Planetare Eingeweide

Höhlen in der Phantastik: Eine evolutionäre Sichtweise

Die alten Germanen hat es ja unwiderstehlich in den sonnigen Süden gezogen. Bei den  Germanen von heute dürfte es keinen Deut anders sein. Wahrscheinlich sind sie schlicht Opfer ihrer Gene.

Untersuchungen haben zu Tage gefördert, dass Menschen überall auf der Welt eine Vorliebe hegen für eher milde Temperaturen und Landschaften mit offenem Grasland, angereichert mit Bäumen, Wasser und Tieren. Vermutlich stellen diese Vorlieben ein Echo der afrikanischen Savanne dar, in der unsere Art den aller­grö­ßten Teil ihrer biologischen Evolution vollzog. Allein schon die Über­ein­stimmungen in den beliebtesten Motiven der Landschafts­malerei aus skandinavi­schen Ländern über die Niederlande und Italien bis hin nach China springen unmissverständlich ins Auge.

Aber fehlt in diesem anheimelnden Bild nicht vielleicht ein Detail? Ist es möglich, dass der Mensch neben einer evolutionär erworbenen Sehnsucht nach afrikanischer Savannenidylle noch andere ökologische Vorlieben entwickelt hat? Zum Beispiel für Höhlen?

Dass eine durchaus knifflige Beziehung zwischen Mensch und Höhle bestehen könnte, offenbart sich, wenn wir den recht eigenartigen Verlauf unserer Evolution Revue passieren lassen. Einer­seits: Nirgendwo in unserem noch affenartigen Stammbaum findet sich irgend­etwas, das sich mit unterirdischen Behausungen wie Fuchs- oder Kaninchenbauten vergleichen ließe. Auch die ersten zweibei­ni­gen Vorgänger der Menschen, die Australopithe­cinen, führten wie die afrikanischen Menschenaffen ein Leben unter freiem Himmel.

Andererseits: Vor ungefähr zwei Millionen Jahren änderte sich das Bild, als neue Frühmenschen­formen die Bühne betraten. Deren Gehirne waren größer, außerdem benutzten sie schon einfache Werkzeuge und sehr früh wohl auch das Feuer. Und sie lebten in Höhlen. Da dieser Frühmensch sich nicht mehr nur auf die Uferniederungen von Flüssen und Seen beschränkte, sondern – teil­weis­e wohl dem Jagdwild folgend – ins offene Land vorstieß, benötigte er Rückzugs­orte und Schutz vor Raubtieren.

Die archäologischen Quellen sprechen dafür, dass unsere Vorfah­ren nie ausschließlich in Höhlen gelebt haben. Aber sie taten es sehr oft. Anhand einer kleinen Stichprobe aus der Literatur schätze ich, dass es sich bei ungefähr 50% aller Fossilfundplätze um bewohnte Höhlen handelt.

Ist es also möglich, dass im Verlauf der menschlichen Entwicklungsgeschichte so etwas wie ein angeborener Drang in Richtung Höhle hervor­keimte? Vergleichbares ist immerhin übers gesamte Tierreich hinweg anzutreffen. Da gibt es Höhlen­insekten, Höhlen­fische und Grotten­am­phi­bien. Die biologische Fachbezeich­nung dafür lautet troglophil (von altgriechisch „trogle“ = Höhle und „philein“ = lieben, höhlenliebend also). Unter den Säugetieren sind es beispiels­weise Fledermäuse, Kaninchen oder Murmeltiere, die künstliche oder natürlich geschaffene Hohlräume besiedeln – und natürlich Maulwür­fe. Sogar Raubtiere wie einige große Katzen­arten, Bären und Hyänen lassen sich hier einreihen. Sehr wahrscheinlich, dass es beim Gerangel um die besten Plätze immer wieder zu Zusammen­stößen zwischen Mensch und Tier gekommen ist.

Höhle

Unterm Strich scheint es sich bei der Inbesitznahme von Höhlen um eine viel­verspre­chende Strategie zu handeln. Insgesamt also gar nicht so unwahrschein­lich, dass sich  unsere Spezies einen gewissen Stich ins Troglophile angeeignet hat. Zwei Millionen Jahre Evolution hätten mehr als Zeit genug geboten. Auch der Verhaltensfor­scher Otto Koenig sieht den Menschen als ökologisch angepasstes Wesen, das es bevorzugt, seine Umgebung vom sicheren Höhlen­versteck aus zu beobachten.

