieden. Doch nach und nach ließ ich mich im Studium und in der Zeit danach von der wissenschaftlichen Gültigkeit dieser Forschungsrichtung überzeugen. „Der enorme Einfluss der Vererbung auf die Psyche“ weiterlesen

In den Verliesen des Selbst

Höhlen als Symbol fürs Unbewusste (Teil II zu „Planetare Eingeweide“)

Nicht nur Gespenster, Vampire oder Werwölfe hat die unheimliche Literatur popularisiert. Zu ihren seltener besungenen Helden gehört die Architektur. Denn was bliebe von der klassischen Phantastik, wenn all die Schlösser, Burgruinen, Kirchen, Friedhöfe, unheimlichen Häuser, unterirdischen Gewölbe, Krypten und Labyrinthe abgezogen würden? „In den Verliesen des Selbst“ weiterlesen

Planetare Eingeweide

Höhlen in der Phantastik: Eine evolutionäre Sichtweise

Die alten Germanen hat es ja unwiderstehlich in den sonnigen Süden gezogen. Bei den  Germanen von heute dürfte es keinen Deut anders sein. Wahrscheinlich sind sie schlicht Opfer ihrer Gene.

Untersuchungen haben zu Tage gefördert, dass Menschen überall auf der Welt eine Vorliebe hegen für eher milde Temperaturen und Landschaften mit offenem Grasland, angereichert mit Bäumen, Wasser und Tieren. Vermutlich stellen diese Vorlieben ein Echo der afrikanischen Savanne dar, in der unsere Art den aller­grö­ßten Teil ihrer biologischen Evolution vollzog. Allein schon die Über­ein­stimmungen in den beliebtesten Motiven der Landschafts­malerei aus skandinavi­schen Ländern über die Niederlande und Italien bis hin nach China springen unmissverständlich ins Auge.

Aber fehlt in diesem anheimelnden Bild nicht vielleicht ein Detail? Ist es möglich, dass der Mensch neben einer evolutionär erworbenen Sehnsucht nach afrikanischer Savannenidylle noch andere ökologische Vorlieben entwickelt hat? Zum Beispiel für Höhlen?

Dass eine durchaus knifflige Beziehung zwischen Mensch und Höhle bestehen könnte, offenbart sich, wenn wir den recht eigenartigen Verlauf unserer Evolution Revue passieren lassen. Einer­seits: Nirgendwo in unserem noch affenartigen Stammbaum findet sich irgend­etwas, das sich mit unterirdischen Behausungen wie Fuchs- oder Kaninchenbauten vergleichen ließe. Auch die ersten zweibei­ni­gen Vorgänger der Menschen, die Australopithe­cinen, führten wie die afrikanischen Menschenaffen ein Leben unter freiem Himmel.

Andererseits: Vor ungefähr zwei Millionen Jahren änderte sich das Bild, als neue Frühmenschen­formen die Bühne betraten. Deren Gehirne waren größer, außerdem benutzten sie schon einfache Werkzeuge und sehr früh wohl auch das Feuer. Und sie lebten in Höhlen. Da dieser Frühmensch sich nicht mehr nur auf die Uferniederungen von Flüssen und Seen beschränkte, sondern – teil­weis­e wohl dem Jagdwild folgend – ins offene Land vorstieß, benötigte er Rückzugs­orte und Schutz vor Raubtieren.

Die archäologischen Quellen sprechen dafür, dass unsere Vorfah­ren nie ausschließlich in Höhlen gelebt haben. Aber sie taten es sehr oft. Anhand einer kleinen Stichprobe aus der Literatur schätze ich, dass es sich bei ungefähr 50% aller Fossilfundplätze um bewohnte Höhlen handelt.

Ist es also möglich, dass im Verlauf der menschlichen Entwicklungsgeschichte so etwas wie ein angeborener Drang in Richtung Höhle hervor­keimte? Vergleichbares ist immerhin übers gesamte Tierreich hinweg anzutreffen. Da gibt es Höhlen­insekten, Höhlen­fische und Grotten­am­phi­bien. Die biologische Fachbezeich­nung dafür lautet troglophil (von altgriechisch „trogle“ = Höhle und „philein“ = lieben, höhlenliebend also). Unter den Säugetieren sind es beispiels­weise Fledermäuse, Kaninchen oder Murmeltiere, die künstliche oder natürlich geschaffene Hohlräume besiedeln – und natürlich Maulwür­fe. Sogar Raubtiere wie einige große Katzen­arten, Bären und Hyänen lassen sich hier einreihen. Sehr wahrscheinlich, dass es beim Gerangel um die besten Plätze immer wieder zu Zusammen­stößen zwischen Mensch und Tier gekommen ist.

Höhle

Unterm Strich scheint es sich bei der Inbesitznahme von Höhlen um eine viel­verspre­chende Strategie zu handeln. Insgesamt also gar nicht so unwahrschein­lich, dass sich  unsere Spezies einen gewissen Stich ins Troglophile angeeignet hat. Zwei Millionen Jahre Evolution hätten mehr als Zeit genug geboten. Auch der Verhaltensfor­scher Otto Koenig sieht den Menschen als ökologisch angepasstes Wesen, das es bevorzugt, seine Umgebung vom sicheren Höhlen­versteck aus zu beobachten.

Diese Anpassung hallt im modernen Menschen nach. Nicht nur, dass Anthropo­logen auf antike Schriftsteller hinweisen, bei denen sich eine Vielzahl von Textstellen zu Troglodyten (Höhlenbe­woh­nern) finden lassen. So viele, dass es unwahrscheinlich ist, dass es sich hier in Gänze nur um Sagen handeln sollte. Auch die Puebloindianer im Südwesten der USA errichteten bis vor wenigen Jahrhunder­ten ihre Behausungen unter gigantischen Felsvor­sprüngen. Einige Stämme in Südafrika und Indien leben bis heute in Höhlen.

Aus der Psychoanalyse stammt ein weiteres Indiz. Die Rede ist von immer wieder­keh­renden Motiven unserer Nachtträume. Und da nehmen Höhlen eine prominente Stellung ein. Auch wer sich nicht Siegmund Freuds Deu­tung anschließt, dass es sich um Symbole  weiblicher Geschlechts­­organe handelt, findet darin einen Hinweis, dass unser nächtlicher Geist von diesem Motiv fasziniert ist.

Auch die moderne Psychologie hat die Höhle im Blick. Legionen von Zeitgenossen werden von irrationalen Ängsten vor Spinnen, Schlangen, großen Hunden oder Gewitter gepeinigt. Das Eigenartige an diesen Phobien ist, dass sie sich meist auf eher altertüm­liche Dinge beziehen. Moderner Schnickschnack wie Autos oder elektrische Leitungen flößt kaum jemandem Angst ein – obwohl der wesentlich mehr Menschen auf dem Gewissen haben dürfte.

Bei diesen Angstneigungen handelt es sich also offensichtlich um ein Erbe evolutionärer Vergangenheit. Nun gibt es auch die Klaustrophobie, die Angst vor Enge – sei es in Menschenmassen, im Fahrstuhl oder in der Magnetröhre beim Radiologen. Psychologen führen diese Panik auf die Angst des Frühmenschen zurück, in Höhlen verschüttet oder eingeklemmt zu werden.

Wie sehr es uns Höhlen angetan haben, zeigt sich auch im ganz Alltäglichen. Kinder finden enormes Vergnügen daran, sich kleine Zelte oder Unterstände zu bauen. Besonders Jungen lieben es, sich Erdlöcher zu graben, in denen sie sich verstecken können. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach die Kinder­psy­chologie geradezu von einem Höhlenbauinstinkt.

Und der scheint sich auch bei Erwachsenen noch lebhaft zu äußern. Es gibt Arbeits­psychologen, die klipp und klar gegen Großraumbüros Position beziehen. Weil Menschen ihren geschützten, abgeschirmten privaten Bereich benötigen – eben ihre Höhle, um wörtlich zu zitieren.

Damit ist es Zeit für ein erstes Fazit: Der Mensch war nicht nur in der Höhle. Sondern die Höhle ist immer noch im Menschen.

Einen weiteren Beweis für unsere Höhlenbesessenheit gibt es – die Intensität, mit der sie seit Urzeiten unsere erzählerische Phantasie anheizt. Zum Beispiel in den Mythen vieler Völker. Die Spanne reicht weit: Während die christliche Hölle als unterirdische Wohnstätte verstorbenen Sündern vorbehalten blieb, wurde in den vorchristlichen Sagen Europas auch der „Himmel“ in prächtigen Palästen unter der Erde angesiedelt.

Bei den Tetum auf Indonesien besteht die Überlieferung, wonach die ersten Menschen aus Erdhöhlen ins Freie gelangten. Unter den Navajos kursiert eine Sage, nach der sie von einem Geschlecht „heiliger Menschen“ abstammen, die aus den tiefsten Eingeweiden der Erde Schicht um Schicht bis an die Erdober­fläche empor­ gewandert sind.

Bescheidener nehmen sich Schneewittchen und andere heimische Märchen um Zwerge und Wichtel­män­ner aus, die als tüchtige Bergmänner ihr geheimes Leben im Inneren der Berge führten. Überlieferungen, in denen neben dem Höhlenmotiv auch deutliche Erinnerungen an weit verbreitete Kinder­arbeit durchschimmern.

Noch älter ist das Motiv der Bergentrückung – der Sagentyp vom Volkshelden, der in einer Berghöhle den Augen­blick seiner Rückkehr abwartet. König Artus etwa im Alderley Edge, Karl der Große im Desenberg, Otto I. beziehungs­weise Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser.

Wesentlich weniger kriegerisch, dafür umso sinnlicher bietet sich das Motiv des Venusbergs dar: Die mittelalterliche Mär um die Liebes­göt­tin Venus, die in ihrer Berggrotte mitsamt ihren schön anzuschauen­den Nymphen und Nixen nur darauf wartet, wackeren Rittern den Kopf zu verdrehen. Es wird vermutet, dass dieser Stoff bis auf die Sage von Odysseus in der Grotte der Kalypso zurückgeht.

Über­­haupt üben Grotten auf den Menschen einen ganz speziellen Reiz aus. So sehr, dass sie immer wieder künstlich nachgebaut wurden. Besonders bekannt natürlich die Venusgrotte des bayerischen Königs Ludwig II.

Geht man davon aus, dass beim Menschen sexuelle Scham und das Bedürfnis nach unbeobachtetem Sex zum angeborenen Verhaltens­inventar gehören und Höhlen andererseits „instinktiv“ mit Schutz assoziiert werden, stellen Grotten höchst einladende Schnittpunkte dar.

Nun gibt es nicht nur diesen angenehmen Aspekt. Denn evolutionär betrachtet sollten wir Höhlen mit zwiespältigen Gefühlen begegnen. Zwar bieten sie Schutz,  sind aber auch ziemlich unfallträchtig und von einer Finsternis erfüllt, die das Tag- und Augentier Mensch bedrückt. Außerdem stellen sie oft genug Verstecke von Bären und anderen gefährlichen Bestien dar. Auch in der Mythologie kommt diese Zweischneidigkeit zum Ausdruck. Dort findet sich eben nicht nur das Liebesspiel der Nymphen, sondern auch der mörderische Minotaurus in seinem Labyrinth oder feuer­speiende Drachen.

Schon in der Odyssee stößt man nicht nur auf die Grotte der Kalypso, sondern auch auf die Höhle des Polyphem, des Zyklopen, der Odysseus und seine Mannen gefangen hält und sie einen nach dem anderen auf seine Speisekarte zu nehmen gedenkt.

Auch das Genre des Unheimlichen macht sich diesen bedrohlichen Aspekt zunutze, zum Beispiel in Filmen wie „The Hole“ oder „The Descent“, in dem wir es sogar mit einer Art  höhlenbe­woh­nender Raubtiere zu tun haben.

Für den Kulturwissenschaftler Ralf-Carl Langhals lassen sich auch literarisch und künstlerisch verarbeitete Ruinen und Verliese aufs Höhlenmotiv zurückführen. Dazu sei an die schaurigen Grüfte aus der klassischen „Dracula“-Verfilmung mit Bela Lugosi erinnert.

Höhlen auch in den nicht immer wirklich hochklassigen Science-Fiction-Streifen der 50er. Der „Schrecken des Amazonas“ haust in einer Lagune. In „Earth vs. Spider“ fühlt sich eine Riesenspinne in ihren unterirdischen Gemächern von Teenagern und Rock’n’Roll gestört; und auch Roger Cormans „It“, ein außerirdischer Bösewicht, der aus gebrauchten Gummireifen zu bestehen scheint, nutzt für seine Mußestunden eine Höhle als Rückzugsraum.

Wesentlich beein­dru­cken­der treten uns die gigantischen, an organische Leibeshöhlen erinnernden Labyrinthe des außerirdi­schen Raumfahrzeugs entgegen, wie sie von H.R. Giger für den Horror-Science-Fiction-Klassiker Alien entworfen wurden.

