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Die Wurzel allen Übels II

Evolution war gestern. Und heute? Welchen Einfluss hat Dominanz-streben auf unsere topmoderne Psyche? So viel sei schon einmal verraten: Mächtig großen.

Wenn Rangstreben und Alphatierallüren im Gang der Evolution nicht völlig ausgerottet wurden, müssen sie noch heute in uns nachhallen. Und zwar als angeborene Verhaltensneigung.

Mag die ältere Verhaltensforschung manchmal etwas angestaubt wirken, hat sie auch ihre Verdienste. Zum Beispiel, indem sie brauchbare Kriterien dafür aufgestellt hat, ob ein Verhalten angeboren ist. Die wichtigsten davon sind:

  • Der Tier-Mensch-Vergleich: Besteht eine Kontinuität zwischen Instinkt­hand­lungen beim Tier und menschlichem Verhalten?
  • Die Verhaltensbeobachtung an kleinen Kindern: Je jünger Kinder sind, desto schwächer wirken bei ihnen Sozialisationseffekte, und umso stärker sollten angeborene Verhaltenstendenzen durchschimmern.
  • Der transkulturelle Vergleich: Lässt sich ein Verhalten in allen oder zumindest in den allermeisten menschlichen Kulturen finden, ist eine genetische Grundlage wahrscheinlicher als rein kulturelle Prägungen.

Nach allem, was im ersten Teil gesagt wurde, dürfte klar sein, worauf das Spiel hinausläuft. Doch gönnen wir uns den Spaß und deklinieren das Ganze einmal unterm Stichwort Dominanz durch.

Beim Tier-Mensch-Vergleich müssen wir uns nicht lange aufhalten. Der ganze erste Teil dieses Blogs hat sich daran abgearbeitet, die Kontinuität von tierlichem zu menschlichem Dominanzverhalten ans Tageslicht zu fördern.

Verhaltensbeobachtungen an Kindern: Auch bei Vorschulkindern lassen sich Rangunterschiede und Dominanz feststellen – oft allerdings von der eher freund­lichen Sorte. Ranghohe Kinder stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, haben die meisten Freunde, spielen am seltensten allein, initiieren am häufigsten Spiele und schlichten am häufigsten Streit (1).

Nicht ganz so sonnig fielen Beobachtungen in Kindergärten und -läden aus. Besonders in Kinderläden fortschrittlicher Provenienz, wo sich die Erzieher mit autoritären Interventionen zurückhielten, drückten die Jungen in ihrer Robustizität und Aggressivität die Mädchen mehr oder minder an die Wand. Wobei sich diese Tendenz mit zunehmendem Alter jedoch wieder verlor (2).

Warum männliche Wesen der Theorie nach stärker zu Dominanz neigen sollten, wird umgehend erörtert. Vorher noch ein Blick auf ältere Kinder im Ferienlager. Dort konnten die Untersucher beobachten, wie sich in den einzelnen Jungengruppen, die auf die Häuser verteilt wurden, in Windeseile Rangordnungen bildeten. Wurden die Alphajungen jetzt zusammen in eine Hütte gesteckt, bildete sich unter ihnen genauso schnell wieder eine Hierarchie heraus (1).

Frauen können in ihrem Leben nur eine begrenzte Zahl von Kindern zur Welt bringen. Bei Männern, die zum Nachwuchs ja oft nur eine Kleinigkeit beisteuern, ist das anders. Von der Fortpflanzungsperspektive aus gesehen, stellen Frauen also das knappe Gut dar, um das Männer konkurrieren sollten. Das ist nach gängiger Theorie auch der Grund, warum Männer körperlich stärker, wettbewerbs- und rangorientierter sind (3).

Dass dominante Männer energisch dazu neigen, Frauen und Sex zu monopolisieren, verrät ein Blick in die Kulturgeschichte. Die evolutionär orientierte Historikerin Laura Betzig zählt eine Reihe von Reichen auf, in denen sich Herrscher riesige Harems mit teilweise tausenden von Frauen hielten: Z.B. Inder, afrikanische Könige, Chinesen, Südseehäuptlinge, Inka oder osmanische Sultane (4).

Und damit wären wir mittendrin im transkulturellen Vergleich. Kindliches Verhalten und der Vergleich von Mensch und Tier scheinen angeborenes Dominanzstreben ja zu bestätigen. Wie ist es um das dritte Kriterium bestellt? Ist diese Neigung wirklich in allen menschlichen Kulturen zu finden? Die richtig gute systematische Übersicht habe ich nicht zur Hand, fügt man aber verschiedene Einzelbefunde zusammen, ergibt sich ein ziemlich klares Bild.

In den meisten Kulturen finden sich klare Hierarchien und Rangstufen. Eine Ausnahme bilden die angeblich egalitären Jäger und Sammler. Wie sich aber gezeigt hat, bestehen auch dort Statusunterschiede – die ohne weiteres auch in Fortpflan­zungserfolg übersetzt werden. Nicht zu vergessen, dass auch dort Rivalitäten überraschend oft bis hin zu tödlicher Gewalt ausgefochten werden. Auch weisen die evolutionären Anthropologen Richard Wrangham und Dale Peterson darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen bei den Buschleuten alles andere als selten ist (5). Männer dominieren also ziemlich handgreiflich über Frauen.

Zuletzt sei erwähnt, dass Steven Pinker in seiner Aufstellung absoluter Universalien (Merkmale, die in wirklich jeder Kultur auftreten) auch das Statusphänomen listet (6). Und damit lässt sich sagen – transkultureller Vergleich: ebenfalls check!

Wahrscheinlich gibt es sogar recht wenige Merkmale, bei denen der Nachweis so überzeugend geführt werden kann. Womit die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende ist.

Wer auch immer bezweifeln mag, dass Rangordnung etwas mit unserer biologischen Natur zu tun hat: Unser Körper scheint es besser zu wissen. Besonders das Hormonsystem reagiert bemerkenswert sensibel auf soziale Situationen, die mit Rang und Status zu tun haben. Bei männlichen Gewinnern eines Tennismatches steigt der Testosteronspiegel, während er bei Verlierern abfällt. Dasselbe gilt sogar noch bei Schachspielern. Bei Frauen sinkt der Spiegel des Stresshormons Cortisol, wenn sie gewinnen, während er bei den Verliererinnen nach oben geht. Diese Mechanismen sind nicht auf Aktive beschränkt, sondern lassen sich auch bei Fans und Zuschauern nachweisen.

Ständig erhöhte Stresshormonwerte sind übrigens typisch für Individuen von niedrigem sozialem Rang, also auch für Menschen aus den unteren sozialen Schichten.  

Diese Hormonausschüttungen stellen beileibe nicht nur Reaktionen dar, sondern operieren auch als Auslöser: Serotonin ist eine körpereigene Substanz, die sowohl als Botenstoff im Gehirn als auch als Hormon wirkt. Unter anderem hebt sie die Stimmung, macht gelassener und angstfreier. Kein Wunder, dass die Werte bei ranghohen Individuen höher liegen.

Versuchspersonen, denen ein Medikament verabreicht wurde, das die Wirkung von  Serotonin verstärkt, werden als dominanter und geselliger beurteilt als die Kontrollgruppe. Besonders die Art des Blickkontakts wird als typisch dominant bewertet (7).

Wo ist mein schönes Testosteron geblieben?

Nun beschränken sich Hormonmechanismen dieser Art nicht auf den Menschen, sondern konnten auch bei Affen nachgewiesen werden. Auch was diese organischen Funktionen anbelangt, stehen wir offensichtlich in der Erbfolge.

Worin bestehen nun die täglich sichtbaren Auswirkungen dieser evolutionären Gravur? Bevor wir dazu kommen, sollte noch eine Frage geklärt werden. Warum sind alle, oder doch zumindest die allermeisten Menschen vom Rangstreben beseelt? Pro Horde gibt es doch immer nur ein Alphatier. Wäre es nicht logischer, wenn nur eine kleine Minderheit der Individuen diesen Drang entwickelt?