Diese Anpassung hallt im modernen Menschen nach. Nicht nur, dass Anthropo­logen auf antike Schriftsteller hinweisen, bei denen sich eine Vielzahl von Textstellen zu Troglodyten (Höhlenbe­woh­nern) finden lassen. So viele, dass es unwahrscheinlich ist, dass es sich hier in Gänze nur um Sagen handeln sollte. Auch die Puebloindianer im Südwesten der USA errichteten bis vor wenigen Jahrhunder­ten ihre Behausungen unter gigantischen Felsvor­sprüngen. Einige Stämme in Südafrika und Indien leben bis heute in Höhlen.

Aus der Psychoanalyse stammt ein weiteres Indiz. Die Rede ist von immer wieder­keh­renden Motiven unserer Nachtträume. Und da nehmen Höhlen eine prominente Stellung ein. Auch wer sich nicht Siegmund Freuds Deu­tung anschließt, dass es sich um Symbole  weiblicher Geschlechts­­organe handelt, findet darin einen Hinweis, dass unser nächtlicher Geist von diesem Motiv fasziniert ist.

Auch die moderne Psychologie hat die Höhle im Blick. Legionen von Zeitgenossen werden von irrationalen Ängsten vor Spinnen, Schlangen, großen Hunden oder Gewitter gepeinigt. Das Eigenartige an diesen Phobien ist, dass sie sich meist auf eher altertüm­liche Dinge beziehen. Moderner Schnickschnack wie Autos oder elektrische Leitungen flößt kaum jemandem Angst ein – obwohl der wesentlich mehr Menschen auf dem Gewissen haben dürfte.

Bei diesen Angstneigungen handelt es sich also offensichtlich um ein Erbe evolutionärer Vergangenheit. Nun gibt es auch die Klaustrophobie, die Angst vor Enge – sei es in Menschenmassen, im Fahrstuhl oder in der Magnetröhre beim Radiologen. Psychologen führen diese Panik auf die Angst des Frühmenschen zurück, in Höhlen verschüttet oder eingeklemmt zu werden.

Wie sehr es uns Höhlen angetan haben, zeigt sich auch im ganz Alltäglichen. Kinder finden enormes Vergnügen daran, sich kleine Zelte oder Unterstände zu bauen. Besonders Jungen lieben es, sich Erdlöcher zu graben, in denen sie sich verstecken können. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach die Kinder­psy­chologie geradezu von einem Höhlenbauinstinkt.

Und der scheint sich auch bei Erwachsenen noch lebhaft zu äußern. Es gibt Arbeits­psychologen, die klipp und klar gegen Großraumbüros Position beziehen. Weil Menschen ihren geschützten, abgeschirmten privaten Bereich benötigen – eben ihre Höhle, um wörtlich zu zitieren.

Damit ist es Zeit für ein erstes Fazit: Der Mensch war nicht nur in der Höhle. Sondern die Höhle ist immer noch im Menschen.

Einen weiteren Beweis für unsere Höhlenbesessenheit gibt es – die Intensität, mit der sie seit Urzeiten unsere erzählerische Phantasie anheizt. Zum Beispiel in den Mythen vieler Völker. Die Spanne reicht weit: Während die christliche Hölle als unterirdische Wohnstätte verstorbenen Sündern vorbehalten blieb, wurde in den vorchristlichen Sagen Europas auch der „Himmel“ in prächtigen Palästen unter der Erde angesiedelt.

Bei den Tetum auf Indonesien besteht die Überlieferung, wonach die ersten Menschen aus Erdhöhlen ins Freie gelangten. Unter den Navajos kursiert eine Sage, nach der sie von einem Geschlecht „heiliger Menschen“ abstammen, die aus den tiefsten Eingeweiden der Erde Schicht um Schicht bis an die Erdober­fläche empor­ gewandert sind.

Bescheidener nehmen sich Schneewittchen und andere heimische Märchen um Zwerge und Wichtel­män­ner aus, die als tüchtige Bergmänner ihr geheimes Leben im Inneren der Berge führten. Überlieferungen, in denen neben dem Höhlenmotiv auch deutliche Erinnerungen an weit verbreitete Kinder­arbeit durchschimmern.

Noch älter ist das Motiv der Bergentrückung – der Sagentyp vom Volkshelden, der in einer Berghöhle den Augen­blick seiner Rückkehr abwartet. König Artus etwa im Alderley Edge, Karl der Große im Desenberg, Otto I. beziehungs­weise Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser.