Im neunzehnten Jahrhundert grassierte geradezu eine Zwergenmode unter europäi­schen Anthropologen und Folkloristen. David MacRitchie und andere propagierten die Idee, dass Europa seit der Vorzeit von einer dunklen, stark behaarten Rasse von Pygmäen bewohnt sei, die in versteckten Höhlen hausten. Ihre Existenz sei verantwortlich für unsere Erzählungen von Zwergen, Trollen, Kobolden und Elfen. Von dieser Theorie ließen sich auch Autoren des Phantastischen inspirieren. Wie etwa Arthur Machen in seiner „leuchtenden Pyramide“ und anderen Geschichten, in der diese „Unterweltler“ zum großen Schlag ausholen.

Das Höhlenmotiv ist in der Phantastik derart beliebt, dass Hohlwelt­ge­schich­­­ten ein ganzes Subgenre der Science-Fiction bilden. Schon im Jahr 1692 trat der Natur­philosoph Edmond Halley mit der Theorie auf den Plan, dass die Erde aus mehr­eren ineinander verschachtelten Kugeln besteht, die von bewohnten Hohlräumen voneinander getrennt seien. Sehr bekannt wurde der Roman „Das kommende Geschlecht“ des Briten Edward Bulwer-Lytton, in dem es einen Wanderer unter die Erde verschlägt, wo er auf ein Volk beunruhigend perfekter, dazu noch flugfähiger Übermenschen trifft. Den größten Publikumserfolg – wie sollte es anders sein – erzielte aber Jules Verne mit seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“.

Von Verne stammt auch die Romanvorlage für die „Reise zum Mond“ von George Méliès, dem ersten Science-Fiction der Filmgeschichte. In diesem 1902 gedrehten Kurzstreifen erkunden Wissenschaftler, die sich mit einer Kanone auf unseren Trabanten haben schießen lassen, ein bizarres Höhlen­reich.

Das Potenzial des Motivs erkannt hat daneben John Wyndham, der später mit den „Triffids“ und den „Kuckuckskindern“ Berühmt­heit erlangte; unter dem Titel „Das ver­­steckte Volk“ widmete er einen seiner frühen Romane einer geheimen, unter­irdisch lebenden Rasse.

Ziemlich gruselig geht es in H.G. Wells „Zeitmaschine“ zu: Dort dienen in ferner Zukunft die ebenso schönen wie anderweitig nutzlosen Eloi den höhlen­bewohnenden Morlocks als Hauptnahrungs­mittel. Auch Tolkiens „Herr der Ringe“ ist sozusagen von einem Höhlensystem durchzogen.  In den unterirdischen Verliesen von Mor­dor wird die Armee der Uruk-hai gezüchtet, in ähnlichen Ver­ste­cken hausen die Riesenspinne Kankra und der unglückliche Gollum. Aber Höhlen sind bei Tolkien nicht nur Orte des Bösen. Auch die Zwerge haben sich tief in ihre Erz führenden Gebirge eingegraben; und sogar die Hobbits machen es sich traditionell in höhlenartigen Behau­sun­gen gemütlich.

In Ecos Foucaultschem Pendel raunt ein gewisser Signor Salon von unterir­di­schen Labyrinthen, die sich unter unseren Großstädten er­strecken. Ein geheimes uraltes Reich – das den eigentlichen Anlass für die Unrast bildete, mit der es die Stadt­planer in Form von U-Bahnen und anderen Projekten seit dem 19. Jahrhundert in den Untergrund trieb. Denn dort residierte die Synarchie, die wahre Welt­herr­schaft. In die Welt gesetzt wurde diese Räuberpistole von diversen Okkul­tisten, die das Zentrum dieses Reiches mit dem legendären fernöstlichen Agarttha gleich­setzten, dessen Faszination sogar bis in die Spitzen des Dritten Reiches ausstrahlte. Heinrich Himmler ging soweit, eine komplette Tibetexpedition auf die Reise zu schicken.

H.P. Lovecraft siedelt in seiner Geschichte „Das Grauen von Red Hook“ ein bemerkens­wert gruseliges Labyrinth unter dem Einwanderer­viertel von New York an. In dem natürlich auch seine gewohnten blasphemischen Kreatu­ren nicht fehlen.

Der Lovecraft-Spezialist Robert H. Waugh weist darauf hin, dass ungefähr zur selben Zeit, als diese Geschichte entstand, am anderen Ende der USA, in San Francisco, eine volks­tümliche Sage umging, nach der der Untergrund der China town von einem unterirdischen Höhlennetz auf mehreren Etagen durchzogen sei. Eine Idee, die der Populärschriftsteller Sax Rohmer für seine Figur des Superganoven Dr. Fu Manchu aufgriff.

Nicht zu vergessen die postapokalyptischen Science-Fiction-Filme, in denen sich die Menschheit nach Atomkriegen und ähnlichen Katastrophen komplett unter die Erde zurückgezogen hat – etwa in „Twelve Monkeys“ oder THX 1138.

Zweites Fazit: Die Phantastik in Film und Literatur ist von Höhlen durchlöchert wie ein Schweizer Käse.

Dies ist ein Vortragstext, der weitgehend dem Kapitel „Planetare Eingeweide“ in den „Nachttieren“ entspricht. Dort finden sich auch Literaturhinweise.

In diesem Blog geht es mit dem Thema weiter im Eintrag „

 

 

 

Theo, Sophie und die Wurzelrassen

Über ein mächtig okkultes Fundament der Science Fiction

Zu den unausrottbaren Vorurteilen zählt, dass Science Fiction in Literatur verpackte Wissenschaft sei. In einem erstaunlichen Umfang ist das schroffe Gegenteil wahr: Wohl kaum hat eine einzelne Persönlichkeit dem fantastischen Genre so deutlich den Stempel aufgedrückt wie eine furiose Rebellin gegen neuzeitliche Naturwis­sen­­­schaft. Die Rede ist von Helena Blavatsky, Begründerin der Okkultlehre namens Theosophie. Spürt man den nachgewiesenen und wahrscheinlichen Einflüssen ihrer Lehre auf die phantastische Literatur nach, liest es sich streckenweise wie ein „Who is Who“ der bekanntesten Weird- und Science-Fiction-Autoren.

Geboren wurde Helena Hahn 1831 in Jekaterinoslaw als Tochter eines deutschen Obersten im Dienst des Zaren und einer russischen Adligen. Aus der Ehe mit dem wesentlich älteren Nikifor Blavatsky floh sie, noch bevor diese vollzogen wurde.

Es folgte eine Reihe unsteter Wanderjahre, die sie kreuz und quer durch Europa, nach Mexiko, Persien und Tibet gebracht haben sollen (1). Dass sie schon als Jugendliche im Ruf eines Schreibmediums stand, scheint ihre spätere Karriere in mehr als einer Hinsicht vorgezeichnet zu haben. Während ihrer Reisen diente sie nicht nur dem spiritistischen Medium Daniel Dunglas Home zeitweise als Assistentin, sondern wandelte auch in Indien und anderswo auf den Spuren östlicher Weis­heitslehren. 1873 schließlich kam sie nach New York, wo sie sich der florierenden Spiritistenszene anschloss und den Miracle Club gründete. „Die Geister bewegten nun schon Tische, ließen Möbel durch die Luft schweben, spielten auf Musik­instrumenten und materialisierten sich sogar bei Séancen“ (2).

Auf den 7. September 1875 dann fiel ein Ereignis, das als Meilenstein in der Geschichte des modernen Okkultismus gilt: Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft. Den Begriff Theosophie haben weder Frau Blavatsy noch ihre Entourage selber erfunden, galt er doch vorher als Sammelbegriff für viele Formen des Mystizismus – doch ab diesem Zeitpunkt trägt er sozusagen das Copyright-Zeichen.

Besonders herausgefordert fühlte sich Blavatsky durch die seit kurzem grassieren­de Evolutionstheorie, dem hoffnungslosen Materialismus eines Charles Darwin oder Thomas Huxley. So erkor sie sich zur Aufgabe, diesen bedrohlichen Tenden­zen eine von Spiritualität und uralter Weisheit behauchte Menschheits­geschichte entgegenzusetzen. Und so tat sie, was sie am besten konnte: Schreiben in ständiger Tuchfühlung mit der Geisterwelt. Auf diese Weise erblickten Werke wie „Isis entschleiert“, „Die Geheimlehre“ oder „Der Schlüssel zur Theosophie“ das Licht der Welt.

Auch wenn H.B. ganz gewiss eine ungewöhnlich belesene Frau war, lassen sich Zweifel an ihrem kritischen Verstand nicht völlig unterdrücken. Statt auf Logik und empirische Überprüfung setzte sie entschieden auf Anmutungen, Visionen und Intuition. Das Ganze erweckt den Anschein, als ob das Gelesene über den Sehnerv ins Gehirn gelangte, dort Purzelbäume schlug, um nonstop und unter hohem Druck in die Schreibhand zu fließen. Auch die Nachfolger, die ihre Gedanken mit dem einen oder anderen neuen Detail schmückten, waren nicht unbedingt erleuchtete Meister des klaren Ausdrucks. Der Sache tat es keinen Abbruch: Dafür, dass die Lehre geheim war, erreichte sie erstaunliche Auflagen. Gleichzeitig schossen überall in Amerika, Europa – und Indien! – theosophische Gesellschaften aus dem Boden.

Nun hinterlässt die Theosophie weniger den Eindruck uralten Weistums als den einer kruden Science-Fiction-Religion, in der Versatzstücke aus Gnostik, indischem Mystizismus, Rassentheorie, moderner Astronomie und jede Menge okkult-spiritistischer Hokuspokus am staunenden Betrachter entlang paradieren.

Für die Theosophen stellt der Kosmos eine Art lebenden Organismus dar, der vor allem von übernatürlichen und meistens unsichtbaren Kräften erfüllt ist. Hin und wieder materialisiert ein Planet und durchläuft eine siebenstufige Evolution, um am Ende wieder ins Absolute zurückzukehren.

Auch der Mensch besteht aus sieben Komponenten, einigen physischen und einigen körperlosen, unter anderem dem Astralkörper. Eben der sei auch für all die okkult-spiritistischen Phänomene wie Telepathie und Hellsehen verantwortlich (3). Die unstofflich-unsterblichen Anteile gehen beim Tod auf ein anderes Individuum über, denn selbstverständlich glauben Blavatsky & Co. auch an die Reinkarnation.

Wie sehr es die Theosophie mit der Zahl Sieben hat, wird endgültig an ihrer Rassen­lehre deutlich. Im Laufe seiner Evolution wird der Planet Erde von insgesamt sieben „Wurzelrassen“ besiedelt. Derzeit befinden wir uns im Zeitalter der fünften, der arischen Rasse. Ihr gingen die polarische, die hyperboräische, die lemurische und atlantische voraus.

„Erst in der lemurischen ‚Rasse‘ habe der Mensch einen physischen Körper erhalten; in den vorherigen Epochen sei er ‚ätherisch-astralisch‘ gewesen. Jede Wurzelrasse wird bei Blavatsky wiederum in sieben Abschnitte, die sogenannten Unterrassen, unterteilt. Die gegenwärtige ‚arische‘ Rasse oder Epoche habe bisher fünf Abschnitte durchlaufen: die ur-indische, die ägyptisch-chaldäische, die ur-persische, die griechisch-lateinische und die aktuelle germanisch-nordische oder teutonische Unterrasse“ (aus 4).

Des Weiteren klärt die Theosophie autoritativ das Rätsel der Verwandtschafts­beziehungen zwischen Affe und Mensch. Nicht der Mensch stammt vom Affen ab, sondern umgekehrt: Indem Männer früherer Wurzelrassen ihren Trieb nicht beherrschen konnten und mit weiblichen Tieren Verkehr hatten, setzten sie Affen und andere Abscheulich­keiten in die Welt (3).

Auch untergegangene Kontinente spielen eine hervorgehobene Rolle – besonders Lemuria im indischen Ozean, das von der dritten Wurzelrasse bewohnt gewesen sei. „Diese Wesen hatten krumme Beine, vier Arme, Augen auf dem Hinterkopf, waren Hermaphroditen und legten Eier. Gemeinsam mit den Dinosauriern (ja, tatsächlich!) lebten sie in Lemuria und erfanden den Sex. Das führte aber zum Untergang von Lemuria“ (aus 5). Ursprünglich handelte es sich bei Lemuria übrigens um eine irrige, aber dennoch nüchterne wissenschaftliche Theorie, die bestimmte tiergeographische Beziehungen zwischen Afrika und Südostasien erklären sollte.