Nun wird hoher Status durch Fortpflanzungserfolg belohnt. Daher gibt es auch so viel Rivalität. Konsequent, wenn nicht nur der aktuelle Inhaber nach Dominanz strebt, sondern auch die vielen Aspiranten.

Wie es aussieht, sind Ränge beim Menschen ähnlich feinstufig gegliedert wie auf dem Hühnerhof. Hoher Rang zahlt sich in einer Vielzahl von sozialen Situationen aus. Deshalb sollte jeder bestrebt sein, einen möglichst hohen Status zu erreichen oder zumindest den jetzigen zu halten. Mag auch nicht jeder das Bedürfnis verspüren, den Boss zu spielen: Zur Lachnummer will niemand absinken.

Ich bin klein, mein Herz ist rein

Übrigens funktioniert Rangsortierung bei Erwachsenen im selben Tempo wie bei den Jungen im Feriencamp. In einem psychologischen Experiment wurden jeweils drei Versuchsteilnehmer zu einer Gruppe zusammengefasst, die über ein bestimmtes Thema zu diskutieren hatten. Der Rang der einzelnen Teilnehmer wurde anhand der Länge ihrer Sprechbeiträge gemessen. Nach spätestens fünf Minuten war die Rangordnung perfekt. Wurden die Versuchspersonen anschließend danach befragt, wie sie ihre eigene Position einschätzten, ergab sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit den gemessenen Werten (3).

Mit Statusbewusstsein hat es natürlich auch viel zu tun, dass wir extrem darauf bedacht sind, peinliche Fehltritte zu vermeiden. Wie ich in einem anderen Blog schrieb: „Zum Dominanzstreben gehört, dass wir bemüht sind, der Umwelt ein möglichst makelloses Bild unserer selbst zu präsentieren. Wir überlegen oft sehr genau, was wir tun und was wir sagen. Kleine Lügen, die der Imagepolitur dienen, gelten als Kavaliersdelikte.

Psychologen und Sozialforscher, zu deren Geschäft öffentliche Umfragen gehören, kennen dieses Phänomen so gut, dass sie es mit eigenem Namen getauft haben: ‚Faking good‘ – so tun, als ob man ein Guter sei. Besonders wenn es um sehr spezielle sexuelle Wünsche, politisch radikale Neigungen oder Drogen- und Alkoholkonsum geht, neigen Befragte dazu, ein geschöntes Selbstbild abzuliefern“.

Derartige Retuschen können geradezu dezent genannt werden im Vergleich dazu, wie sozial Höherstehende ihren Rang der Öffentlichkeit demonstrieren (um die Ohren hauen). Bereits zur Wende zum 20. Jahrhundert hat der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen in seinem Werk „Theorie der feinen Leute“ die Natur von Statussymbolen untersucht.

Nicht nur durch ehrfurchtheischende Architektur, erlesene Möbel und Nobelkleider offenbaren Privilegierte ihre hervorgehobene Stellung – ein Verhalten, das Veblen mit dem Ausdruck „demonstrativer Konsum“ belegt – sondern mit teilweise geradezu qualvollen und selbstquälerischen Praktiken. Wohlhabenden chinesischen Bürgerfrauen wurden die Füße gebunden (verkrüppelt wäre der treffendere Ausdruck), in Europa trugen Frauen von Stand Korsetts, die ihnen die Luft zum Atmen raubten. All das einzig, um der Welt darzutun, dass sie für harte Arbeit nicht geeignet waren – weil sie es nicht nötig hatten (8)!

Bemerkenswerterweise finden sich zu diesen überflüssigen bis schädlichen Gebräuchen Entsprechungen im Tierreich – etwa prächtige, aber enorm unpraktische Geweihe oder Pfauenschwänze. Kostspielige Signale – costly signals – werden sie in der Evolutionsforschung genannt: Merkmale, die so aufwendig sind, dass sie kaum gefälscht werden können und damit Rang und Fähigkeiten des Merkmalsträgers zuverlässig anzeigen (9).

Wenn sich anno dazumal Adlige auf Französisch und Gelehrte auf Latein zu unterhalten pflegten, folgte das ziemlich genau derselben Logik. Weil das nicht jeder dahergelaufene Hinz und Kunz imitieren konnte. Auch hier kann unsere Spezies ihre Herkunft aus dem Tierreich offensichtlich nicht kaschieren.

Nicht nur bei den großen Tieren, sondern auch bei uns Normalos ist dieser Kult um Rang und Status allgegenwärtig. Das fängt mit dem fast grenzenlosen Ehrgeiz an, den viele von uns in ihre berufliche Karriere investieren. Auch die Attraktivität augenfälliger Statussymbole wie Autos, Häuser und Luxus jeder Art gehört dazu. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“ Nicht zu vergessen die Neigung zur Protzerei, die sich hinter unserer Markengeilheit verbirgt.

Offensichtlich ist dieser Drang zur Repräsentation stark genug, um unser Urteilsvermögen zu trüben. Aus diesem Grund spricht sich der US-amerikanische Wirtschaftswissen­schaftler Robert Frank für eine Versicherungspflicht aus. Begründung: Durch seine genetische Programmierung sei der durchschnittliche Homo sapiens zu sehr darauf erpicht, sein Geld in angeberische Autos und anderen Status-Schnickschnack zu stecken, als dass genug übrigbliebe für private Vorsorge. Weshalb man im Alter und bei Krankheit regelmäßig darben oder der Allgemeinheit auf der Tasche liegen müsse (6).

Ob bei Tieren oder beim Menschen: Jugendliche bilden die kommende Generation. Sie sind es, die unter der Aussicht leben, einst die freiwerdenden Dominanzränge zu übernehmen. Und dafür scharren sie mächtig mit den Hufen. Wohl in keiner anderen Altersgruppe rotiert das Denken so intensiv um Rang und Status.

Konsequent, dass sie vor allem cool sein wollen. Wozu auch ein Hang zu Mutproben zu zählen ist: Angefangen beim Überstehen übler Horrorfilme bis hin zu Rauchen, Komatrinken und illegalen Straßenrennen.

Zu Haus bei Königs

Wenn Rangstreben so fest in unserer Psyche verankert ist und Ranghohe seit eh und je zu unserer Umwelt gehören, dann ist zu erwarten, dass sich unser Verhaltens­repertoire auch an diesen Aspekt unserer Existenz angepasst hat.

Wer es im Leben zu etwas bringen will, sollte sich nach geeigneten Vorbildern umsehen. Da es sich bei Ranghohen um die sozial Erfolgreichen handelt, geben sie die passenden Rollenmodelle ab. „Imitiere die Erfolgreichen!“, lautet den Evolutions­biologen Vogel und Voland zufolge eine der genetisch programmierten Faustformeln, die unser Verhalten lenken (10). Außerdem ist es für jemanden alles andere als unbedeutend, was die Alphatiere so treiben. Aus diesen Gründen ziehen sie die Blicke magnetisch an, stehen ständig im Scheinwerferspot der Aufmerksamkeit.

Dieses Anhimmeln der Ranghohen wurde bei vielen sozial lebenden Spezies beobachtet. Auch beim Menschen. Ein verräterisches Beispiel gibt die Regenbogen­presse ab, mit der sich die Leserschaft an Stories über Promis aus Hochadel und Showgeschäft ergötzt.

Kein Zweifel – diese bunten Blätter sind Bestandteil unserer modernen Medienland­schaft. Ihre Geschäftsgrundlage allerdings wurde vor Urzeiten in unserer evolutio­nären Vergangenheit gelegt.

Wie Menschen sind Affen in der Lage, zweidimensionale Repräsenta-tionen dreidimensionaler Objekte zu decodieren. Okay, einfacher (und nicht so renommier­süchtig) gesagt: Sie können erkennen, was auf Bildern und Fotografien gezeigt wird.

In einem Experiment wurde der Sache eingehender auf den Zahn gefühlt. Und zwar bei einer Gruppe von Affen. Zu deren markanten Eigenschaften gehörte es, verrückt nach süßem Orangensaft zu sein. In diesem Experiment wurden ihnen verschiedene Dinge angeboten und im Gegenzug etwas von ihrem kostbaren Saft stibitzt. Wenn die Tiere nicht protestierten, konnte das als Zeichen gelten, dass sie mit dem Tausch einverstanden waren.