Wesentlich weniger kriegerisch, dafür umso sinnlicher bietet sich das Motiv des Venusbergs dar: Die mittelalterliche Mär um die Liebes­göt­tin Venus, die in ihrer Berggrotte mitsamt ihren schön anzuschauen­den Nymphen und Nixen nur darauf wartet, wackeren Rittern den Kopf zu verdrehen. Es wird vermutet, dass dieser Stoff bis auf die Sage von Odysseus in der Grotte der Kalypso zurückgeht.

Über­­haupt üben Grotten auf den Menschen einen ganz speziellen Reiz aus. So sehr, dass sie immer wieder künstlich nachgebaut wurden. Besonders bekannt natürlich die Venusgrotte des bayerischen Königs Ludwig II.

Geht man davon aus, dass beim Menschen sexuelle Scham und das Bedürfnis nach unbeobachtetem Sex zum angeborenen Verhaltens­inventar gehören und Höhlen andererseits „instinktiv“ mit Schutz assoziiert werden, stellen Grotten höchst einladende Schnittpunkte dar.

Nun gibt es nicht nur diesen angenehmen Aspekt. Denn evolutionär betrachtet sollten wir Höhlen mit zwiespältigen Gefühlen begegnen. Zwar bieten sie Schutz,  sind aber auch ziemlich unfallträchtig und von einer Finsternis erfüllt, die das Tag- und Augentier Mensch bedrückt. Außerdem stellen sie oft genug Verstecke von Bären und anderen gefährlichen Bestien dar. Auch in der Mythologie kommt diese Zweischneidigkeit zum Ausdruck. Dort findet sich eben nicht nur das Liebesspiel der Nymphen, sondern auch der mörderische Minotaurus in seinem Labyrinth oder feuer­speiende Drachen.

Schon in der Odyssee stößt man nicht nur auf die Grotte der Kalypso, sondern auch auf die Höhle des Polyphem, des Zyklopen, der Odysseus und seine Mannen gefangen hält und sie einen nach dem anderen auf seine Speisekarte zu nehmen gedenkt.

Auch das Genre des Unheimlichen macht sich diesen bedrohlichen Aspekt zunutze, zum Beispiel in Filmen wie „The Hole“ oder „The Descent“, in dem wir es sogar mit einer Art  höhlenbe­woh­nender Raubtiere zu tun haben.

Für den Kulturwissenschaftler Ralf-Carl Langhals lassen sich auch literarisch und künstlerisch verarbeitete Ruinen und Verliese aufs Höhlenmotiv zurückführen. Dazu sei an die schaurigen Grüfte aus der klassischen „Dracula“-Verfilmung mit Bela Lugosi erinnert.

Höhlen auch in den nicht immer wirklich hochklassigen Science-Fiction-Streifen der 50er. Der „Schrecken des Amazonas“ haust in einer Lagune. In „Earth vs. Spider“ fühlt sich eine Riesenspinne in ihren unterirdischen Gemächern von Teenagern und Rock’n’Roll gestört; und auch Roger Cormans „It“, ein außerirdischer Bösewicht, der aus gebrauchten Gummireifen zu bestehen scheint, nutzt für seine Mußestunden eine Höhle als Rückzugsraum.

Wesentlich beein­dru­cken­der treten uns die gigantischen, an organische Leibeshöhlen erinnernden Labyrinthe des außerirdi­schen Raumfahrzeugs entgegen, wie sie von H.R. Giger für den Horror-Science-Fiction-Klassiker Alien entworfen wurden.

Im neunzehnten Jahrhundert grassierte geradezu eine Zwergenmode unter europäi­schen Anthropologen und Folkloristen. David MacRitchie und andere propagierten die Idee, dass Europa seit der Vorzeit von einer dunklen, stark behaarten Rasse von Pygmäen bewohnt sei, die in versteckten Höhlen hausten. Ihre Existenz sei verantwortlich für unsere Erzählungen von Zwergen, Trollen, Kobolden und Elfen. Von dieser Theorie ließen sich auch Autoren des Phantastischen inspirieren. Wie etwa Arthur Machen in seiner „leuchtenden Pyramide“ und anderen Geschichten, in der diese „Unterweltler“ zum großen Schlag ausholen.