Weitere Anregungen fand Helena Blavatsky im altehrwürdigen Atlantismythos. Ihr zufolge handelte es sich bei den Atlantern um die Nachfahren der Lemurier. Da sie in der Lage waren, die Schwerkraft zu kontrollieren, war es ihnen ein Leichtes, mit Luftschiffen durch den Himmel zu kreuzen und Gigantarchi-tekturen wie Stonehenge auf die Beine zu stellen (6). Möglich wurde ihnen das durch die mystische „Vril“-Kraft, einer Lesefrucht, die Blavatsky beim englischen Phantastik­autoren Bulwer-Lytton („The Coming Race“) gepflückt hatte (7). Bei den Luftschiffen dachte sie allerdings weniger an neuzeitliche Luft- und Raumfahrttechnik als an die Vimanas, den Himmelsgondeln, die sich schon in der altindischen Veda finden (8,9). Erwähnenswert auch, dass die Ernährungs-grundlage der Atlanter aus außerirdi­schem Weizen bestand (10). Doch all diese Innovationen halfen am Ende nicht. Die Atlanter waren dem Untergang geweiht, weil sie sich zu tief in schwarz­magische Praktiken verstrickt hatten (11).

Da der Kosmos aus Sicht der Theosophen ohnehin vor geistigen Wesen wimmelte,  war die Vorstellung von Außerirdischen alles andere als ein gedanklicher Salto. Schon Blavatsky selber spekulierte über Leben auf fremden Welten und vertrat die Auffassung, dass die Weisen früherer Epochen um intelligentes Leben auf der Venus wussten (12). Gelegentlich bezog sie sich dabei auf den populären, erheblich zu Phantastik und Esoterik neigenden Astronomen Camille Flammarion, der ganz nebenbei zu den Gründungsmitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gehörte.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bauten Arthur E. Powells und Scott-Elliott, Theosophen der nächsten Generation, den venusianischen Mythos weiter aus. Ihrer Lesart nach landeten die Venusier in der Vorzeit mit einer großen Raumschiffflotte auf der Erde und/oder projizierten ihre Seelen in die Körper der Lemurier, womit sie deren geistige Anführer wurden. Verantwortlich zeichnen sie unter anderem für die Steinmonumente auf den Osterinseln (13).

Einen weiteren Aspekt theosophischer Welterklärung stellen übernatürliche und unsichtbare Geistwesen dar, die teilweise aus fremden, ebenso unsichtbaren Welten stammen. Sie nehmen die Rolle von Wächtern ein, die der Menschheit dabei helfen, auf dem Pfad der Höherentwicklung zu bleiben. Unerleuchtete vortheosophische Kulturen kannten Namen wie „Engel“ oder „Buddhas“ für diese Wesen (8). Ein wenig überraschend, dass für die Theosophen auch Luzifer einen ähnlich charmanten Part einnimmt (14) – ein Detail, das in einem anderen Zusammenhang erhebliche Bedeutung haben wird.

Die Ausstrahlung der Theosophie ist beachtlich. Nicht nur, dass sie einen großen Anteil an der Verbreitung indischer (Pop-)Mystik im Westen hat. Um einen der bekanntesten Theosophen überhaupt handelt es sich bei Rudolf Steiner, der zeitweise als Generalsekretär der deutschen theosophischen Sektion fungierte. Später sagte er sich unter Mitnahme des Vereinsvermögens los, um seine eigene Lehre, die Anthroposophie, zu propagieren, die die Grundlage der Walddorfschulen bildet.

Über Querverbindungen bestehen Beziehungen zur etwas unappetitlichen Figur Aleister Crowley und dem neuheidnischen „Wicca“-Hexenkult. Insgesamt spielten Theosophen in der esoterischen Szene eine so wichtige Rolle, dass es Alice Bailey, einer Anhängerin Blavatskys, zufiel, mit dem Begriff „New Age“ den Namen für eine ganze Bewegung zu kreieren.

Kehren wir noch einmal zum berüchtigten Schwarz- und Sexualmagier Aleister Crowley (1875-1947) zurück. Eine frühe Station seiner okkulten Karriere stellte der  OTO (Ordo Templis Orientalis) dar, einer ritualmagischen Verbindung, die von deutschen Theosophen gegründet worden war. Auch später noch schien Crowley  die Theosophen wachen Auges verfolgt zu haben. Er ließ sich sogar herbei, Helena Blavatsky seine spirituelle Schwester zu nennen, was bei einem Egomanen seines Zuschnitts ein unüberbietbares Kompliment darstellen dürfte (15).

Zu Crowleys Schülern gehörte der Amerikaner Jack Parsons. Dieser arbeitete eng mit einem ebenso vom Okkulten besessenen Freund zusammen, der sich als Science-Fiction-Autor über Wasser hielt. Sein Name war L. Ron Hubbard. Im Jahr 1950 brachte er das Buch „Dianetics“ heraus, einen Ratgeber, der praktische  Handreichungen für den Alltag bot: unter anderem, wie man zu einem unsterb­lichen Geistestitanen wird – wobei unsterblich wörtlich zu nehmen ist. Der Erfolg war groß genug, um eine Reihe von Seminaren folgen zu lassen. Doch setzten ihm die Mächte der Finsternis in Gestalt des Finanzamts derart zu, dass er sich entschloss, ihnen ein Schnippchen zu schlagen. Und so gründete Hubbard eine steuerbefreite Religionsgemeinschaft. Das war die Geburtsstunde von Scientology (16). Wie der Blogger Jason Colavito nachweisen konnte, handelt es sich bei den Hubbardschen Lehren um nichts anderes als aufgepeppte Theosophie: Angefangen bei einem von Geistwesen bevölkerten Kosmos, über außerirische Besucher auf der vorzeitlichen Erde, untergegangenen Kulturen und Kontinenten bis hin zu Seelenwanderung und übernatürlichen Fähigkeiten (13). In späteren Jahren gab Hubbard die Leitung von Scientology aus den Händen und schrieb wieder Science-Fiction-Romane. Einer davon, Battlefield Earth“, wurde vor einigen Jahren mit John Travolta in der Hauptrolle verfilmt.

Und damit wären wir mitten drin im Beziehungsnetz von Theosophie und Science-Fiction. Der Austausch fand durchaus nicht auf der Einbahnstraße statt. So zollte Helena Blavatsky dieser Literaturgattung große Hochachtung und deutete sie als Arterinnerungen an frühere Rassen und Epochen. Außerdem bediente sie sich ganz handfest bei Bulwer-Lyttons Roman „The Coming Race“, indem sie die Idee der Vril-Kraft in ihr Opus übernahm (17).

Gern zur Feder griff auch die prominente Esoterikerin Dion Fortune, die zusammen mit einigen Theosophen eine eigene Vereinigung gegründet hatte. Neben okkulten Traktaten verfasste sie eine ganze Reihe von Fantasy-Romanen (18). Auch die mit Theosophie und anderen Geheimlehren abgesättigte Esoteriklegende Maria Szepes tummelte sich hin und wieder in den Gefilden unterhaltender Literatur. Besonders bekannt ist ihr Alchemistenknüller „Der Rote Löwe“. Doch auch in ihren nichtfiktionalen (wenn man das so sagen kann) Werken schlug sie dann und wann einen bemerkenswert forschen Ton an: „Also begann die Atomkraft-Offensive der Lemurier gegen Atlantis. Das gespenstische Konzert der vernichtenden Elemental-Orgeln, der Kampf der Angriffs- und Abwehrkräfte, welche über die Empfangs- und Sendeantennen der magischen Zyklopenbauten, zwischen die Sternbahnen des Weltalls ausstrahlten, störte die Ordnung und das Gleichgewicht des Kosmos. Die Kräfte fingen einen unerwarteten, unerwünschten Himmelsvagabunden in ihrem Netz ein, änderten dessen Richtung und trieben seine zerstörerische Wirkung auf die Erde zu“ (aus 19).

Ja – und was wäre die Science-Fiction ohne Außerirdische? Viel Treibstoff wurde dem Genre durch jene Zeitgenossen zugeführt, die tatsächlich Kontakt mit Aliens gehabt haben wollen. Zu den ganz großen Stars des Ufo-Sichtungs-Booms nach dem 2. Weltkrieg gehört George Adamski. Bei unserem Georgi scheint es sich um ein einigermaßen pfiffiges Kerlchen gehandelt zu haben, von dem mehr als eine geniale (und lukrative) Idee überliefert ist. Bis in die zwanziger Jahre hinein sehen wir ihn als Armeeangehörigen und Instandsetzungsarbeiter im Yellowstone-Nationalpark. Und vor allem als eifrigen Studenten theosophischer Schriften. Im Jahr 1926 dann sein erster Gedankenblitz: Er gründete die theosophisch ausgerichtete Gemeinschaft des „Royal Order of Tibet“. Verbunden damit war die Lizenz zum Herstellen und Anbieten von Wein zu zeremoniellen Zwecken. Während der harten, trockenen Prohibitionssjahre eine nicht zu verachtende Einkommensquelle (20). Kurz nach Kenneth Arnolds epochaler Ufo-Sichtung im Jahr 1947 begann Adamski, selbstgemachte Fotos von Meteoriten­schauern als Ufo-Beweise zu verkaufen, was ihn zur lokalen Berühmtheit machte.

1952 dann der nächste Geniestreich: Als einer der ersten Menschen des 20. Jahr­hunderts verkündete er, mit Außerirdischen in Kontakt getreten und zu Rundflügen in einer Fliegenden Untertasse eingeladen worden zu sein. Bis zur Venus solle ihn diese Tripps gebracht haben: Bespaßt wurde er dabei von einem gewissen Orthon, einer markanten blond-nordischen Gestalt, die auf telepathischem Wege mit ihm plauderte und die Menschheit vor den Gefahren der Atombombe warnte. Dies war die Geburtsstunde des Aliens vom nordischen Typ (später wurden die „Greys“, die kleine, großköpfige und schlitzäugige Variante, populärer). Außerirdische von der Venus, eine Vorliebe fürs Arische, übersinnliche Kräfte, kosmische Wächter über das menschliche Schicksal – wo könnte man das schon einmal gehört haben?

Zur Unterstützung dieser Behauptungen und zur Verkaufsförderung seines Buches „Fliegende Untertassen landen“ schob George Fotos von besagtem fliegendem Geschirr nach, die mittlerweile längst als Nepp enttarnt sind. Ein Motiv erfreute sich besonderer Beliebtheit. Was es in Wirklichkeit darstellt, ist nicht ganz klar. Zum engeren Verdächtigenkreis gehören Abdeckhauben italienischer Eismaschinen. Trotzdem wurde das Design derart prominent, dass es den Ufos aus der TV-Serie „Invasion von der Wega“ Modell saß (21).

Ein eigenartiger – oder genauer gesagt: eigenartig brauner – Aspekt wurde in den letzten Jahren vor allem durchs Internet in die Ufologie getragen. Es sei klar gesagt, dass die Theosophen keine faschistische Organi­sation bilden oder bildeten. In ihren Gründungsstatuten verpflichteten sie sich zu durchaus humanisti­schen Idealen, außerdem verfolgten sie keine direkt politischen Ziele. Als entschiedene Gegner Darwins, bei denen so und so letztlich alles „geistig“ war, haben sie mit  Extrem- und Vulgärbiologismus sicherlich auch nicht viel anfangen können. Andererseits pflegte Blavatsky in ihrer „Geheimlehre“ einen ausgesproche­nen Arierkult und haute Bemerkungen raus, wonach die Juden grob sinnlich, materialistisch und selbstsüchtig und die farbigen Völker (die „Chândalas“) Degenerationsformen der Arier seien.

In die Blavatskysche Aura wurden damit zwangsläufig auch rechtsauslegende Esoteriker wie Ariosophen, Thulegesell­schaft und Artamanen gesogen, die bei der Anbahnung der NS-Diktatur eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Wo es um legendäre Kontinente, Ahnenrassen, Atlantis, reinrassige Arier und parapsychische Fähigkeiten ging, schrieben sie mit flinken Fingern von den Theosophen ab. Während des Dritten Reiches existierte zudem eine kleine bedeutungslose Gruppe, die über die technische Anwendung der „Vril“-Kraft spekulierte (22). Gleichzeitig wurde gelegentlich und am Rande mit kreisförmigen Fluggeräten experimentiert. Fäden, die gewissermaßen nur darauf warteten, zusammengeführt zu werden.

Und so schwang sich 1993 ein rechtsradikaler Verschwörungspamphletist zum chef de cuisine der Gerüchteküche auf. Unter dem Pseudonym Ja van Helsing warf er das Buch „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ auf den Markt, das beeindruckende Verkaufszahlen erreichte und sich nach Verbot wegen Volksverhetzung via Internet in unzähligen Klonen fortpflanzt. In besagtem Werk finden sich auch extrem verwaschene Fotos von Fliegenden Untertassen mit sprechenden Namen wie „Vril“ und „Odin“ (6). Seitdem gehört das Nazi-Ufo zu den fest etablierten Memen der Populärkultur. Fast meint man den Schlachtruf zu hören: „Heute gehört uns Youtube, morgen die ganze Welt!“. Eine aktuelle Persiflage dazu stellt der Film „Iron Sky“ dar. Die Bewertung bei IMBD fällt allerdings eher mäßig aus. Was ein Grund mehr wäre, das Thema zu den Akten zu legen.