Es zeigte sich, dass sich die Affen am großzügigsten verhielten, wenn das Angebot in Fotos bestand, die ranghohe Mitglieder ihrer Horde zeigten (11). Damit benahmen sie sich nicht viel anders als Illustriertenleser, die ihre Geldbörse am bereitwilligsten zücken, wenn Geschichten über Königin Margrethe oder George Clooney winken. Offensichtlich ein Verkaufsrezept, das seine Gültigkeit über Millionen von Jahren bewahrt hat.

Im Dunkeln ist gut Munkeln

Wie es aussieht, führt also nichts an der Erkenntnis vorbei: Dominanz- und Rangstreben spielen noch immer Starrollen im Theater unserer Existenz. Aber noch einmal gefragt: Gilt das für jeden einzelnen in gleichem Maße? Streben alle Menschen mit gleicher Schubkraft nach Rang und Status? Oder bestehen Unterschiede? Schon hier sei der Hinweis erlaubt, dass das einen Umstand berührt, der höchstwahrscheinlich Weltgeschichte geschrieben hat.

Mittlerweile hat die Psychologie eine ganze Reihe von Tests entwickelt, mit denen sich die verschiedenen Facetten der Dominanz – von Furchtlosigkeit in sozialen Situationen bis hin zur Wettbewerbsorientierung – messen lassen. Und natürlich zeigen dieses Tests, dass sich die Menschen unterscheiden (was ja auch der Sinn von Testmethoden ist). Im Übrigen hat sich herausgestellt, dass diese Unterschiede circa zur Hälfte genetisch bedingt sind (12).

Unterschiede gibt es also. Wie wirken sie sich aus? Spielen sie eine Rolle im wirklichen Leben? Wenn Dominanzstreben den Drang nach oben bedeutet, dürfte es eine vielversprechende Strategie darstellen, sich die sozial Erfolgreicheren genauer anzuschauen. Sollten sie am Ende anders ticken als der Rest? Dazu ein längerer Ausschnitt aus meinem Blogbeitrag „Aufsteiger“:

 „Besonders interessiert das den US-Psychologen Paul Piff (13). Was er in einer Reihe von Experimenten und Beobachtungen herausgefunden hat, ist überaus erhellend:

Teilte man Versuchspersonen in einer Experimentalsituation mit, dass man sie gleich fotografieren werde, waren es die Bessergestellten, die sich am häufigsten und längsten im Spiegel begutachteten.

Piffs Assistenten, die er an Straßenkreuzungen postierte, beobachteten, dass sich die Besitzer hochwertiger Karossen wesentlich rücksichtsloser verhielten als die von alten Klapperkisten. Zum Beispiel schnitten sie Fußgängern am Zebrastreifen dreimal so häufig den Vortritt ab.

Dass sie das Gefühl hatten, dass ihnen mehr zustehe als anderen, bejahten bei Befragungen am häufigsten diejenigen, die sich in hohe Einkommensklassen einordneten.

Sollten sie in Form von Kreisen zeichnen, wie sie sich und andere sahen, fielen die Kreise, die sie selbst darstellen sollten, auffallend groß aus.

Konsequent, dass sie im Laborexperiment auch mehr Süßigkeiten stibitzten, die angeblich für Kinder gedacht waren.

Auch im wirklichen Leben outeten sie sich nicht gerade als die Spendabelsten. Für wohltätige Zwecke spendeten sie im Schnitt 1,3% ihres Einkommens. Bei den Einkommensschwachen waren es 3,2%. Und wenn, dann spendeten Reiche lieber für renommierte Kunstgalerien und Museumsprojekte als für die Ärmsten der Armen.

Gesundes Selbstwertgefühl

Nun ist es ja denkbar, dass sich einfach in diese Richtung entwickelt, wer sich dauerhaft in einer Schicht aufhält, in der es mehr Kunstgalerien als Arme und Fußgänger gibt. Doch sollte die recht hohe Erblichkeit von Persönlichkeitsfaktoren nicht außer Acht gelassen werden – Merkmale, die von vornherein gegeben sind. Und ebnet es nicht sogar erst den Karrierepfad, wenn man so sehr von sich eingenommen ist?

Die dunkle Triade klingt nach dem Titel für einen Edgar-Wallace-Film aus den 60ern. Tatsächlich handelt es sich um einen Fachbegriff aus der Psychologie. Bezeichnet werden damit drei unterscheidbare Persönlichkeitszüge, die aber oft gemeinsam auftreten und einen ziemlich ungemütlichen Mix bilden. Bei den Zutaten handelt es sich um:

  • Machiavellismus: Die Neigung, Mitmenschen zu manipulieren und zu Werkzeugen der eigenen Interessen zu machen.
  • Narzissmus: Übersteigerte Selbstliebe und egozentrische Selbstbezogenheit.
  • Psychopathie: Der krankhafte Mangel an Mitgefühl. Der problematischste der drei Faktoren.

Warm ums Herz wird es einem angesichts dieser Eigenschaften nicht gerade – trotzdem sind es die reinsten Karriere-Booster. Unter Führungskräften sind diese Persönlichkeitstendenzen vier- bis zehnmal so häufig wie in der Gesamtbevölkerung. Narzissten etwa können unerträglich eitel sein, aber das macht sie oft auch zu unterhaltsamen Selbstdarstellen und Verkaufskanonen.

„Menschen mit Zügen der dunklen Triade haben Eigenschaften, die in Führungs­positionen gefordert sind. Sie sind intelligent und angstfrei, physisch und psychisch äußerst robust, sie haben Charme und ein gutes Gespür für die Stärken, aber auch die Schwächen von anderen. Das erleichtert ihnen den Aufstieg ungemein.“ So Rüdiger Hossiep von der Universität Bochum (14).

Sogar ausgemachte Psychopathie entpuppt sich dann und wann als Karriere­sprung­brett. Psychopathen zeichnen sich durch das Fehlen von Mitgefühl aus. Oft sind sie auch auffallend angstfrei und risikobereit, so dass ihr Verhalten ohne weiteres in Impulsivität, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit umschlagen kann. Kein Wunder, dass dieser Persönlichkeitszug unter Gewohnheitskriminellen besonders häufig vorkommt. Im Extremfall macht er jemanden zum Serienmörder.

Doch gibt es auch intelligente und erfolgreiche Psychopathen. Solche, die ihre Besonderheit in einen Pluspunkt umdrehen. Dem Psychologen Kevin Dutton zufolge sind sie beispielsweise unter Polizisten, Chirurgen und Anwälten überdurchschnittlich häufig vertreten (15).

Denkt man ein wenig darüber nach, ergibt das durchaus Sinn. Ist es denn der schlechteste Anwalt, der im Interesse des Mandanten lügen kann, dass sich die Balken biegen und mit Killerinstinkt die Schwächen in der Argumentation der Gegenseite aufspürt? Die Polizei ist unser Freund und Helfer, aber wenn man gern mit Waffen hantiert und nichts gegen etwas Gewalt im Berufsalltag hat, dürfte das im Job nicht gerade als Bremse wirken. Chirurgen retten Leben, aber ist wirklich jeder abgebrüht genug, unbekümmert an lebenden Menschen herumzuschneiden?“

Am Ende dieser Übersicht dürfte sich der Eindruck verfestigt haben, dass sich menschliches Dominanz­streben in unterschiedlichste Verhaltensweisen auffächert wie ein Flussdelta. Wenn Gorillas imponieren wollen, trommeln sie mit den Fäusten gegen ihre Brust. Menschen sind da ein wenig dezenter und einfallsreicher. Doch imponieren und einen möglichst hohen Rang wollen auch sie. Bei einigen nimmt dieser Drang ungesunde Ausmaße an. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Und da fragen wir doch einfach mal etwas überspitzt: Wird Geschichte von Psychopathen gemacht? Das wird Thema des dritten Teils.