Das Höhlenmotiv ist in der Phantastik derart beliebt, dass Hohlwelt­ge­schich­­­ten ein ganzes Subgenre der Science-Fiction bilden. Schon im Jahr 1692 trat der Natur­philosoph Edmond Halley mit der Theorie auf den Plan, dass die Erde aus mehr­eren ineinander verschachtelten Kugeln besteht, die von bewohnten Hohlräumen voneinander getrennt seien. Sehr bekannt wurde der Roman „Das kommende Geschlecht“ des Briten Edward Bulwer-Lytton, in dem es einen Wanderer unter die Erde verschlägt, wo er auf ein Volk beunruhigend perfekter, dazu noch flugfähiger Übermenschen trifft. Den größten Publikumserfolg – wie sollte es anders sein – erzielte aber Jules Verne mit seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“.

Von Verne stammt auch die Romanvorlage für die „Reise zum Mond“ von George Méliès, dem ersten Science-Fiction der Filmgeschichte. In diesem 1902 gedrehten Kurzstreifen erkunden Wissenschaftler, die sich mit einer Kanone auf unseren Trabanten haben schießen lassen, ein bizarres Höhlen­reich.

Das Potenzial des Motivs erkannt hat daneben John Wyndham, der später mit den „Triffids“ und den „Kuckuckskindern“ Berühmt­heit erlangte; unter dem Titel „Das ver­­steckte Volk“ widmete er einen seiner frühen Romane einer geheimen, unter­irdisch lebenden Rasse.

Ziemlich gruselig geht es in H.G. Wells „Zeitmaschine“ zu: Dort dienen in ferner Zukunft die ebenso schönen wie anderweitig nutzlosen Eloi den höhlen­bewohnenden Morlocks als Hauptnahrungs­mittel. Auch Tolkiens „Herr der Ringe“ ist sozusagen von einem Höhlensystem durchzogen.  In den unterirdischen Verliesen von Mor­dor wird die Armee der Uruk-hai gezüchtet, in ähnlichen Ver­ste­cken hausen die Riesenspinne Kankra und der unglückliche Gollum. Aber Höhlen sind bei Tolkien nicht nur Orte des Bösen. Auch die Zwerge haben sich tief in ihre Erz führenden Gebirge eingegraben; und sogar die Hobbits machen es sich traditionell in höhlenartigen Behau­sun­gen gemütlich.

In Ecos Foucaultschem Pendel raunt ein gewisser Signor Salon von unterir­di­schen Labyrinthen, die sich unter unseren Großstädten er­strecken. Ein geheimes uraltes Reich – das den eigentlichen Anlass für die Unrast bildete, mit der es die Stadt­planer in Form von U-Bahnen und anderen Projekten seit dem 19. Jahrhundert in den Untergrund trieb. Denn dort residierte die Synarchie, die wahre Welt­herr­schaft. In die Welt gesetzt wurde diese Räuberpistole von diversen Okkul­tisten, die das Zentrum dieses Reiches mit dem legendären fernöstlichen Agarttha gleich­setzten, dessen Faszination sogar bis in die Spitzen des Dritten Reiches ausstrahlte. Heinrich Himmler ging soweit, eine komplette Tibetexpedition auf die Reise zu schicken.

H.P. Lovecraft siedelt in seiner Geschichte „Das Grauen von Red Hook“ ein bemerkens­wert gruseliges Labyrinth unter dem Einwanderer­viertel von New York an. In dem natürlich auch seine gewohnten blasphemischen Kreatu­ren nicht fehlen.

Der Lovecraft-Spezialist Robert H. Waugh weist darauf hin, dass ungefähr zur selben Zeit, als diese Geschichte entstand, am anderen Ende der USA, in San Francisco, eine volks­tümliche Sage umging, nach der der Untergrund der China town von einem unterirdischen Höhlennetz auf mehreren Etagen durchzogen sei. Eine Idee, die der Populärschriftsteller Sax Rohmer für seine Figur des Superganoven Dr. Fu Manchu aufgriff.

Nicht zu vergessen die postapokalyptischen Science-Fiction-Filme, in denen sich die Menschheit nach Atomkriegen und ähnlichen Katastrophen komplett unter die Erde zurückgezogen hat – etwa in „Twelve Monkeys“ oder THX 1138.

Zweites Fazit: Die Phantastik in Film und Literatur ist von Höhlen durchlöchert wie ein Schweizer Käse.

Dies ist ein Vortragstext, der weitgehend dem Kapitel „Planetare Eingeweide“ in den „Nachttieren“ entspricht. Dort finden sich auch Literaturhinweise.

In diesem Blog geht es mit dem Thema weiter im Eintrag „

 

 

 

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