Dass die Götter Astronauten waren, dass die Erde in der Vorgeschichte Ziel außerirdischer Besucher war, hat Erich von Däniken nach eigenem Bekunden durch außersinnliche Eingebungen erfahren (23). Dabei hätten es auch  konventionellere Kanäle der Wissensvermittlung getan: Zum Beispiel Buchhandlun­gen. Tatsächlich wurde er in Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen mehr als einmal gezwungen, nachträglich Hinweise auf Bücher seiner Ideengeber und Vorläufer ins Literaturverzeichnis aufzunehmen. So hat bereits einige Jahre vor Dänikens Debut der fränzösische Science-Fiction-Schreiber Robert Charroux die Idee vorgeschichtlicher Ufo-Kontakte in Sachbüchern verarbeitet.

Doch war auch er weit davon entfernt, der Erste zu sein. Im Jahr 1960 hatte sich das französische Autorengespann Louis Pauwels und Jacques Bergier in ihrem Buch „Le Matin des magiciens“ einer ganzen Palette von Themen angenommen wie Prophezeiungen, Alchemie, die Nazca-Linien, Nazi-Okkultismus und einer fremden Riesenrasse, die in prähistorischer Zeit die Menschheit beherrschte. Beide waren massiv beeinflusst durch den amerikanischen Weird-Fiction-Autoren H.P. Lovecraft (24). Und der hatte das Buch The Story of Atlantis and Lost Lemuria von Scott-Elliott, einem waschechten Theosophen, sehr genau gelesen.

In seinem ersten Leben war David Icke Fußballprofi in der englischen Liga und  Sportreporter der BBC. Im Jahr 1991 ließ er sich während eines TV-Inter­views, in dem er eine Reihe recht krauser Theorien vertrat, unter anderem zur Behauptung hinreißen, der Sohn Gottes zu sein. Dies hätte ohne weiteres das Ende einer Karriere bedeuten können. Für Icke war es der Anfang. Seit dieser Zeit gehört er zu den Schwergewichten der esoterisch-verschwörungs­theoretischen Szene und findet ein nicht gerade bescheidenes Auskommen als Vortragsredner und Buchautor.

Seine Hauptthese lautet, dass unser Planet von der Geheimloge der Illuminaten beherrscht wird. An deren Spitze wiederum steht ein kleiner Kreis von Mischlingen: Kreuzungen von Menschen und reptilienartigen Außerirdischen, die vor Jahrtausenden auf die Erde kamen. Um ihre humanoide Form zu wahren, sind diese Mischwesen auf den Konsum von Menschenfleisch angewiesen. Dennoch entgleiten ihnen hin und wieder unter Stress die Gesichtszüge, wodurch die wahre Reptilienfratze zum Vorschein kommt. Unvorteilhafte Fotos von Prominenten bilden für Icke den unumstößlichen Beweis seiner Thesen (25).

Nun könnte man meinen, dass Mr. Icke völlig übergeschnappt sei. Was den Nagel wohl auch auf den Kopf trifft. Trotzdem steckt mehr dahinter. Denn diese Ideen sind nicht allein auf seinem Mist gewachsen. Jahre zuvor verkündete William Bramley in seinem Sachbuch der schockierten Öffentlichkeit, dass die Erde von einem außerirdischen Geheimbund beherrscht werde. Wenn auch selber nicht reptiloider Gestalt, hatten sie doch die Schlange als Symbol auserkoren und nannten sich folgerichtig Bruderschaft der Schlange. Doch schon im Jahr 1889 hatte der Okkultautor Hargrave Jennings die Erkenntnis ausgebreitet, dass es einen mächtigen, weltumspan­nenden (wenn auch nicht außerirdischen) Schlangenkult gebe (26). Nur wenige Jahre zuvor hatte Helena Blavatsky als erste und einzige von einer Bruderschaft der Schlange geschrieben (27). Außerdem erinnern wir uns, dass ihr zufolge die Lemurier, die dritte Wurzelrasse, die zusammen mit den Dinosauriern lebte, Eier legte und auch sonst so einige reptilische Eigenarten pflegte.

Beachtlich der Einfluss der Theosophie auch auf jene, die es nicht nötig hatten, ihre Traumgespinste als reißerische Fakten zu verkaufen – auf die Schriftsteller phantastischer Literatur. So steht der Brite Rider Haggard (1856-1925) im Ruf, sich mit Theosophie beschäf­tigt zu haben. Bekannt ist sein Abenteuerroman „König Salomos Schatzkammer“, in dem er die Figur Allan Quatermain einführt, die auch für Verfilmungen aus den 80er Jahren als Grundlage diente. Noch bedeutender aber ist sein Werk „She“, bei dessen titelgebender Figur es sich um eine 2000 Jahre alte Priesterin eines vergessenen Kulturvolkes in Afrika handelt. In diesem Setting aus übersinnlichen Fähigkeiten, Ahnenrassen und verschollenen Kulturen werden theosophische Einflüsse mit Händen greifbar. Auch andere Passagen in seinem ziemlich umfangreichen Werk weisen Beziehungen zur Esoterik Blavatskyscher Prägung auf (28).

Algernon Blackwood, prominenter Verfasser von Horror- und Psi-Geschichten, hatte zeitweise sogar die Stellung eines Sekretärs der Theosophischen Gesellschaft in Toronto inne (28).

Vor allem bekannt ist Arthur Conan Doyle für seinen gnadenlos logisch operierenden Überdetektiv Sherlock Holmes. Doch daneben gibt es einen anderen Doyle, einen weniger bekannten. Einen, der sich intensiv mit Theosophie und Spiritismus beschäftigte – und dessen Hingabe so weit ging, auf ziemlich plumpe Fotofälschungen von Minielfen hereinzufallen (29). Außerdem lieferte er sich eine Privatfehde mit dem ehemals befreundeten Entfesselungskünstler Houdini, weil der sich – gewissermaßen als Mann vom Fach – erdreistete, Spiritismus als Humbug und Bühnenhokuspokus zu outen.

Zu Doyles imposantem Oeuvre gehört eine ganze Reihe von Okkult- und Science-Fiction-Romanen. Am bekanntesten darunter dürfte sein Zyklus um den schratigen Professor Challenger sein. Herausragend „The Lost World“, in dem ein von Dinosauriern bevölkertes Hochplateau im südamerikanischen Dschungel entdeckt wird. Darüber, ob Erzählelemente wie alte Rassen und Dinos als Zeitge­nossen auf theosophischen Anregungen beruhen, lässt sich nur spekulieren. In weiteren Challengergeschichten wie „Land of the Mist“ oder „When the World Screamed“ (30) geht es jedenfalls handfest spiritistisch und esoterisch zu.

„Inklings“ (Tintenkleckser) nannte sich eine Bande von distinguierten Professoren der Geisteswissenschaften an der Universität Oxford, die sich seit den 30er Jahren regelmäßig in ihrem Lieblingspub „The Eagle and Child“ trafen, um ungehemmt akademisches Seemannsgarn zu spinnen und auf Papier zu bannen. Der Bekannteste von ihnen war J.J.R. Tolkien (31). Nicht wesentlich weniger prominent der Literaturwissenschaftler C. S. Lewis, dessen populärste Romanserie kürzlich unter dem Titel „Die Chroniken von Narnia“ verfilmt wurde. Daneben verfasste er einen Science-Fiction-Zyklus, der auch Perelandra-Trilogie genannt wird. Dass Lewis ein Leben lang zwischen Christentum und Theosophie pendelte, ist diesem Werk deutlich anzumerken. Zwar spielen Raumschiffe und Reisen zu anderen Planeten eine Rolle, andererseits geht es aber akzentuiert übersinnlich zu,  indem sich die Handlung zu einem großen Teil um kosmische Evolutionen, Planetengeister, Astralreisen, böse Mächte und magische Kräfte dreht (32).

Literarisch aktiv war der Kalifornier Clark Ashton Smith (1893-1961) nur für relativ kurze Zeit. Seine gesamte zweite Lebenshälfte widmete er in seiner einsamen Hütte dem Malen und der Bildhauerei – allerdings ein wenig dilettantisch, wie ich finde. Im Gegensatz dazu stellt sein schriftstellerisches Werk einen meisterlichen Zaubertrank aus Horror, Science-Fiction und Fantasy dar. „Als Hintergrund dient Smith ein Universum voll ferner lähmender Schrecken – Dschungel voll giftiger, schillernder Blüten auf den Monden des Saturn, verruchte und groteske Tempel in Atlantis, Lemuria und in vergessenen früheren Welten sowie feuchte Sümpfe mit gefleckten tödlichen Pilzen in gespenstischen Ländern jenseits der Erde“. So Brieffreund und Bewunderer H. P. Lovecraft in seinem Essay „Die Literatur der Angst“ (33).

Mit den quasi-religiösen Implikationen der Theosophie konnte Smith nicht viel anfangen, doch erwähnte er in einem Brief an Lovecraft, dass er deren Mythologie so einiges an Anregungen zu verdanken habe. Sein Zyklus um Poseidonis, einer Insel des atlantischen Kontinents mitsamt seiner arischen Bewohner, folgt theosophischen Quellen (34). Bei denen hatte er sich zudem die Idee für Hyperborea, dem Schauplatz eines anderen Zyklus, geborgt.

Zu den Brieffreunden Lovecrafts (und Smiths) gehörte auch Robert E. Howard aus Texas. Obwohl er sich ein scharfes Muskeltraining verordnet hatte, wirkt er auf den erhaltenen Fotos immer ein wenig weich und pummelig. Etwas, was einem Arnold Schwarzenegger wohl kaum nachgesagt werden kann. Und das dürfte der Haupt­grund gewesen sein, warum dem österreichischen Wahlamerikaner die Filmrolle des „Conan“ zufiel. Bei diesem Conan aus Cimmerien handelt es sich um Howards wichtigste literarische Figur. Seine Geschichten bestanden vor allem in Fantasy vom „Schwert-und-Magie“-Typ, die in fernen geschichtlichen und vorgeschichtlichen Epochen spielten und in denen sich kraftstrotzende Barbaren mit der Streitaxt in der Hand den Weg zum kleinen Glück bahnten. Allerdings hat er auch Erzählungen hinterlassen, bei denen fremde Planeten die Kulisse abgeben. Außerdem ist seine Figur Solomon Kane als Angehöriger der viktorianischen Epoche mehr oder minder Zeitgenosse. Wenn er auf verlorene Stämme und Kulturen stößt, befindet er sich im Übergangsfeld von Fantasy und Science-Fiction (35). Howards Vater las theoso­phi­sche Schriften und war als Landarzt „alternativen“ Methoden zugetan. Auch Robert E. Howard selber hatte einige theosophische Lieblingsautoren (36). Nehmen wir noch die Korrespondenz mit Lovecraft und Smith hinzu, lässt sich konstatieren, dass er in einer ausgesprochen theosophischen Atmosphäre atmete. Seine Geschichten um Atlantis und Lemuria, alten Rassen und üblen Zauberern legen Zeugnis dafür ab.

Verfügt Robert E. Howard Jahrzehnte nach seinen Tod noch über eine treue Fangemeinde, dann muss der folgende Autor zu den Megastars des Genres gezählt werden. Dauerhaft ins Gedächtnis der populären Literatur eingegangen ist Edgar Rice Burroughs (1875-1950) als Schöpfer Tarzans, Herr des Dschungels. Viel Erfolg hatte er daneben mit seiner Science-Fiction-Serie um die Hauptfigur Jim Carter, der nach einer Ohnmacht feststellen muss, dass er sich mittlerweile auf dem Mars befindet, wo er zünftige Abenteuer zu bestehen hat.

In den 50er Jahren machte sich Fritz Leiber, ein weiterer Grandseigneur der phantastischen Literatur, daran, den Inspirationen für Burroughs Werk auf den Zahn zu fühlen. Fündig wurde er bei den Theosophen. Für die unterschiedlichen marsia­nischen Rassen, von denen eine über zwei Armpaare verfügt, gibt es Entsprechun­gen bei Blavatsky. Und in der geheimnisvollen Energie, mit der die Marsianer ihre Raumschiffe bewegen, lässt sich unschwer die Vril-Kraft identifizieren. Ähnlichkeiten bestehen auch hinsichtlich Gedanken- und Astralreisen. Zudem resoniert in der untergehenden hohen Zivilisation der „roten“ Marsianerrasse der theosophische Atlantismythos (37). Bemerkenswert an dieser Analyse nicht nur die Affinität Burroughs zur Theosophie, sondern auch Leibers Kennerschaft – ein Autor immerhin, der allen Sätteln der Phantastik gerecht wurde: in der Fantasy vor allem durch seinen legendären Grauen Mauser, im Horror zum Beispiel durch „Conjure Wife“ (verfilmt als „Hypno“/“Night of the Eagle“) oder in der Sci-Fi mit „Wanderer im Universum“.