  1.  Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1986): Die Biologie des menschlichen Verhaltens. München.
  2. Bischof-Köhler, Doris (2002): Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede.Stuttgart, Berlin, Köln.
  3. Buss, David M. (2004): Evolutionäre Psychologie. München.
  4. Betzig, Laura (1991): History. In: Maxwell, Mary (Hrsg.): The Sociobiological Imagination. Albany.
  5. Wrangham, R. und Peterson, D. (2001): Bruder Affe. Kreuzlingen/München.
  6. Pinker, Steven (2003): Das unbeschriebene Blatt. Berlin.
  7. Cummins, Denise (2006): Dominance, Status, and Social Hierarchies. In: Buss, D.M. (Hrsg.): The handbook of evolutionary psychology S. 676-697. Hoboken, NJ.
  8. Harris, Marvin (1991): Menschen. Wie wir wurden, was wir sind. Stuttgart.
  9. http://octavia.zoology.washington.edu/handicap/honest_intro_01.html
  10.  Vogel, Christian u. Voland, Eckart (1988): Evolution und Kultur. In: Immelmann u. a. (Hrg.): Psychobiologie. Stuttgart. S. 101–130.
  11. Uhl, Matthias (2007): Alte Anlagen – neue Medien – evolutionäre Medienanthropologie. In: Eibl, K., Mellmann, K. u. Zymner, R. (Hrsg.): Im Rücken der Kulturen. Paderborn. S. 165-184.
  12. Blonigen, D. et al. (2005): Psychopathic personality traits: heritability and genetic overlap with internalizing and externalizing psycho-pathology. In: Psychol Med., Mai 35 (5): S. 637–648.
  13. Paul Piff
  14. Dunkle Triade
  15. Dutton, Kevin (2014): Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann. München.

Harte Bandagen

Geradezu zwangsläufig, dass das ägyptische Fieber auch auf Schreiber und Filmer des Phantastischen übersprang. Ein Genre, das mehr zu bieten hat als gut verschnürte Mumien.

Ganze Zimmer ließen sich tapezieren mit den Postern der Universal Studios, auf denen sich die Bande von Unholden des klassischen Horrorfilms versammelt: Frankenstein(s Ungeheuer), Dracula, der Wolfsmann, der Unsichtbare und natürlich die Mumie.

Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie genauso legendär wie umsatzträchtig waren. Erhebliche Unterschiede tun sich dafür im Stammbaum auf. Gibt es für Frankenstein, Dracula oder den Unsichtbaren den autoritativen Urtext, den stilbildenden Roman, lässt sich für den Wolfsmann, den Werwolf, höchstens eine Menge Folklore ausfindig machen. Wieder anders verhält es sich mit der Mumie. Hier stand zwar kein einzelnes Werk, dafür aber ein ganzer Strom von Literatur Pate, die sich Ägypten als Schauplatz ausgeguckt hatte. Und dieser Strom entspringt weit, weit in der Vergangenheit – wobei er sich von vornherein betont fantastisch und okkult darbietet.

Wie bereits im ersten Teil erwähnt, waren schon im Alten Ägypten Geschichten über Zauberer mächtig en vogue, womit sich ein Traditions-strang herausbildete, der bis zu Goethes “Zauberlehrling” reicht.

Im 2. Buch Mose wird von den zehn Plagen berichtet, die über Ägypten hereinbrechen, als Pharao sich weigert, die Juden in die Freiheit zu entlassen. Das Wasser des Nils verwandelt sich zu Blut, Frosch-, Stechmücken- und Heuschreckenplagen peitschen das Land, am Ende rafft es die Erstgeborenen dahin. Unübersehbar, wie hier ein Fundament für den modernen Öko- und Tierhorror gelegt wurde.

Die Beschreibung dieser Plagen dürfte ursprünglich von den Ägyptern selber stammen, da sie typisch sind für die Risiken des Lebens an einem großen Strom. Eine Rotalgenpest ist tatsächlich in der Lage, das Wasser blutrot zu färben, Mücken und anderes Getier gedeihen in den feuchten Uferniederungen besonders gut. Erstgeborenen Kindern standen die größten Mahlzeiten zu – fatal, wenn sich im feuchten Biotop eine Epidemie giftiger Schimmelpilze ausgebreitet hatte, die auch das Getreide nicht verschonte.

Der antike Schriftsteller Apuleius schildert in seinem Roman “Der goldene Esel”, wie der Ich-Erzähler Lucius durch ein Missgeschick in einen Esel verwandelt wurde. Erst durch Intervention der ägyptischen Göttin Isis erlangt er seine menschliche Gestalt zurück. Zum Dank wird er in Rom Priester des Kults der Isis und ihres Göttergatten Osiris.

Ägyptologisch bildete das Mittelalter – von den biblischen Erzählungen abgesehen – eine ziemliche Durststrecke. Doch seit der Renaissance fand man wieder Zugang zu den antiken Geschichts­schreibungen und Reise-berichten. Ägypten rückte näher.

Rubens

So nah, dass der Kleopatra-stoff seit Beginn der Neuzeit x-mal aufgegriffen wurde, besonders prominent in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“.

Auch die bildende Kunst begann, aufmerksam zu werden. Beispielsweise hatte der flämische Barockmaler Peter Paul Rubens nicht nur eine Schwäche für weibliche Modelle in gutem Ernäh-rungszustand, sondern auch für makabre Sujets. Links im Bild sein Portrait einer Mumie.

Im Sethosroman des Abbé Jean Terrasson aus dem Jahr 1731 ging es zwar nicht übernatürlich zu, doch spiegelte das Bild des Alten Ägypten als Heimstatt der Weisen und Gelehrten ein Utopia, das mit der Wirklichkeit eher wenig gemein hatte. Die Geschichte der verschiedenen Einweihungs­prozeduren des Prinzen Sethos inspirierte nicht nur die Freimaurer, sondern auch die Afrozentristen. Die erkannten darin die Bestätigung für die uralte, überlegene Weisheit der (ihrer Meinung nach schwarzen) ägyptischen Zivilisation.

Im Jahr 1827 begann die britische Schriftstellerin Jane Webb, die später eher für ihre Bücher zu Botanik und Gartenbau bekannt wurde, ihr dreibändiges Werk „The Mummy!“ herauszugeben. Die Handlung spielt im Jahr 2126, als es Wissenschaftlern gelingt, mithilfe galvanischer Batterien die Mumie des Pharaos Cheops wiederzubeleben – der neun Jahre vorher erschienene Frankenstein von Mary Shelley lässt herzlich grüßen. Einerseits kann der Text ohne Wenn und Aber als Science Fiction gelesen werden, in dem unter anderem TV und Flugreisen vorweg genommen werden. Andererseits handelt es sich beim revitalisierten Cheops keineswegs um eine Horrorfigur, sondern um eine eher väterliche Gestalt, die vom Gipfel jahrtausendalter Weisheit herab den neuzeitlichen Briten den einen oder anderen freundlichen Rat zukommen lässt. Vielleicht ist das Werk am ehesten als eine Art Gelenk zu begreifen. Hochgestimmt und pädagogisch intendiert wie der Sethosroman, bringt die Story einer wiedererweckten Mumie die Autoren späterer Generationen auf ganz andere Ideen.

Mit der französischen Ägyptenexpedition unter Napoleon wuchsen archäologisches Interesse und Wissen sprunghaft an. Dies führte dazu, dass das Pharaonenreich immer authentischer visualisiert wurde. Dazu regt der britische Film- und Filmmusikexperte David Huckvale an, die Darstellungen der biblischen Szene, in der Jakob die Träume des Pharaos deutet, aus verschiedenen Epochen zu vergleichen.

Pharao
Links: Nicht getürkt, höchstens lückenhaft informiert – Guercinos Darstellung aus dem 17. Jahrhundert. In Ermangelung detaillierter Kenntnisse schienen die Türken exotisch genug. Rechts dieselbe Szene aus der Feder von Gustave Doré aus dem 19. Jahrhundert.

Vor allem wohl dieser neuen Welle der Ägyptomanie ist es geschuldet, dass der französische Dichter Théophile Gautier das Land am Nil mehrmals als Schauplatz seiner teilweise ziemlich schwül-dekadenten Werke auserkor. Eher launig geht es in der kurzen Erzählung „Der Mumienfuß“ (1840) zu. Ein junger Mann erwirbt in einem Trödelladen den zierlichen Fuß einer ägyptischen Mumie. Auf seinem Zimmer beginnen ihm die Mumifika-tionsdämpfe, die seinem neuen Souvenir entströmen, den Geist zu vernebeln, weshalb er sich aufs Bett wirft. In diesem Moment hüpft eine hübsche, junge Prinzessin auf einem Bein ins Zimmer und nimmt erleichtert den Fuß an sich, um ihn wieder an seinem Stammplatz zu befestigen. Zum Dank nimmt sie den Vorbesitzer mit in ihr Land und ihre Zeit. Dort bittet sie Vater Pharao um die Zustimmung zur Heirat. Der aber lehnt ab. Denn was könne aus der Verbindung eines siebenundzwanzig-jährigen Jungspunds mit einer dreitausend Jahre alten Prinzessin schon herauskommen? Natürlich alles nur geträumt…

In der Folgezeit übernahm Großbritannien die Führungsrolle innerhalb der Ägyptenliteratur, die in dieser landsmännischen Ausprägung eine deutliche Schlagseite zum Unheimlichen und Reißerischen hin zeitigte. Was nicht weiter verwundert, da das Empire ohnehin zu den Hauptnationen litera-rischer Phantastik gehörte und dazu als Kolonialmacht besonders enge Beziehungen zu dieser Weltecke pflegte.

Eines der frühesten Beispiele für einen Mumienfluch bietet die Kurz-geschichte „Lost in a Pyramid“ (auch bekannt als „The Mummy‘s Curse“) von Louisa May Alcott aus dem Jahr 1869. Während einer Ägyptenexpe-dition wird in Ermangelung anderweitigen Brennmaterials ein hölzerner Sarkophag samt Mumie verfeuert. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass es sich um die sterblichen Überreste einer mächtigen Zauberin handelte. Einer der Expeditionsteilnehmer überbringt seiner jungen Braut ein paar Samen, die er im Sarkophag gefunden hatte. Daraus zieht die Verlobte eine weiße exotische Blume auf, die eine höchst ungute Wirkung ausübt und die junge Frau am Ende in lebenslanges Koma fallen lässt. Die Story stammt aus den USA, entfaltete die größte Resonanz aber auf der britischen Insel.

Hier kam eine perfekte Welle des Ägyptenhorrors ins Rollen. Es wird geschätzt, das zwischen 1860 und 1914 mehr als hundert Stories zu diesem Thema das Licht der Welt erblickten. Nicht wenigen dieser Texte haftet der wahrscheinlich unsympathischste Aspekt der Literaturgattung an: Furcht und Abscheu vor dem Fremden, wie es sich in der Exotik ägyptischer Kultur manifestiert.

Als Beispiel kann ein Roman von Sax Rohmer (unter anderem geistiger Vater des Dr. Fu-Manchu) herhalten: „Brood of the Witch-Queen“ aus dem Jahr 1918. Im Mittelpunkt steht der schurkische Antony Ferrara, Adoptiv-sohn eines berühmten Ägyptologen und schwarzer Magier in der Tradition altägyptischer Zauberer – und wie sich am Ende herausstellt, selbst eine wiederbelebte Mumie. Rohmer beschreibt ihn als auf abstoßende Weise attraktiv – was immer man sich darunter vorzustellen hat.

Ekeltechnisch geht die Geschichte in die Vollen. Nicht nur, dass Insekten- und Spinneninvasionen einen vielbeinigen running gag liefern. Prominent auch der Gestank, der von einem magischen Weihrauch ausgeht. Das Alte Ägypten kann ganz schön auf den Magen schlagen.

Sehr insektoid ging es schon in der Story „The Beetle“ von Richard Marsh aus dem Jahr 1897 zu. Ein formwandelndes Wesen aus dem Alten Ägypten, das gern hellhäutige europäische Frauen opfert, betreibt im modernen London mal als Araber, mal als Riesenkäfer seine finsteren Geschäfte. Auf der Seite der Guten steht unter anderem ein junges, hoffnungsvolles Talent auf dem Gebiet der Entwicklung chemischer Kampfstoffe. Ufff!

Würden solche Storys genauso stark wirken, wenn es sich bei Ägypten einfach nur um einen miesen, hässlichen Ort wie Mordor handelte? Wohl kaum. Pracht und Flair der alten Hochkultur erzeugen erst in Zusammen-spiel mit Gefahr und Fremdartigkeit diesen differenzierten Mix wider-sprüchlicher Empfindungen. Abstoßend attraktiv: Irgendwie scheint es zu funktionieren.

Erwähnenswert, dass „The Beetle“ im Rennen um die höchsten Verkaufs-zahlen anfangs die Nase vorn hatte vor dem zeitgleich erschienenen „Dracula“ von Bram Stoker. Übrigens hat Stoker selbst sein Scherflein zur ägyptischen Phantastik beigetragen – mit der Erzählung „The Jewel of Seven Stars“, deutsch „Die sieben Finger des Todes“. 1903 erstmals erschienen, wurde ihr 1912 eine inhaltlich veränderte Version nach-geschoben.

Die Handlung dreht sich um die zaubermächtige Königin Tera, deren Mumie und Sarkophag im Londoner Haus eines berühmten Ägypten-forschers aufbewahrt werden. Rätselhafte Vorfälle verdichten sich zum Verdacht, dass Tera – vor Jahrtausenden geplant – im Begriff ist, ins Leben zurückzukehren. Dabei handelt es sich durchaus um keine Geschichte einer romantischen Liebe, die die Abgründe der Zeit überdauert, sondern um den nackten Lebenswillen einer mächtigen Zauberin. In der ersten Version kommt es zur Katastrophe, während die überarbeitete Fassung in ein etwas doppelbödiges Happy End mündet. Die Geschichte kann einen gewissen Rang für sich reklamieren. Immerhin wurde sie mindestens viermal verfilmt.

Berühmt wurde Arthur Conan Doyle (1859-1930) vor allem für seine literarische Figur des Sherlock Holmes. Nun kann der super-analytische Meisterdetektiv wohl kaum als Alter Ego des Autors gelten. Der hatte vom gelernten Beruf als Arzt und vom Äußerlichen her (jedenfalls von vielen Verfilmungen aus gesehen) wesentlich stärkere Ähnlichkeit zu Dr. Watson. Vor allem scheint er im wirklichen Leben einen ausgesprochen leichtgläubigen Zeitgenossen abgegeben zu haben, der sich sogar mit retuschierten Fotos tanzender Mini-Elfen hereinlegen ließ – wie er auch sonst einen ausgeprägten Hang zum Okkulten pflegte. Als Autor des Phantastischen aber gehörte er unangefochten zur Spitze. Nicht nur Sherlock Holmes entstammte seiner Feder, sondern auch der Roman „Die vergessene Welt“ aus dem Jahr 1912. Die Geschichte eines südameri-kanischen Hochplateaus, auf dem bis auf den heutigen Tag Dinosaurier überlebten, schuf eine Tradition, die über „King Kong“ von Edgar Wallace bis hin zum Blockbuster „Jurassic Park“ ausgreift.

Und natürlich blieb auch Ägypten nicht unter seinem Radar. Als besonders einflussreich erwies sich die Kurzgeschichte „The Ring of Thoth“ von 1890. In der ägyptischen Abteilung des Louvre wird ein Student der Ägyptologie von plötzlicher Schläfrigkeit übermannt und wacht erst wieder auf, als das Museum längst geschlossen ist. Bei seinem Gang durch die nächtlichen Ausstellungsräume beobachtet er einen Fremden, der eigenartige Rituale an einer Mumie vollführt. Der seltsame Besucher offenbart seine Geschichte. Er stammt aus dem Alten Ägypten, wo er vor 3.500 Jahren eine Medizin entdeckt hatte, die ihm ewiges Leben gewährt. Da seine Geliebte aber längst tot ist und seine Unsterblichkeit die Vereinigung im Jenseits unmöglich macht, befindet er sich auf der Suche nach einem Gegenmittel. Bei der Mumie handelt es sich um seine große Liebe, die das gesuchte Elixier in einem Ring bei sich trägt… Hoch anzurechnen ist dieser Story allemal, dass sie auf plakative Fremdenfurcht verzichtet und stattdessen einen anrührenden düster-romantischen Faden spinnt.