Nachdem der Name bereits mehrfach genannt wurde, ist es an der Zeit, einen genaueren Blick auf H. P. Lovecraft zu werfen. Literarisch gesehen gehören seine Erzählungen zu jenen wunderlichen Werken, bei denen die Einzelheiten falsch sind, das Gesamtergebnis aber imponiert. In seinen Stories spielen Frauen und Erotik eine geringere Rolle als in einem Mönchsorden, die Plots sind oft durchsichtig, simpel und ohne Raffinesse. Dabei bedient er sich einer bewusst antiquierten Sprache, deren überrissenes Vokabular wie „blasphemisch“ und „monströs“ formelhaft rezitiert wird. Seine rassistischen Ausfälle machen sprachlos, und seine auf die Spitze getriebene Angst- und Ekelbereitschaft vermitteln das Gefühl, der beklemmenden Ausstrahlung eines hoch neurotischen Menschen ausgesetzt zu sein. Und dennoch gibt es kaum einen Autor, dessen Einfluss so weit reicht: von der Präastronautik à la Däniken, die ihre Herkunft zu leugnen versucht, bis zur offenen Bewunderung eines Stephen King oder John Carpenter.

Doch auch Lovecraft hatte Vorläufer. Dass er von Haus aus Atheist und naturwissen­schaftlicher Materialist war, hinderte ihn nicht, allerlei dämonische und phantastische Geschichten zu erzählen. Handelte es sich zunächst vor allem um Okkult- und Schauergeschichten, nimmt im Werk nach und nach das eine große Thema Gestalt an: Der Cthulhu-Mythos, der Bericht von fremdartigen Rassen aus dem All, die vor Urzeiten die Erde besiedelten, gigantische Städte gründeten und deren Hinter­lassenschaft noch immer für unerfreulichen Spuk sorgt (38).

Aus seinem umfangreichen Schriftverkehr geht hervor, dass er diverse theoso­phische Schriften kannte und sie bei seiner eigenen Produktion für ausgesprochen hilfreich hielt. Wenn in seinen Erzählungen fremde außerirdische Rassen auf lemurischen und atlantischen Kontinenten, Raumschiffe von der Venus und die mythische Stadt Shamballah (aus der auch die Shangri-La-Legende hervorging) auftauchen, ist es kein großes Rätsel, woher diese Ideen stammen (39).

In seinen „Bergen des Wahnsinns“ vergleicht er außerdem die antarktischen Ruinenstädte mit den tibetischen Landschaftsbildern Nicholas Roerichs, einem russischen Künstler und Himalajareisenden, der eine theosophische Vereinigung gründete und die Lehre von Agarta verbreitete, dem mythischen unterirdischen Reich im Tibet (40).

Vor dem zweiten Weltkrieg gab es, ein wenig in Vergessenheit geraten, auch in Deutschland eine blühende populäre bis triviale Science-Fiction-Szene. Wie der Soziologe Manfred Nagl anmerkt, sticht diese Literatur nicht gerade durch einen lupenrein technisch-naturwissenschaftlichen Charakter hervor, sondern enthält starke okkult-phantastische Elemente. Ein Trend, der nach Nagl aus den USA herüber geschwappt sei. Auch dort gehörten zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 50% der als Science Fiction gelisteten Texte in die übersinnlich-mystische oder pseudohistorische Kategorie (8).

In Deutschland drängten sich neben Theosophie, Hohlwelt- und Welteislehre massiv Rassentheorien ins Genre. Und so erzählen die Romane nicht nur von kühnen Luft- und Raumfahrtpionieren, sondern auch von bösen Zauberern, Ätherwesen, kosmischen Evolutionen, übersinnlichen Fähigkeiten, reinen arischen Rassen, Welt­un­tergängen, Polverschiebungen und immer wieder von Atlantis.

Atlantismythos und Arierideologie besonders eng verwoben und auf die propagan­distische Spitze getrieben hat Edmund Kiß (41) in seiner Atlantistetralogie (1931-1937). Zur Belohnung hätte ihn Heinrich Himmler um ein Haar zum Expeditions­teilnehmer ernannt, wäre nicht der Krieg dazwischen gekommen. Auch Hans Dominik, bekanntester deutscher SciFi-Autor jener Tage, den es in seinen Geschichten neben technischen Utopien auch immer wieder ins Parapsychische lockte, versuchte sich am Atlantisthema.

Die bekannteste Sci-Fi-Heftreihe vor dem zweiten Weltkrieg trug den untergegan­genen Kontinent sogar im Titel: „Sun Koh – Der Erbe von Atlantis“. Die Hefte erschienen in mehreren Auflagen bis 1945. Ab 1958 wurden sogar wieder Neubearbeitungen aufgelegt. Mastermind hinter dem Ganzen war Paul Alfred Müller, zu dessen gigantischem Ausstoß auch eine Reihe von „Kommissar X“-Titeln gehören. Zur Illustration, wes Geistes Kind er war, ein kurzes Wiki-Zitat: „Alle Nachkriegsausgaben wurden um rassistische, antisemitische oder allgemein das Deutschtum verherrlichende Ausdrücke gekürzt“ (42). Nicht nur, dass Sun Koh in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für „Perry Rhodan“ abgab – beinahe hätte sich auch eine persönliche Kontinuität ergeben. Denn ursprünglich war Müller als Mitautor vorgesehen. Ein Vorhaben, das daran scheiterte, dass er seinen  verschrobenen Hohlweltglauben in die neue Serie einzubringen gedachte (43).

Dennoch lässt sich in der Perry-Rhodan-Reihe Kontinuität auf breiter Front feststellen: nicht nur in Bezug auf Sun-Koh oder der allgemeinen esoterischen Tendenz der Zwischenkriegszeit-SciFi, sondern auch zum munter sprudelnden Quell der Theosophie.

So finden sich im Perry-Rhodan-Universum außerirdische Besucher in der Vorzeit nebst untergegangenen Kulturen und Kontinenten, die sich gut theosophisch Atlantis und Lemuria nennen. Bei Atlan, dem letzten Überlebenden der atlantischen Zivilisation, handelt es sich um eine imposante, quasi-arische Figur. In gewisser Weise gehört er zu den Wächtern von den Sternen, die ihre schützende Hand über die Menschheit halten. Zu denen zählt auch das Geistwesen „Es“ auf dem Planeten Wanderer. Komplette Planeten, die eine Evolution ins rein Geistige durchlaufen, stellen nun aber Theosophie in Reinkultur dar. Und es finden sich Wesen mit parapsychischen Fähigkeiten, „Mutanten“, die Gedanken lesen (Telepathie), ohne Zeitverlust von einem Ort zum anderen springen (Teleportation) oder Gegenstände mit rein geistiger Kraft bewegen können (Telekinese).

Auch wenn wir damit der deutschen Serie den Rücken kehren, lohnt es sich, ein wenig bei diesen „Sonderbegabungen“ innezuhalten. Berichte und Vorstellungen von Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten gibt es seit eh und je: Zauberer, die die Dinge in ihrer Umwelt nach Belieben manipulieren konnten, Poltergeistphänomene, schwebende Gestalten – schon Jesus Christus konnte über dem Wasser laufen (44). Von Hellsehern und Gedankenlesern bis zu schwebenden Jungfrauen sticht die enge Beziehung zu einer Vielzahl von Kirmesattraktionen ins Auge. Im 19. Jahrhundert formierte sich die Parapsychologie, die die Begeisterung für abseitige Phänomene in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden versuchte. Am erfolgreichsten noch dürfte sie bei der Umbenennung der Phäno­mene gewesen sein, wie sie heutzutage mit ihren schicken griechisch-lateinischen Bezeichnungen einherschreiten.

Bekanntermaßen waren die Beziehungen zwischen Parapsychologie und Theosophie außerordentlich eng: Nicht nur, dass Mme Blavatsky selber als potentes Medium galt. Gleichzeitig umfasste ihre Lehre eine Theorie der Psi-Kraft. Einem Online-Wörterbuch der Science-Fiction-Fachbegriffe zufolge ist der Ausdruck Telepathie direkt von Parapsychologie und Theosophie ins phantastische Genre gesickert (45).

Allerdings reichen die Zusammenhänge noch tiefer. In ihrer „Geheimlehre“ verkündet Blavatsky, dass sich eine neue Stufe menschlicher Evolution zuerst mit der Geburt anomaler, parapsychisch begabter Kinder ankündige. Faszinierenderweise taucht diese Idee gleich in einer ganzen Reihe von teilweise sehr einflussreichen SciFi-Romanen auf. Sehr bekannt wurde „Slan“ von A. E. van Vogt, der eng mit Hubbard zusammenarbeitete und zu den Mitbegründern von Scientology gezählt werden kann. Als weitere Titel zu nennen wären George Smith: Das Geheimnis der Wunderkinder, H. L. Lawrence: Kinder des Lichts oder Lewis Padget: Die Mutanten (8). Einen besonders großen Erfolg erzielte die Verfilmung von Wyndhams „Midwich Cuckoos“, die unter dem Titel „Das Dorf der Verdammten“ in den deutschen Kinos lief. 1995 machte sich John Carpenter sogar an eine Neuverfilmung.

Den erstaunlichsten Fall aber stellt Arthur C. Clarke dar, der zu den absoluten Granden der britischen Science-Fiction gehört. Besonders in seinen frühen Werken erweist sich der studierte Mathematiker und Physiker als vor allem technisch-naturwissenschaftlich orientierter Autor. Darüber hinaus trat er immer wieder als scharfer Kritiker von Parapsychologie und Esoterik auf (46). Und dennoch stammt aus seiner Feder der Roman „Childhood’s End“ (dt. „Die letzte Generation“).

Erzählt wird die Invasion der außerirdischen Superzivilisation der Overlords, deren Riesenraumschiffe eines Tages über den Hauptstädten der Erde erscheinen. Die Overlords, die die Geschicke der Menschheit seit langem beobachten, führen mit Hilfe ihrer überlegenen Technologie den Planeten in eine Phase des Friedens und Wohlstands. Nach fünfzig Jahren endlich zeigen sie sich den Menschen in ihrer körperlichen Gestalt – die mittelalterlichen Teufelsdarstellungen erstaunlich ähnlich ist. Es wird offenbar, dass sie die Absicht haben, die Menschheit mit einem rein geistigen Superwesen, dem „Overmind“, zu verschmelzen. Als auf der Erde immer mehr Kinder mit parapsychischen Fähigkeiten geboren werden, kündigt sich der Zeitpunkt an, zu dem die Erde physisch zu existieren aufhören und eine neue Existenzstufe erreicht wird (47).

Wenn sich in einem phantastischen Roman eine einzelne thematische Überschneidung zu theosophischem Gedankengut findet, ließe sich das als Zufall abtun und müsste nicht als Beeinflussung interpretiert werden. Aber hier? Die Existenz von Geistwesen. Kosmische Wächter. Wächter, die – es sei ausdrücklich gesagt – in der Gestalt des Teufels auftreten. Wir erinnern uns: Nach theosophischer Lesart hat auch Luzifer eine derart positive Rolle inne. Geistige Evolutionen: Nicht nur von Rassen, sondern von ganzen Planeten. Kinder mit paranormalen Fähigkeiten als Künder eines neuen Evolutionsabschnitts. Immer noch Zufall?

Nun wäre es ja möglich, dass sich Erzskeptiker Clarke in ironisch-parodierender Weise der Theosophie bedient hat. Das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, weil der Ton des Romans zu ernst, zu unironisch gehalten ist. Und es gibt einen noch schwerwiegenderen Grund. Von Clarke stammt auch der Roman „2001 – Odyssee im Weltraum“, der von Stanley Kubrick verfilmt wurde und bei dem es sich möglicherweise um den einflussreichsten Science-Fiction-Film aller Zeiten handelt.

Auch hier die Themen außerirdische Zivilisationen als Begleiter und planetare Evolutionen. Mit Symbolik geradezu überfrachtet die letzte Einstellung – wenn neben dem Bild der vom Weltall aus gesehenen Erde in gleicher Größe, in gleicher Kugelgestalt und vom selben ätherischen Schimmer umhüllt die Fruchtblase mit dem Ungeborenen auftaucht. Und so mag es sein, dass es sich beim stillen rätselhaften Lächeln des Fötus um den letzten Gruß der alten Hochstaplerin Helena Blavatsky handelt.