Wir bewegen uns in der Ära, in der Filmpionier Georges Méliès begann, den Photos publikumsgerecht Beine zu machen. Und schon in dieser kinematographischen Schöpfungszeit meldete der Ägyptenhorror – wenn auch zunächst in ziemlich verspielter Form – seine Rechte an. 1903 kurbelte Méliès den Zwei-Minuten-Streifen „Le Monstre“ ab, in dem sich vor der Kulisse einer imposanten Sphinx ein ägyptischer Zauberer abmüht, eine tote Prinzessin zum Leben zu erwecken. Nach ein paar Tanzschritt-chen kollabiert die Gute allerdings wieder zu einem leblosen Skelett.

Seitdem ist Ägypten aus dem Zelluloiduniversum nicht mehr wegzudenken. Matthew Coniam kommt in seiner Filmographie zur Ägyptomanie bis 2015 auf ca. 200 Titel, wobei es sich allermeist um Storys aus dem Bereich des Phantastischen handelt. Verständlich, dass sich dieser Überblick mit einigen Highlights begnügen muss.

Konsequenterweise war es das Vereinigte Königreich, Wahlheimat des Ägyptenhorrors, wo die ersten echten unheimlichen Spielfilme zum Thema produziert wurden: 1912 der Kurzfilm The Vengeance of Egypt, in dem es um einen fluchbeladenen Ring geht, der einer Mumie entwendet wurde. 1915 dann in Stundenlänge The Avenging Hand, in der sich der Geist einer ägyptischen Prinzessin in London auf die Suche nach ihrer Hand begibt, die mittlerweile ein selbstbestimmtes und mörderisches Eigenleben führt. Es darf vermutet werden, dass sowohl Stokers „Die sieben Finger des Todes“, in der unter anderem auch um eine abgetrennte Hand eine Rolle spielt, als auch Gautiers „Mumienfuß“ beim Plot Pate gestanden haben.

In dieser Zeit erlangte – neben wissenschaftlichem und kreativem Interesse in Literatur, Film und Design – ein dritter Strang der Ägypto-manie immer größere Bedeutung: Das, was ich esoterische Ägyptologie nennen möchte.

Schon im 19. Jahrhundert gab es eine Reihe mathematischer Tüftler, die in den Abmessungen der Pyramiden auf Zahlencodes gestoßen zu sein meinten, die Beziehungen zur Geschichte, biblischer Überlieferung und Astronomie offenbarten. Andere schlossen daraus, dass es sich bei den Erbauern nur um die letzten Überlebenden von Atlantis handeln konnte.

Helena Blavatsky, Begründerin der Theosophie und damit Urmutter der modernen Esoterik, räumte Ägypten und den Pyramiden in ihrer ziemlich psychedelischen Kosmologie großzügig bemessenen Platz ein. Außerdem trug ihre Grundlagenschrift den Titel „Isis entschleiert“ (1877), womit direkt auf eine ägyptische Hauptgöttin Bezug genommen wird.

Das Ganze setzt sich bis in unsere Tage fort: Erich von Däniken beispiels-weise sieht das Alte Ägypten als Hot Spot vorgeschichtlicher außerirdi-scher Besuche an. Andere meinen, auf Fotos der Vikingsonde und des Landemobils Pyramiden auf dem Mars zu erkennen.

Ein besonderer Hype wurde 1922 ausgelöst, als Howard Carter im Tal der Könige das weitgehend intakte Grab des Pharaos Tutanchamun öffnete. Stellte das für sich schon eine archäologische Sensation dar, wurde die Sache noch mysteriöser, als kurz darauf Expeditionsteilnehmer zu sterben begannen. In Windeseile verbreitete sich die Rede vom Fluch der Pharaonen.

In dieser Atmosphäre entschied sich 1932 Carl Laemmle jr., Chef der Universal Studios, den großen Ägyptenhorror zu drehen. Wider Erwarten fand sich keine wirklich geeignete literarische Vorlage, so dass die Drehbuchautoren Richard Schayer und Nina Wilcox Putnam gezwungen waren, ihre kleinen grauen Zellen erheblich in Schwung zu setzen. Fündig wurden sie bei Doyles „Ring of Thot“, der Story eines unsterblichen Ägypters, der sich mit seiner großen Liebe wiederzuvereinen trachtet. Außerdem gab es da noch diesen Schwarzmagier Cagliostro, der im 18. Jahrhundert von sich behauptete, uralt und unsterblich zu sein. Aus diesen Versatzstücken bastelten sie die Geschichte des Priesters Imhotep, dessen Mumie durch einen dummen Zufall wiederbelebt wird.

Für dessen Rolle fiel die Wahl auf den hoch aufgeschossenen Briten William Henry Pratt. Der war ausgebildeter Bühnenschauspieler, mit markanten Gesichtszügen gesegnet und exzentrisch genug, sich den Künstlernamen Boris Karloff zuzulegen. Außerdem hatte er ein Jahr zuvor mit seiner Darstellung des Frankensteinmonsters gigantischen Erfolg eingefahren.

Archäologen finden im Jahr 1921 das Grab des mächtigen Priesters Imhotep. Offenbar wurde er bei lebendigem Leib mumifiziert, was sich nur als extrem schwere Bestrafung erklären ließ. Unglücklicherweise rezitiert einer der Ausgräber im Beisein des Sarkophags mit lauter Stimme aus einer Schriftrolle mit geheimen Beschwörungsformeln. Wie es nicht anders kommen konnte, wird die Mumie zu neuem Leben erweckt.

Von ihren Bandagen befreit, mischt sie sich als orientalischer Antiquitäten-händler Ardath Bey unters Volk. Karloffs Gesichtsmaske mit der ver-schrumpelten, pergamentartigen Haut ist einfach nur genial zu nennen. Vor allem setzt sie nicht auf Schock und Ekel, sondern erweckt einfach nur den Eindruck unermesslichen Alters.

Besonderes Interesse hegt der Wiederbelebte für die Mumie der Prinzessin Anck-es-en-Amun. Wie sich später herausstellt, hatte er zu Lebzeiten ein äußerst verbotenes Verhältnis mit ihr, wofür er schließlich büßen musste.

In Kairo fällt sein Blick auf die junge Helen Grosvenor, die er für die Wiedergeburt seiner Geliebten hält. Zunehmend gerät sie in seinen hypnotischen Bann…

In diesem Film tritt ein Merkmal auf, das zur DNA des Genres zu gehören scheint und von einer Generation zur nächsten weitergeben wird wie die Habsburger Lippe: Die Rückblende. In der wird – mal mehr, mal weniger gelungen – in der Kulisse des Alten Ägypten die Vorgeschichte zur Handlung erzählt.

Imhotep/Ardath Bey ist ein finsterer, rücksichtsloser Charakter, der auch nicht davor zurückschreckt, nette Hunde umzubringen, wenn sie ihm im Weg sind. Und dennoch bildet die Geschichte einer Leidenschaft über die Jahrtausende hinweg einen höchst romantischen Stoff.

Ich vermute, dass sich Francis Ford Coppola für seine Dracula-Verfilmung aus dem Jahr 1992 stark von diesem Motiv hat inspirieren lassen. In Stokers Roman wird der Fürst der Vampire als weitgehend unsentimentaler Machtmensch (oder Machtuntoter?) dargestellt. Bei Coppola ist er vor allem getrieben von der Sehnsucht nach seiner geliebten Elisabeta. Und natürlich wird uns das traurige Ende dieser Liebe in einer Rückblende vorgestellt.

Querverbindungen zwischen Filmen lassen sich aber schon für die 30er Jahre nachweisen. Karloff hat nicht nur die Mumie und Frankensteins Monster gespielt, sondern auch in der äußerst sehenswerten Fortsetzung „Frankensteins Braut“ aus dem Jahr 1935 mitgewirkt.

Teatime
Seriously british! Links Karloff während seiner tea time beim Dreh zur Mumie. Rechts Elsa Lanchester in selber Verrichtung in ihrer Rolle als Frankensteins Braut. Man beachte ihre mumienhafte Verpackung. In dem Film spielte natürlich auch Karloff mit. Ob sie bei dieser Gelegenheit ihren Tee auch gemeinsam nahmen, ist mir leider nicht bekannt.

Nicht nur die Verpackung der Braut lässt darauf schließen, dass sich Ägyptomanisches klammheimlich ins Frankenstein-Universum einge-schlichen hat. Ein weiteres Verdachtsmoment bildet dieses Porträtfoto von Frau Frankenstein in spe…

Braut
Wohl kaum eine rein zufällige und unbeabsichtigte Ähnlichkeit zu Königin Nofretete. Wobei es sich bei der Braut allerdings um eine Frau handelt, die mit der Zeit geht. Dazu beachte man den neckischen Blitz in der Frisur. Dezente Anspielung auf die Energie, der sie ihr neues Leben zu verdanken hat. Tja, Strom bringt’s!

Eine direkte Fortsetzung gab es nicht, aber ab 1940 produzierten die Universal Studios eine kleine Serie von schwarzweißen Mumienfilmen, die es mit dem Streifen von 1932 künstlerisch nun aber nicht aufnehmen können. Die Mumie selber heißt jetzt Kharis, wobei man trotz dieser Abweichung nicht davor zurückschreckte, Filmmaterial aus dem Karloff-Film wiederzuverwenden. Wie die budgetären Einschränkungen überhaupt unübersehbar sind.

Der Bandagenunhold wurde im ersten Film (The Mummy’s Hand ) von Tom Tyler gespielt, in den Fortsetzungen (The Mummy’s Tomb, The Mummy’s Ghost, The Mummy’s Curse) von Lon Chaney jr.. Im Laufe der Serie wurde die Handlung in die USA verlegt, was der Atmosphäre meiner Meinung nach insgesamt nicht besonders guttat. Wenn sich in Mummy’s Curse frankophone Cajuns aus den Sümpfen auf Mumienjagd begeben, trifft das nicht unbedingt jedermanns Geschmack.

Auf mich selber haben diese Produktionen jedenfalls keinen großen Eindruck gemacht. Mit einer Ausnahme vielleicht:  In Mummy‘s Curse (1944) kämpft sich Prinzessin Ananka (gespielt von Virginia Christine) quälend mühsam aus dem schlammigen Sumpf,  in dem sie einen Film vorher versunken war. Eine beeindruckende primordiale Urzeugungsszene. Bleibt zu erwähnen, dass das Südstaatensetting und die lebensspendenden Tanablätter in einem wesentlich neueren Film noch eine gewisse Rolle spielen werden.

In den 50ern war es den britischen Hammer Film Productions gelungen, mit Horrorfilmen wie Dracula (selbstredend mit Christopher Lee in der Titelrolle) aus ihrem Nischendasein ins Licht der breiten Öffentlichkeit zu treten. Und so entschloss man sich, auch im Mumienhorror eigene Akzente zu setzen. Da das Vereinigte Königreich ohnehin so etwas wie das Mutterland der ägyptischen Phantastik darstellt, ließe sich fast sagen: Mummy‘s coming home.

Und so erblickte 1959 der Farbfilm „The Mummy“ (deutsch „Die Rache der Pharaonen“) das schummrige Licht der Kinowelt. Zum gleichnamigen Karloff-Film aus den 30ern bestanden kaum Beziehungen, dafür hielt man sich sehr akkurat an den Plot der Sequels aus den 40ern. Wieder geht es um die Mumie Kharis und Prinzessin Ananka. Und natürlich darf ein zwielichtiger orientalischer Wiederbelebungsfanatiker nicht fehlen.

Zum größten Minus zählt für mich, dass im Film extrem langatmig und pathetisch deklamiert wird, etwa so: „Du großer Gott Karnak, Vater aller lebendigen Dinge, höre auf die demütigen Worte des Unwürdigsten deiner Sklaven. Für diese schreckliche Entweihung gelobe ich dir Genugtuung. Die Ungläubigen, welche die Ruhe deiner Priesterin grausam zu stören wagten, …“ und so weiter und so fort.

Ein absolutes Plus aber stellt die Musik mit ihrem gänsehautaffinen Hauptmotiv dar. Und als Sahnehäubchen gibt sich eines der produktivsten (platonischen) Paare der Filmgeschichte die Ehre: Peter Cushing und Christopher Lee. Darin übernimmt Lee den Part der komplett bandagierten Mumie, der zur Entfaltung mimischen Talents nur ein schmaler Sehschlitz zugebilligt wurde. Mit diesen eingeschränkten Mitteln den Ausdruck animalischer Destruktivität zu erzeugen, gelingt Lee aufs Bravouröseste. Wobei ihm seine hünenhafte Gestalt sehr zupass kommt.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zum Thema Mumifikation. Einer Theorie nach ist der Brauch folgendermaßen entstanden: Die Ägypter waren abgeneigt, ihre Toten im schmalen, fruchtbaren Teil des Landes nahe des Nils zu bestatten. Überschwemmungen hätten die Gräber freilegen können, was für die Toten entwürdigend und für die Lebenden kein schöner Anblick gewesen wäre. Daher wählten sie die Wüste als letzte Ruhestätte. Als dort die bemerkenswerten konservierenden Eigenschaften der extremen Trockenheit offenbar wurden, kamen die Ägypter auf die Idee, dem Prozess weiter nachzuhelfen, und so entwickelten sie über die Jahrhunderte hinweg immer raffiniertere Methoden der Erhaltung.

Die alten Ägypter waren weiß Gott nicht die Allergrößten. Außerdem dürften die Jahrtausende der Konservierung von einem Schrumpfungs-prozess begleitet worden sein. Daher rufen Mumien vor allem den Eindruck von Winzigkeit und Fragilität hervor. Eine eher traurige Angelegenheit, wie ein Ägyptologe kommentiert. Lees Berserkermumie sollte also am besten unter der Rubrik dichterische Freiheit eingeordnet werden.

Nun sah Hammer Films die Zeit gekommen, sich an die echten Klassiker der ägyptischen Phantastik heranzu­wagen. Die Wahl fiel auf Bram Stokers „Jewel of Seven Stars“. Abgedreht wurde der Streifen 1971 unter dem Titel „Das Grab der blutigen Mumie“ (Blood from the Mummy’s Tomb). Allerdings entwickelten sich die Dreharbeiten zum Debakel, das einem bösen Omen gleich seinen Schatten über die Firma warf. Für die Rolle des Ägypten-forschers Fuchs war Peter Cushing vorgesehen, der aber nach dem ersten Drehtag zurücktreten musste, nachdem seine Frau schwer erkrankte und kurz darauf starb. Genauso plötzlich erlag Regisseur Seth Holt mitten in den Dreharbeiten einem Herzinfarkt. Wie sich herausstellte, existierte das Drehbuch nicht auf Papier, sondern vor allem in Holts Gehirn.

Das mag dazu beigetragen haben, dass die Handlung etwas holperig und nicht sonderlich stringent wirkt. Wie sich die Produktion auch insgesamt im Vergleich zur literarischen Vorlage viele Freiheiten nimmt. Wenn nun nicht gerade ein Kunstwerk, bietet der Film trotzdem einige atmosphä-rische Momente. Was aber offenbar nicht mehr ausreichend war. Auf Dauer hatte plüschiger viktorianischer Charme keine Chance gegen den neuen, ultrabrutalen US-amerikanischen Horror à la „Exorzist“. 1979 meldete Hammer Konkurs an.