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Literatur

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  47. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_letzte_Generation

Die Vielfalt europäischer Haarfarben

Weltweit gesehen haben fast alle Menschen dunkle Haare. Nur die Europäer und deren Nachkommen weisen Vielfalt in der Haarfarbe aus (wenn man mal von solchen Phänomen wie den australischen Ureinwohnern absieht, bei denen es überraschend viele blonde Haare gibt). Wo aber ist die Vielfalt am größten? Tipp: Die Griechen scheiden aus, da die sich ganz überwiegend schwarzhaarig präsentieren. Auch die Schweden kommen nicht in Frage, da die fast so blond sind wie die Griechen dunkel.

Glücklicherweise stellt die Biologie (genauer gesagt die Ökologie) rechnerische Verfahren zur Verfügung, mit denen sich Vielfalt ermitteln lässt. Eine dieser Methoden geht vom Informationsgehalt eines Systems aus. Beispiel: In einem Biotop gibt es nur Mücken. Hier ist die Frage leicht beantwortet, welche Tierart einem als nächstes begegnen wird. Das Mückenbiotop verfügt also über einen sehr geringen Informationsgehalt = geringe Vielfalt. Ganz anders im tropischen Regenwald. Hier kann mich ein hübscher Schmetterling genauso überraschen wie eine Giftschlange. Hohe Ungewissheit = hoher Informationsgehalt = große Vielfalt.

Das Verfahren geht von den relativen Häufigkeiten der einzelnen Tierarten aus, die mit ihrem Logarithmus multipliziert werden. So werden die legendären „Bits“ ermittelt (wobei uns die technischen Einzelheiten nicht interessieren).  Die Einzelwerte werden über alle Tierarten addiert, womit sich der Gesamtinformationsgehalt eines Systems ergibt.

Natürlich funktioniert dieses Verfahren nicht nur bei Tierarten, sondern auch bei Menschen mit bestimmten Haarfarben. In der Tabelle unten sind die Häufig-keiten blonder, roter, brauner und schwarzer Haare für eine Reihe von europäischen Bevölkerungen aufgeführt. Die 0,5800 bei Finnland unter „blond“ ist so zu lesen, dass 58% aller Finnen blonde Haare haben.  Die einzelnen Werte habe ich entnommen aus:  http://www.theapricity.com/forum/showthread.php?35882-New-Hair-and-Eye-color-statistics-

In der zweiten Spalte von rechts wurde unter H der jeweilige Informationsgehalt  berechnet. Je höher H, desto größer die Vielfalt. Ganz unten findet sich eine Nation namens Test. Die gibt es natürlich nicht. Hier ging es um die Frage, wie das theoretisch denkbare Maximum von H aussieht. Das ist erreicht, wenn alle vier Haarfarben die Häufigkeit von 0,25 (= 25%) aufweisen. In der Spalte ganz rechts (H/Hmax) habe ich den jeweiligen H-Wert durch das maximale H (das von Test) dividiert und in Prozent ausgedrückt. Die 75,6% von Belarus beispielsweise sind so zu lesen: Belarus erreicht 75,6% der maximal denkbaren Vielfalt.

Die Berechnung macht es leicht, die verschiedenen Bevölkerungen zu vergleichen. Wie man sieht, bildet Schottland den Spitzenreiter. Das liegt unter anderem daran, dass es dort besonders viele Rotschöpfe gibt. Den Bravehearts dicht auf den Fersen sind die Engländer. Aber auch die Norweger, Deutschen und Niederländer halten noch Tuchfühlung.EuroHaar

Foreshadowing

Vorausdeutung: Der Königstrick der schreibenden Zunft

Im Jurassic Park regiert Murphys Gesetz. Es geht schief, was schief gehen kann. Tyrannosaurus und Konsorten dezimieren das Wachpersonal. Das Sicherheitssystem, das für die elektrischen Schutzzäune zuständig ist, funktioniert nicht mehr, und zu allem Überfluss vermehren sich die Urzeitmonster ungeplant wie die Karnickel (um der zoologischen Systematik etwas Gewalt anzutun). 

Schon werfen sich die Velociraptoren berserkerhaft gegen die halb geöffneten Türen des Vergnügungscenters. Dorthin haben sich die letzten Überlebenden geflüchtet. Es sieht nicht gut aus für unsere Helden. Da aber flitzt ein kleines Mädchen von vielleicht zwölf Jahren an den Computer, knackt in Windeseile den digitalen Code und schafft es, das Sicherheitssystem einschließlich der elektronischen Türschlösser wieder in Gang zu setzen.

Ein äußerst dürftiges Happy End, könnte man meinen. Viel unglaubwürdiger wäre die Geschichte auch nicht, hätte das Mädchen die Dinosaurier in kleine Häschen verzaubert. Aber ganz so unbedarft waren die Macher von „Jurassic Park“ (1993) natürlich nicht. Denn einige Zeit vorher war es zu einem kurzen Dialog zwischen Lex, wie das Mädchen hieß, und ihrem Bruder gekommen. In diesem Wortgeplänkel wies sie die Bezeichnung Computerfreak von sich und wollte viel lieber Hacker genannt werden. Ab jetzt war dem Zuschauer klar: Das Mädel hatte es faustdick hinter den Ohren. Und genau dieser im ersten Moment so unbedeutend wirkende Minidialog machte die Bahn frei für die anschließende Handlung. Denn damit blieb die Story glaubwürdig und logisch in sich geschlossen.

Der Trick bestand darin, der Handlung mit entsprechenden Hinweisen vorzugreifen. Und um diesen Trick geht es hier. Er spielt im Erzählerischen eine kaum zu überschätzende Rolle – sei es als subtile Andeutung, sei es als Wink mit dem Zaunpfahl. Der etwas schwerhändige deutsche Ausdruck für diesen Kunstgriff lautet epische Vorausdeutung; die Angelsachsen machen es sich da einfacher und nennen es schlicht Foreshadowing.

Manchmal dient es einfach dazu, Appetit aufs Kommende zu machen. Bereits in der zweiten Strophe des Nibelungenlieds heißt es über die junge Kriemhild: „Später wurde sie eine schöne Frau; ihretwegen mussten viele Kämpfer ihr Leben verlieren.“ (1)

Autor und Schreibtrainer Marcus Johanus findet diesen Einstieg zwar etwas einfach gestrickt und altbacken (2), aber wer würde dasselbe über den Einstiegssatz von Kleists Michael Kohlhaas sagen? „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“

Eine ganze Reihe von Filmen folgen diesem Prinzip, indem sie die chronologische Ordnung aufbrechen und mit einer Szene mitten in der Handlung beginnen, die erst in einer Art Rückblende Sinn ergibt. Zu nennen etwa „Pulp Fiction“ oder „Die üblichen Verdächtigen“.

Die Vorwegnahme kann aber auch indirekter geschehen, indem der Storyhöhepunkt zunächst quasi im Modell durchgespielt wird. In John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ erschießt George den Hund, damit es von keinem Fremden erledigt wird. Später wird er dasselbe mit seinem Kumpel Lennie tun (3).

Noch subtiler können dramatische Ereignisse durch Zeichen in der Natur angekündigt werden – etwa durch einen Wetterumschwung oder einen Sturm. Beispielsweise findet diese Erzählstrategie in Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ Verwendung (4).

Gelegentlich bahnt Foreshadowing auch einfach nur einem Gag den Weg. In „Shaun of the Dead“ lässt sich Ed über seinen Mitbewohner Pete aus, mit dem er sich gerade wieder einmal gestritten hat. „Das nächste Mal, wenn ich ihn sehe, ist er tot.“ Prompt tritt ihm Pete beim nächsten Treff als (Un)Toter entgegen (5).

Wichtig ist Foreshadowing natürlich vor allem dann, wenn es darum geht, eine Geschichte möglichst folgerichtig und logisch kompakt erscheinen zu lassen – wie im „Jurassic Park“.

Als weiteres Beispiel dazu kann die Münsteraner Tatort-Episode „Spargelzeit“ herangezogen werden. Ein junges Mädchen wird entführt und mit verbundenen Augen in einem Auto verschleppt. Später kann sie den Täter, übrigens einen uniformierten Polizisten, am Geruch des Duftsteins im Wagen identifizieren. Auch diese Wendung würde enttäuschend beliebig wirken; wenn besagter Duftstein in einer vorangegangenen Szene nicht betont deutlich am Rückspiegel und sehr zentral im Bild gebaumelt hätte. Außerdem wurde der Täter für eine anscheinend unbedeutende Nebenfigur auffallend oft und lang ins Bild genommen. Zusammengenommen bietet dies dem Zuschauer die Chance auf ein Aha-Erlebnis: „Mensch, ja! Da war doch was!“

Betrachten wir die psychologischen Hintergründe für diese Art von Foreshadowing einmal etwas genauer. Vor allem interessiert hier sozusagen die Kehrseite des Phänomens. Was geschieht, wenn der Erzähler aufs Foreshadowing verzichtet? Wie wir gesehen haben, wäre mit ziemlich negativen Publikumsreaktionen zu rechnen. Verständlich, dass der Autor diesen Eklat fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Aber woher diese Ablehnung? Begeben wir uns also auf die Suche nach dem Geheimnis schlechter Erzählungen.

Dazu ist es sinnvoll, sich anzuschauen, was für ein Wesen der Mensch überhaupt ist. Die Spurensuche reicht weit in unsere Stammesgeschichte zurück. Vor dem Hintergrund der Millionen von Tierspezies, die diesen Planeten bevölkern, hebt sich unsere eigene Art vor allem durchs große Gehirn und eine ins Extrem gesteigerte Lern- und Denkfähigkeit ab.

Vor kurzem habe ich eine Dokumentation über Taucher in tropischen Gewässern gesehen. Immer wieder kamen Haie so bedenklich nah, dass sie mit elektrischen Schockern vertrieben werden mussten. Für ein paar Minuten tat der Stromschlag seine Wirkung, dann aber pirschten sich die Fische erneut heran. Denn mittlerweile hatten sie den unangenehmen Vorfall wieder vergessen.

Tiere mit einem so wenig entwickelten Lern- und Erinnerungsvermögen leben gewissermaßen in einem ewigen „Jetzt“ und sind ganz überwiegend auf ihre Instinkte angewiesen – auf im Gehirn festverdrahtete Verhaltensprogramme, die durch neue Erfahrungen kaum geändert werden können.

Ganz anders der Mensch. Nehmen wir eine alltägliche Situation: Warten an der Bushaltestelle. Das meiste an dieser Szene ist verständlich. Aber dieses Verstehen funktioniert nicht durch den reinen Seheindruck. Was ist ein Auto? Was ist eine Straße? Was ist eine elektronische Fahrplananzeige? Was ist ein Busfahrer? Das ist ein Wissen, das nicht im Netzhautbild enthalten ist, sondern im Vorwissen des Betrachters. Und der muss es sich nicht mühsam erst wieder aus dem Gedächtnis kramen, sondern dieses Wissen ist sofort da und vereinigt sich mit der Wahrnehmung automatisch und mit derartiger Selbstverständlichkeit, dass man kaum je einen Gedanken dran verschwendet. Wir nehmen die Umwelt nicht einfach nur wahr, wir begreifen sie.

Wann diese neue Form der Interaktion mit der Umwelt entstanden ist, lässt sich gar nicht genau sagen. Von den Fischen über Amphibien und Reptilien bis zu den Säugetieren haben Hirngröße und Intelligenz stetig zugenommen. Unter den Säugern sind es – neben den Delfinen – unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, die eine bemerkenswert hohe Intelligenz entwickelten. Doch der Weg vom Affen zum Menschen war nochmals von einer explosionsartigen Hirnvergrößerung begleitet. Eine prägnante Wasserscheide dürfte der Übergang vom Reptil zum Säugetier darstellen. In Hinblick auf Neugier und Lernfähigkeit scheint sich hier eine Art Quantensprung ereignet zu haben (6).

Es liegt auf der Hand, dass ein derartiges Informationshandling große Überlebensvorteile bringt. Voraussetzung ist natürlich eine entsprechende Lernfähigkeit. Und vor allem zunächst einmal die Lust am Lernen. Oft saugen wir Information geradezu begierig auf – sei es, dass wir uns im Urlaub lustvoll neuen Eindrücken hingeben, sei es, dass wir einfach nur stundenlang aus dem Fenster schauen.

Dabei geht es nicht nur ums Erlernen von Einzelphänomenen, von den „Vokabeln“ unserer Umwelt, sondern genauso ums Durchschauen von Mustern, Regelmäßigkeiten, Ursache-Folge-Beziehungen: kurz darum, wie die Dinge funktionieren.

Diese Lust am Entdecken strahlt bis in unser ästhetisches Empfinden aus. Bereits Anfang der Siebziger hat der bekannte Psychologie Dietrich Dörner Experimente dazu durchgeführt. Dabei sollten seine Versuchsteilnehmer Farbmuster innerhalb eines Rasters aus kleinen Quadraten nach ihrer ästhetischen Wirkung beurteilen. Es zeigte sich, dass sehr einfache, „langweilige“ Muster und solche mit komplett chaotischer Struktur als eher unbefriedigend bewertet wurden. Am reizvollsten stellten sich komplexe Muster heraus – Muster von Mustern sozusagen. Als besonders befriedigend wird also empfunden, wenn eine Ordnung existiert, die erst einmal erarbeitet sein will (7).

Auch in der Literatur spielt Mustererkennung eine Rolle. So weist der Literaturwissenschaftler Karl Eibl darauf hin, dass Gedichte ihren Reiz vor allem dadurch erhalten, dass beim Zuhören Rhythmus und Reimschema erkannt werden (8).

Ein anderes Beispiel sind Metaphern. Kennzeichnend für sie ist, dass ein Bild auf ein anderes übertragen wird: Blüte der Jugend, Glut der Leidenschaften, Winter des Missvergnügens. Das Verstehen von Metaphern entspricht einer Erkenntnisleistung, bei der Ähnlichkeiten und Beziehungen zwischen zwei Konzepten aufgedeckt werden. Für den Kommunikationswissenschaftler Charles Forceville und seine Kollegen besteht eben darin ihre hauptsächliche ästhetische Wirkung (9).

Dies gibt der Vermutung Nahrung, dass Mustererkennung auch im Verfolgen einer Erzählhandlung eine Rolle spielt – schließlich gilt es, die Erwartung zu erfüllen, dass alle Elemente der Erzählung am richtigen Platz und in einer logischen Beziehung zueinander stehen.

Fatal nur, wenn diese Erwartung nicht eingelöst wird und sich die Story als unwahrscheinlich und nicht nachvollziehbar entpuppt, während die Logik Bocksprünge vollführt. Das Ganze dürfte mit einer anderen Situation vergleichbar sein: Wenn Psychologen im Experiment ihre Versuchsteilnehmer vor Aufgaben stellen, die extrem schwer zu lösen sind, ist eine Form der Reaktion immer wieder zu beobachten: Die Probanden suchen das Versagen nicht bei sich, sondern richten Wut und Enttäuschung gegen die Versuchsanordnung. Oder sie verdächtigen die Versuchsleiter, in Wahrheit ihre Frustrationsreaktionen erforschen zu wollen (10). Eine ähnliche Kante dürfte dem Erzähler blühen, der schlecht gebaute Geschichten auftischt.

Die Bedeutung der Mustererkennung wird auch aus anderer Richtung gestützt. Der Mediziner und Neurobiologe Thomas Grüter ist der Ansicht, dass wir evolutionär geradezu auf Mustererkennung angelegt sind. Das sei auch der Grund dafür, dass wir oft Muster zu erkennen meinen, wo gar keine vorhanden sind. Grüter sieht in diesem Bedürfnis einen der Hauptgründe für die Beliebtheit von Verschwörungstheorien. Die Rätselhaftigkeiten des Weltgeschehens werden durch einfache, auf dem ersten Blick plausibel erscheinende Geschichten erklärt (11).

Dass es sich bei der Mustererkennung tatsächlich um den entscheidenden Faktor handelt, wird besonders an einer bestimmten Art von Filmen deutlich: An jenem Typ, dem die Amerikaner die vornehme Bezeichnung Mindfuck verliehen haben. Kennzeichnend daran ist, dass der Zuschauer über fast die gesamte Länge des Films auf eine falsche Fährte gelockt wird und die wahren Zusammenhänge erst in den letzten Minuten schockartig klar werden, wobei alle vorangegangenen Vermutungen gewissermaßen auf den Kopf gestellt werden. Beispiele sind etwa The 6th Sense, The Mechanic, The Others oder Shutter Island. 

Nehmen wir einmal The 6th Sense: Dort spielt Bruce Willis einen Kinderpsychologen, der alle Höhen und Tiefen des Berufs durchlebt hat und schon einmal von einem enttäuschten Patienten niedergeschossen wurde. Eines Tages wird ihm der neunjährige Cole vorgestellt, der unter rätselhaften Angstzuständen leidet und von der Vorstellung besessen ist, tote Menschen zu sehen. Während sich die Beziehung zwischen den beiden intensiviert und der Psychologe immer handfestere Hinweise auf ein echtes parapsychisches Talent seines jungen Patienten aufdeckt, entfremdet er sich zusehends von seiner Ehefrau. Die beiden sprechen nicht mehr miteinander. Der Film gipfelt im geradezu wahnwitzigen Dreh, dass Bruce Willis entdeckt, dass er selber schon tot ist.

 Der Film war außerordentlich erfolgreich. Keine Rede davon, dass sich die Zuschauer aufs Glatteis geführt fühlten. Im Gegenteil: Zwar wurden Erwartungen und Vermutungen in kürzester Zeit samt und sonders eingestampft, aber dafür bot der Film ein neues, überraschendes und fein gesponnenes Muster, in dem sich eins zum anderen fügte: Klar, dass die Ehefrau nicht mehr mit ihm sprach – weil sie nicht in der Lage war, seinen Geist wahrzunehmen. Klar, dass er nur noch Kontakt zum kleinen Cole hatte – weil der ja Tote sehen konnte. Auch die Frage, wie er einen so brutalen Anschlag hatte überstehen können, war vom Tisch. Er hatte ihn nicht überstanden.

1) Schulze, Ursula (Hrsg.) (2008): Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch- neuhochdeutsch. München.

2) https://marcusjohanus.wordpress.com/2014/04/05/spannender-schreiben-mit-epischen-vorausdeutungen/

3) http://foreshadowing.org/in-literature.html

4) http://udleditions.cast.org/craft_elm_foreshadowing.html

5) https://filmschoolrejects.com/14-great-moments-of-foreshadowing-in-films-aaf02246729b#.du37szfwy

6) Glickman, S.E. u. Sroges, R.W. (1966): Curiosity in Zoo Animals. Behaviour. Vol 26. Nr. 1.

7) Dörner, D. u. Vehrs, W. (1975): Ästhetische Befriedigung und Unbestimmtheitsreduktion. Psychological Research Nr. 37. S. 321-334.

8) Gene und Goethe. DER SPIEGEL. 2007. Nr. 38. S. 206-207.

9) Forceville, Charles u.a. (2006): The Adaptive Value of Metaphors. In: Klein, U., Mellmann, K., Metzger, S. (Hrsg.): Heuristiken der Literaturwissenschaft. Paderborn. S. 85-109.

10) Dörner, Dietrich (2004): Die Logik des Misslingens. Reinbek.

11) Hier ein Focus-Text von Grüter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/magisches-denken-warum-menschen-an-uebernatuerliches-glauben-a-706517.html. Und hier bei Scobel in der Diskussion mit Daniele Ganser und Andreas von Bülow: https://www.youtube.com/watch?v=isDq_o7Kc34

Der Antarktiskomplex – von E.A. Poe bis heute

Die Antarktis zählt nicht gerade zu den touristischen Top-Destinations. Auf Schriftsteller scheint sie aber eine mächtige Anziehungskraft auszuüben.

Zu den faszinierendsten Traditionslinien der Phantastik gehört, was ich den Antarktiskomplex nennen möchte. An seinem Anfang steht ein bekannter Name (es wird nicht der letzte sein). Im Jahr 1838 veröffentlichte Edgar Allan Poe seine einzige längere Erzählung: Seltsame Erlebnisse des Arthur Gordon Pym aus Nantucket (The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket). Was beginnt wie ein Abenteuerroman über einen jungen Mann, der seine bürgerliche Existenz der Sehnsucht nach der See opfert, entwickelt sich zu einer Irrfahrt an die Grenzen menschlicher Fassungskraft. Nach einer blutrünstigen Meuterei und der Gefangennahme durch einen Stamm, der ähnlicher Mordlust frönt, führt Arthurs Odyssee immer weiter Richtung Süden, der Antarktis entgegen. Entgegen aller Erwartung wird die Strömung wärmer und wärmer – bleicher Nebel fällt, das Boot wird von einem Ascheregen bedeckt. Während es unaufhaltsam in den Sog eines Wasserfalls gerät, wird es von Vögeln umschwirrt, die einen grausigen Ruf ausstoßen, der wie „Tekeli-li“ klingt. Vor ihnen erhebt sich eine gigantische menschliche Gestalt mit reiner schneeweißer Haut. Hier bricht Arthurs Bericht ab.

Die rätselhafte Erzählung mit ihrem noch rätselhafteren Ende hat viele Leser in den Bann geschlagen. Einer von ihnen war Jules Verne, dem das offene Ende vermutlich die erlösende Entspannung versagte, so dass er sich veranlasst sah, eine klärende Fortsetzung zu verfassen: Die Eissphinx (1897). Der Roman handelt von einer Rettungsexpedition für Arthur, die den Gesuchten allerdings nur noch tot bergen kann. Im Geiste des pausbäckig optimistischen Materialismus des 19. Jahrhunderts beseitigt die Geschichte alles phantastisch Rätselhafte auf geradezu antiseptische Weise. So handelt es sich bei der weißen Gestalt um eine natürliche Fels- und Eisformation, die frappante Ähnlichkeit zur ägyptischen Sphinx aufweist. Ihre einzige unheimliche Eigenschaft besteht in einem ungewöhnlich starken Magnetismus – jener Kraft, deren Gefangener Arthur wurde (hier lässt sicherlich das alte Sagenmotiv vom Magnetberg grüßen).

Ein weiterer Angehöriger des literarischen Milieus erlag der Faszination des Stoffs. Jemand, der Optimismus nicht gerade im Wappen trug. 1936, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte H.P. Lovecraft im Astounding-Magazin sein letztes längeres Werk: Berge des Wahnsinns.

Eine wissenschaftliche Antarktisexpedition stößt auf die gigantischen architektonischen Hinterlassenschaften einer außerirdischen Spezies, die vor Jahrmillionen die Erde besiedelte. Diese „Älteren Wesen“ hatten sich eine Sklavenrasse erschaffen, die sie mit Hilfe hypnotisch-telepathischer Befehle kontrollierten. Erzeugt wurden die Kreaturen, Shoggothen genannt, aus künstlichem Protoplasma, das ihnen die Fähigkeit verlieh, ihre Gestalt zu verändern und sich nach Bedarf zusätzliche Glieder wachsen zu lassen.

Als zwei Expeditionsmitglieder nach einer Exkursion ins Lager zurückkehren, finden sie schwere Verwüstungen, die Leichen von Kollegen und einen toten Schlittenhund vor. Außerdem sprechen die Spuren dafür, dass einige der Älteren Wesen nicht nur aufgetaut, sondern gleich auch wiedererweckt wurden. Am Ende taucht aus einem Abgrund ein riesenhafter monströser Shoggothe auf und verfolgt die beiden, die sich nur knapp mit dem Flugzeug retten können. Bei seiner Jagd stößt das Wesen eigenartige Rufe aus, die ungefähr klingen wie „Tekeli-li“. Fügt man hinzu, dass Lovecraft auch an anderen Stellen ausdrücklich Bezug auf Poes Arthur Gordon Pym nahm, wird ersichtlich, wie viel diese Geschichte ihrem Vorgänger verdankt.

Von diesem Punkt aus dauerte es nur zwei Jahre, bis der Stab weitergereicht wurde. Gerade einmal 28 Jahre alt war John W. Campbell jr., als er 1938 seinen letzten Science-Fiction-Roman verfasste: „Who goes there?“ Er handelt von einer Expedition zur Antarktis, die dort eigenartige magnetische Phänomene untersucht. Dabei stößt sie auf ein uraltes außerirdisches Raumschiff, das beim Versuch der Bergung vernichtet wird. Nur ein einziges eingefrorenes Besatzungsmitglied kann geborgen werden. Als der Alien in der Station aufgetaut wird und ins Leben zurückkehrt, beginnt der Alptraum: Das Wesen – von außerordentlich feindseliger Gesinnung – offenbart sich als Formwandler, der nach Belieben die Gestalt von Hunden und menschlichen Expeditionsteilnehmern annehmen kann. Außerdem ist er in der Lage, auf telepathischem Wege Zwang auszuüben. Nach einer Kette von Morden, Paranoia und falschen Fährten gelingt es, das Monster zu vernichten.

Hinter dem frühen Ende von Campbells schriftstellerischer Laufbahn verbirgt sich keine Tragödie. Im Gegenteil. Im selben Jahr noch wird er Herausgeber des Astounding-Magazins und avanciert in den folgenden Jahrzehnten zu einer der einflussreichsten Gestalten der amerikanischen Science-Fiction. Wir erinnern uns, dass nur zwei Jahre vorher Lovecraft in eben diesem Magazin seine „Berge des Wahnsinns“ veröffentlichte. Auch sonst ist die Familienähnlichkeit beider Werke unübersehbar. Schauplatz ist jeweils die Antarktis, bei den Protagonisten handelt es sich um Wissenschaftler; daneben geht es um Außerirdische, die vor Urzeiten auf die Erde gelangt sind. In beiden Fällen nimmt das Schicksal seinen Lauf, als die vom Eis umschlossenen Wesen aufgetaut und reanimiert werden. Campbells Alien teilt als Formwandler wichtige Merkmale mit Lovecrafts Shoggothen. Auch andere Versatzstücke wie Schlittenhunde und telepathische Befehle spielen in beiden Erzählungen eine Rolle. Ganz am Rande: Dass Campbell seine Expedition magnetische Phänomene erforschen lässt, mag damit zusammenhängen, dass von vornherein eine enge Verbindung zwischen Südpol und Magnetismus besteht. Möglicherweise handelt es sich aber auch um eine Reminiszenz an Vernes Eissphinx.