Bereits ein Jahr vor Mummy’s Tomb war der Stoff fürs britische Fernsehen verarbeitet worden. Vier Jahre lang (1966-1970) wurden in der Serie „Mystery and Imagination“ insgesamt über zwanzig Storys bekannter Autoren des Unheimlichen fürs TV adaptiert – zuletzt Stokers „Jewel of Seven Stars“ unter dem Titel „The Curse of the Mummy“. Auch wenn die ägyptische Rückblende nicht fehlen durfte, wirkt das Ganze ziemlich kammerspielmäßig, womit der Originalerzählung durchaus Genüge getan wurde.

1980 wurde der Stoff abermals fürs Kino verfilmt. Zwar handelt es sich beim „Erwachen der Sphinx“ (The Awakening) nominell um eine britische Produktion, doch waren in Person von Charlton Heston und Stephanie Zimbalist die Hauptrollen mit amerikanischen Mimen besetzt. Die Kritiken fielen durchwachsen aus. Heston hielt man vor, keinen authentisch britischen Akzent zuwege zu bringen, und Zimbalist galt schlicht als zu nett, um der ägyptischen Herrscherin (die jetzt Kara anstatt Tera hieß) die nötige Diabolik zu verleihen. Das Erfinden neuer Handlungsstränge nahm man auf die leichte Schulter, einige Figuren wurden in ihren Rollen ver-tauscht wie bei einer Schachrochade. Insgesamt keine cineastische Sternstunde, aber immer noch unterhaltend und abendfüllend genug. Lobend zu ergänzen, dass der ägyptische Part ganz überwiegend an Originalschauplätzen gedreht wurde.

Eine weitere Version stammt aus dem Jahr 1998 und war für den direkten Konsum via Video und DVD – ohne Umweg über die Kinos – gedacht. Produktionen dieser Art genießen nicht gerade höchstes Ansehen. „Legend of the Mummy“ scheint diese Vorurteile im vollen Umfang zu bestätigen. Die Bewertung auf dem Filmportal IMDB liegt bei 2,9 (von zehn möglichen) Punkten. Womit alles Wesentliche gesagt sein dürfte.

Um ein Entertainmentereignis ganz anderen Kalibers handelt es sich bei der „Mumie“ aus dem Folgejahr. Mit Stoker hat der Film nichts zu schaffen, dafür lehnt er sich vage an Karloffs Mumie an. Dem Projekt stand ein Budget von 80 Millionen Dollar zur Verfügung, das zu einem nicht geringen Teil in computergestützte Tricktechnik gesteckt wurde. Tatsächlich sind die Effekte durchaus spektakulär – trotzdem muss ich gestehen, dass ich mit dem Streifen herzlich wenig anfangen kann.

Sehr unangenehm fällt auf, mit welcher Bedenkenlosigkeit dargestellt wird, wie gegnerische Araber zu Dutzenden niedergeballert oder über den Haufen gebrettert werden. Nun gibt sich der Film nicht nur antiarabisch, sondern auch antiägyptisch. Wenn unseren europäisch-amerikanischen Helden Heere von halbverwesten Mumienzombies und Fantastillionen von Käfern zusetzen, kann ich darin nichts als den aufgewärmten, allenfalls aufgepimpten „Abstoßend-attraktiv“-Kohl erkennen.

Eine Szene verdient besondere Erwähnung. Als der wetterwendische Halunke Beni mit der Mumie konfrontiert wird, hält er ihr zur Abwehr der Reihe nach Glücksbringer der verschiedenen Weltreligionen unter die Nase, wobei er Beschwörungsformeln in der jeweiligen Sprache haspelt. Beim Davidstern, unterlegt von einer hebräischen Sentenz, wird die Mumie hellhörig. „Ah, die Sprache der Sklaven!“

Spätestens seit dem Monumentalschinken „Die zehn Gebote“ von Cecil B. DeMille aus dem Jahr 1956 dürfte sich in der Öffentlichkeit die Vorstellung festgesetzt haben, dass die Pyramiden von – überwiegend jüdischen – Sklaven erbaut wurden.

Die Archäologie erzählt eine andere Geschichte. In unmittelbarer Nähe zu den Pyramiden stieß man auf sorgfältig nach ägyptischem Ritus angelegte Gräber für Bauleute. Für Sklaven eher ungewöhnlich. Massen an Rinder- und Schafskeletten sprechen dafür, dass die Bauarbeiter ziemlich hochwertig verköstigt wurden. Auch boten die Arbeiterquartiere so wenig Platz, dass ein kurz getaktetes Rotationsverfahren vermutet wird. Nicht zu vergessen, dass Papyrusrollen mit Gehaltslisten gefunden wurden. Da es noch keine Münzen gab, stellten Brot und Bier besonders populäre Währungen dar. Mit einem Wort: Die Pyramiden wurden nicht von Sklaven erbaut, sondern von Kontraktarbeitern und freien Ägyptern in Form kurzfristiger Hand- und Spanndienste.

Wesentlich mehr nach meinem Geschmack ist da das kleine Juwel „Bubba Ho-Tep“ aus dem Jahr 2002. Die Hauptrolle fiel Trash-Ikone Bruce Campbell zu, Regie führte Don Coscarelli. Für den nichts unpassender wäre als die Bezeichnung Fließbandarbeiter. Viel mehr Spaß scheint es ihm zu bereiten, das Publikum ungefähr alle zehn Jahre mit einer kleinen Extra-vaganz zu überraschen. Den Anfang machte „Das Böse“ (Phantasm) aus dem Jahr 1979 (das Ding mit der fliegenden Messerkugel im Mausoleum).

Bei „Bubba Ho-Tep“ ist die Prämisse simpel, der Plot schnell erzählt. Campbell spielt einen geriatrischen Elvis Presley, der einen Imitator spielt, der Elvis Presley spielt. Sein bester Kumpel im texanischen Altersheim ist Präsident J.F. Kennedy, der entgegen der Legende nicht getötet, sondern von L.B. Johnson nach dem Attentat heimtückischerweise zu einem Afroamerikaner umgefärbt und in die Anonymität katapultiert wurde – nachdem sein durch Schüsse ramponiertes Gehirn mit einem kleinen Sandbeutel repariert wurde. So jedenfalls die Version von Mr. President. Verwirrend wird die Angelegenheit, als eine wiederbelebte ägyptische Mumie, die während einer Wanderausstellung bei einem Unfall im nahe gelegenen Fluss landete, sich seelenfressenderweise an den Senioren zu stärken versucht… na gut, lassen wir das.

Wer aber schon immer sehen wollte, wie sich ein deutlich in die Jahre gekommener „King“ ein Duell liefert mit unangenehm überdimensio-nierten Insekten und sich dabei Kampfkünsten bedient, die ich in Ermangelung einer präzisieren Bezeichnung Rollator-Kung-Fu nennen möchte, kommt jedenfalls voll und ganz auf seine Kosten.

Ob es ein perfektes Happy End gibt, verrate ich nicht. Jedenfalls schieben sich am Ende die Sterne am Nachthimmel zu Hieroglyphen zusammen und verkünden: „Alles ist gut!“

Wie die Karnickel?

Hat sich der Mensch in der Geschichte immer wieder selbst ein Bein gestellt? Und jeden kärglichen Zugewinn an Wohlstand durch allzu heftige Vermehrung wieder aufgezehrt? Sind wir also zu dumm und zu sexualorgangesteuert für echten Fortschritt? Dieser Meinung war jedenfalls der Brite Thomas Robert Malthus (1766-1834). Aber hatte er Recht? „Wie die Karnickel?“ weiterlesen

Ein Kapitel Euro-Chauvinismus

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Eines steht fest: Die moderne Welt bewegt sich nach dem Takt, den westliche Technik und Wirtschaftsweise vorgeben. Und es ist nicht mehr als hundert Jahre her, dass europäische Kolonialmächte den Erdball nahezu komplett unter sich aufgeteilt hatten. Die Welt ist sehr westlich geworden. „Ein Kapitel Euro-Chauvinismus“ weiterlesen