Campbells Geschichte wurde nicht nur populär, sondern einige Jahrzehnte später sogar in den erlauchten Kreis der einflussreichsten Science-Fiction-Werke gewählt.

So konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis der Stoff verfilmt wurde. An diese Aufgabe machten sich 1951 Starregisseur Howard Hawks – diesmal als Produzent – und Christian Nyby als Regisseur. Das Ergebnis nannte sich „Das Ding aus einer anderen Welt“ (The Thing from Another World) und steht im Ruf, einer besten SciFi-Filme der 50er, vielleicht sogar aller Zeiten zu sein. Gesagt sei aber, dass sich der Streifen nicht übermäßig vorlagengetreu gebärdet. Zum Einen wurde die Handlung vom Süd- an den Nordpol verlagert. Außerdem ist das Ufo nicht schon seit Jahrmillionen im Eis verborgen, sondern wird bei seiner Landung – oder seinem Absturz – beobachtet. Das große präastronautische Potenzial, das bei Lovecraft noch eine so wichtige Rolle spielte, wird nicht angezapft, sondern die Geschichte näher an die seinerzeit heftig grassierende Ufo-Hysterie herangerückt. Außerdem handelt es sich beim Alien um keinen telepathischen Formwandler, sondern um ein kompaktes, äußerlich humanoides Wesen aus – na, ja, Fleisch und Blut lässt sich schlecht sagen, eher Zellulose. Denn es besteht aus pflanzlichem Material. Allerdings scheinen zu seiner Abstammungsreihe vor allem fleischfressende Pflanzen zu gehören. Als sein Arm, der ihm bei seiner Flucht von den Schlittenhunden abgerissen wurde, mit Blut beträufelt wird, beginnt er wieder zu leben. Welches Schicksal der Extraterrestrier der Stationsbesatzung angedeihen zu lassen gedenkt, wird sich jeder ausrechnen, der eins und eins zusammenzählen kann (hier könnte man einen prominenten Slogan der Filmindustrie paraphrasieren zu „Vampirismus sells!“). Insgesamt ist der Film derart stark getränkt von der antikommunistischen Invasionsparanoia der McCarthy-Ära, dass er sich am Ende sogar zur Ermahnung aufschwingt: „Watch the Skies!“. Trotzdem ist der Film so spannend und schnörkellos erzählt, dass er immer noch perfekte schwarzweiße Popcorn-Unterhaltung bietet.

Als eine Art seitenverkehrter Spiegelung dazu lässt sich ein wesentlich weniger bekannter Film betrachten: „Horrorexpress“ aus dem Jahr 1972. Gedreht wurde das Opus in Spanien – eine Filmnation, die in jenen Jahren weniger für hochqualitativen denn für bluttriefenden Horror bekannt war. Doch oh Wunder! Mit Christopher Lee und Peter Cushing in den Hauptrollen, unterstützt von Mengen an Plüsch und Rüschen, entwickelt der Streifen zehnmal mehr „Hammer Studio“-Atmosphäre als die zeitgleichen Hammer-Produktionen selbst. Und wer schon immer einmal Telly Savalas alias Kojak in der Rolle eines männlichkeits- bzw. testosteronstrotzenden Kosakenhauptmanns bewundern wollte, wird vollends auf seine Kosten kommen.

Die Story spielt im Jahr 1906, als der britische Anthropologe Saxton in der Mandschurei einen perfekt erhaltenen Affenmenschen findet – eingefroren in ewigem Eis. Mitsamt seinem kostbaren Fund begibt sich der Forscher auf der Transsibirischen Eisenbahn auf die Rückreise. Während der Fahrt taut das Wesen auf (wenn auch nicht emotional), macht sich auf die Socken und befördert mehrere Mitreisende ins Jenseits, indem es ihnen ihr gesamtes Wissen aus dem Gehirn saugt – wobei es ihr Denkorgan glatt und windungsfrei wie ein Babypopo zurücklässt. Doch auch als die äffische Kreatur über den Haufen geschossen wird, hat es des Treibens kein Ende. Als Saxton die Augen der toten Kreatur untersucht, entdeckt er einige unscharfe Erinnerungsbilder auf der Netzhaut. Und hier nun hat der Film seine kosmischen Momente. Es sind Bilder der Erde vom Weltall aus gesehen und Schnappschüsse von Dinosauriern! Und damit ist der Fall klar: Die Reisegesellschaft hat es mit einem gestaltlosen Außerirdischen zu tun, der vor Jahrmillionen auf der Erde strandete, wobei der zottelige Affe lediglich die zweifelhafte Ehre hatte, seinen ersten Wirt abzugeben. Jetzt aber springt das fluide Wesen zu Tarnungszwecken von Fahrgast zu Fahrgast, wobei es sich bei Bedarf aus deren Hirnen das Wissen von Schaffnern, Trickbetrügerinnen, Raketeningenieuren und fanatischen Mönchen downloaded. Es sei so viel verraten, dass dem kosmischen Unhold am Ende doch noch ein Bein gestellt werden kann.

Wenn er auch beim Setting – Transsib statt Antarktis – stark von der Vorlage abweicht, hält sich der übrige Plot enger an Campbells Vorgaben als das Ding aus einer anderen Welt.

Das nächste Glied in der Kette bedarf etwas differenzierterer Betrachtung. „Alien – das unheimliche Wesen aus dem All“ (1979) gilt als einer der ganz großen Klassiker des Science-Fiction-Genres. Das allerdings ist kein Grund, vor Ehrfurcht zu zerfließen; denn offen gesagt handelt es sich um eine Promenadenmischung, die ihre Existenz massivem Ideenklau und der orgiastischen Vereinigung von ungefähr einem Dutzend populärer Science-Fiction-Streifen verdankt. Wer sich ein wenig mit der Geschichte des Genres auskennt, begegnet jede Menge alter Bekannter: Zum Beispiel „Andromeda – tödlicher Staub aus dem All“ (Forschung an außerirdischen Lebensformen zu militärischen Zwecken), „2001 – Odyssee im Weltall“ (unerfreuliche Dialoge mit dem Supercomputer), „Planet der Affen“ (künstlicher Tiefschlaf während des Raumflugs) oder „Planet der Vampire“ (eine wahre Fundgrube vom Warnsignal über uralte Raumschiffwracks, runde Heckflossen bis hin zum Skelett eines außerirdischen Raumfahrers). Daneben gelang es dem SciFi-Autorenurgestein A. E. von Vogt, das Gericht davon zu überzeugen, dass der Plot in nicht unerheblichem Umfang auf seinen Roman „Die Expedition der Space Beagle“ zurückging, was mit 50.000 Dollar honoriert wurde.

Vor allem aber zwei Filme sind es neben „Planet der Vampire“, die ihr Erbgut an „Alien“ weitergegeben haben. Einer von ihnen ist „Das Ding aus einer anderen Welt“, der oben schon zur Sprache kam. Hier wie dort dreht es sich um einen einzelnen Außerirdischen, der in einem klaustrophobisch engen und hermetisch abgeriegelten Rahmen sein Unwesen treibt. Große Ähnlichkeit besteht auch im Kamerablick auf Wissenschaftler, die die organischen Überreste des Alien untersuchen. Als weitere Übereinstimmungen ließe sich nennen, dass Geigerzähler oder ähnliche Messgeräte benutzt werden, um das Wesen aufzuspüren. Eine Rolle spielt jeweils auch ein Feld von Alien-Keimlingen, in denen es unheimlich und schemenhaft pulsiert. Zum Zuge kommen daneben quertreibende Wissenschaftler, die sich ein Bein ausreißen, um die Vernichtung des Außerirdischen zu verhindern.

Starken Einfluss hatte „Das Ding“ wiederum auf den zweiten wichtigen Vorgänger: „It! The Terror from Beyond Space“ aus dem Jahr 1958. Ein Streifen, bei dem ich trotz einiger Anstrengungen noch nicht einmal herausfinden konnte, ob es jemals eine deutsch synchronisierte Verleihfassung gab. „It!“ kann geradezu als frühe Billigversion von „Alien“ aufgefasst werden. Hier treibt sich das Monster tatsächlich in einem Raumschiff herum, wobei es seinen Rückzugsort im Frachtraum findet. Allenthalben öffnen und schließen sich zischend Schiebetüren. Sogar eine Kantinenszene kommt vor (allerdings ganz ohne „chestbuster“). Auf der Suche nach dem Monster zwängt man sich durch enge Schächte. Nicht zuletzt kommen zur Gefahrenabwehr Flammenwerfer zum Einsatz. Der Clou besteht aber darin, das Monster mit dem guten alten Überdrucktrick ins Weltall zu expedieren.

Wie man sieht, stellt „Alien“ eine ziemliche Patchworkarbeit dar. Der Gerechtigkeit zuliebe sei aber festgestellt, dass das ideelle Raubgut auf absolut geniale Weise zusammengepuzzelt und ins Bild gesetzt wurde. Genial auch der Soundtrack von Jerry Goldsmith und die – gegen massive Widerstände durchgesetzte – Idee des Regisseurs Ridley Scott, die Hauptrolle einer Frau anzuvertrauen (für die anfänglich noch männliche Rolle Ripleys war sogar Paul Newman im Gespräch). Auf jeden Fall ist der Film derart eng mit dem Antarktiskomplex verwoben, verbandelt und verfilzt, dass er meiner Meinung selber dazu gehört. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass ihm eine Reihe von Kritikern eine ausgesprochen gelungene Lovecraft-Atmosphäre zusprechen.

Drei Jahre später kehrte Kultregisseur John Carpenter gewissermaßen zu den Ursprüngen zurück, als er Campbells „Who goes there?“ neu verfilmte. In gewisser Weise hält sich seine Version enger an die literarische Vorlage als „Das Ding“ aus dem Jahr 1951, indem der Alien als wahrer Verwandlungskünstler von Formwandler dargestellt wird. Allerdings liegt hier auch die große Schwäche. Denn der Streifen bordet geradezu über vor Mutations-, Transformations-, Splatter-, Innerei- und Tentakeleffekten, so dass der Zuschauer in einem Dauerzustand irgendwo zwischen Ekel und Ermüdung gefangen gehalten wird. Daneben hat sich Carpenter allerdings auch eine interessante neue Plotidee einfallen lassen: Die amerikanischen Forscher sind nicht die Ersten, die auf das Monster stoßen, sondern erkunden zunächst einmal eine verwüstete norwegische Station in der Nachbarschaft, in der sie nur noch Leichen finden – vor allem einen eigenartigen, halb verbrannten Kadaver, den sie zwecks Befriedigung wissenschaftlicher Neugier in die eigene Station mitnehmen … Heute gilt der Film – besonders unter Tentakelliebhabern, möchte man vermuten – als Kult. An der Kinokasse erlebte er allerdings erst einmal sein Cannae. Kein Wunder, musste er doch gegen den wesentlich niedlicheren „E.T.“ antreten.

2011 kam „The Thing“ (deutscher Titel: „The Thing“) unter der Regie von Matthijs van Heijningen Jr. (kenn ich nicht) heraus. Ein Film, der so etwas wie ein Prequel zu Carpenters Arbeit darstellt und die Vorgänge in der norwegischen Station schildert. Da ich bisher nur einige Ausschnitte kenne, muss ich mich auf den allerersten Eindruck beschränken, der da lautet: Die Trickeffekte dürften vom Feinsten und auf dem neuesten Stand sein. Außerdem scheint die Antarktis – im krassen Gegensatz zu Carpenters Version – mittlerweile Frauensache geworden zu sein. Wobei es sich in Sonderheit um überraschend attraktive Frauen handelt, die sich von der Einsamkeit bei Polarnacht und minus fünfzig Grad angezogen fühlen. Dem Auge scheint der Streifen zumindest so einiges zu bieten.

Wesentlich signifikanter war da im Jahr 2010 die Ankündigung von Guillermo del Toro („Mimic“, „Hellboy“, „Pans Labyrinth“), Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ neu zu verfilmen. Dummerweise erklärte er das Projekt kurze Zeit später für abgebrochen. Trotzdem bin ich guter Dinge, dass irgendjemand den Faden wieder aufnehmen wird. Bis dahin gilt: Don’t keep watching the sky, sondern immer schön auf den fließenden Verkehr achten!

 

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