Schwarze Katzen unter Leitern

Aus evolutionspsychologischer Sicht ist Aberglaube überraschend sinnvoll. Aber auch er hat seine Grenzen.

 

Natürlich bin ich ein durch und durch rationaler Mensch. Einer, der sich ein Leben lang für Naturwissenschaft interessiert hat. Trotzdem spüre ich am Abend jedes Mal diese seltsame Erleichterung, wenn ich wieder einmal einen Freitag den Dreizehnten unbeschadet überstanden habe. Okay, machen wir uns nichts vor: Mit all unserem Daumendrücken, auf Holz klopfen und Reis auf Brautpaare werfen stehen wir maximal mit einem Bein im digitalen Zeitalter. Zu unserem Erbe gehört auch ein Bestand teils uralter Rituale und Vorstellungen, der zu umfangreich ist, um Rest genannt werden zu können.

SchwarzeKatze

Aberglaube ist faszinierend. Aber es ist auch ein einigermaßen schreckliches Wort, das einiges an definitorischer Hubarbeit erfordert. In der allgemeinsten Form der Verwendung stellt es nichts weiter als eine Umschreibung für „andere Meinung“ dar. Beispielsweise wird vom Aberglauben des Segens regulierter Märkte gesprochen. Da lässt die Retourkutsche natürlich nicht lange auf sich warten: Der Aberglaube des Segens unregulierter Märkte.

Mit so einer Definition ist natürlich nichts gewonnen. Deshalb sollte Aberglaube beschränkt werden auf den Glauben an übernatürliche Dinge – an Dinge also, die zur modernen naturwissen­schaftlichen Weltsicht quer liegen.

Nächstes Problem: Die Religion. Christliche Missionare bezichtigten die Indianer des heidnischen Aberglaubens. Denn viel wahrhaftiger sei es, anstatt an die Gefiederte Schlange an einen jungfräulich geborenen Wanderprediger zu glauben, der Brot und Fische aus dem Nichts zauberte, Wasser in Wein verwandelte, Tote zum Leben erweckte und am Ende selber wieder auferstand.

Wir sehen: Aus nüchterner naturwissenschaftlicher Perspektive besteht kein Grund, dem jeweils eigenen Glaubenssystem Vorrang vor anderen einzuräumen. An dieser Stelle lassen wir sie aber allesamt nicht unter die Kategorie Aberglaube fallen. Begründen lässt sich das einmal damit, dass sich der Glaube historisch als Bollwerk gegen den Aberglaube – als sein großes Gegenteil – verstand. Was zumindest für den christlichen Kulturkreis gilt.

Außerdem beruht Religiosität evolutionspsychologisch teilweise auf anderen Wurzeln. Vor allem in dem Sinn, dass schon etwas mehr dazu gehört (in meinen „Nachttieren“ bin ich darauf eingegangen).

Und deshalb lautet unsere Definition: Aberglaube besteht im Glauben an übernatürliche Kräfte, der durch die offizielle Religion nicht abgedeckt ist. Testen wir einmal, wie weit wir damit kommen: Schwarze Katzen ­ – scheck! Kaffeesatzlesen ­ – scheck! Horoskope ­ – scheck! Kobolde, Vampire und Gespenster ­ – scheck!

Tragfähigkeit kann diese Begriffsbestimmung also allemal für sich reklamieren. Nun sehe ich mich leider gezwungen, die Definition für die Zwecke dieses Blogs noch ein wenig zu verfeinern und zwei neue Begriffe einzuführen. Wobei mir prompt reichlich sperrige Wortungetüme eingefallen sind ­ – für Gegenvorschläge bin ich jederzeit offen. Wie dem auch sei: Sinnvoll halte ich die Unterscheidung zwischen partikulärem und systemischem Aberglauben.

Unter systemischen Aberglauben verstehe ich Vorstellungen, hinter denen komplexe Konzepte stehen. Mögen Horoskope auf den ersten Blick auch wie eine Alltagsmarotte wirken – bei der Astrologie handelt es sich um ein zwar irriges, trotzdem hoch differenziertes Gedankensystem. Beispielsweise gehörte in früherer Zeit die Vorstellung dazu, dass Sterne und Planeten an unsichtbare, zwiebel­schalenartig ineinander verschachtelte Kugeln, den Sphären, geheftet sind, die sich gegeneinander drehen und nach dem allgegenwärtigen Prinzip „Wie oben, so unten“ gegenseitig aufeinander einwirken, bis ihre Ausstrahlungen am Ende den Menschen treffen.

Anderes Beispiel: Die Vampirsage. Vampire sind Untote, die zu Lebzeiten mit einem Fluch oder einer Sünde beladen wurden. Manchmal torkeln sie einfach nur orientierungslos umher, weil sie nicht begriffen haben, dass sie schon tot sind, manchmal attackieren sie aber auch die Lebenden, um deren Blut zu trinken. Wenn’s brenzlig wird, können sie sich in einen Wolf, eine Fledermaus oder einen Nebel verwandeln. Zu Abwehr verwende man am besten Heilkräuter aus dem eigenen Garten, Knoblauch zum Beispiel. Auch auf christliche Symbole reagieren sie ausgesprochen allergisch. Um sie endgültig loszuwerden, müssen sie enthauptet, gepfählt und vor allem verbrannt werden – genauso wie das Stroh, auf dem sie schliefen. Auch die Vampir-erzählung ist also ganz schön verästelt.

Im Gegensatz dazu zeichnet sich das, was ich partikulären Aberglauben nennen möchte, dadurch aus, dass er sich auf eine ganz spezielle Situation beschränkt: Es bringt Unglück, wenn man unter einer Leiter hindurchgeht, wenn eine schwarze Katze von links nach rechts den Weg kreuzt, wenn ein Spiegel zerbricht etc.. Glück bringt es dagegen, auf Holz zu klopfen oder die Daumen zu drücken.

Nun sollte man sich diese beiden Gattungen aber nicht als strikt getrennte Schubladen vorstellen, sondern eher als Pole mit breitem Übergangsbereich. Wer jemandem mithilfe sympathetischer Magie Schaden zufügen will, sticht Nadeln in eine Puppe, die dem Ziel der Aggression ähnlich sieht. Wer einem anderen Glück wünscht, drückt die Daumen. Nach Karl-Heinz Göttert (1) bestand der ursprüngliche Sinn dieser Geste darin, dass man übelwollende Dämonen vertrieb, indem man sie – in Vertretung durch den Daumen – drückte, dass ihnen die Luft ausging. Damit stellt Daumendrücken so etwas wie Voodoo mit bloßen Händen dar. Und damit ein partikuläres Ritual mit recht komplexem Hintergrund.

Fragt man sich nun, welche Spuren der Aberglaube im Erzähle-rischen, in Film und Literatur, hinterlassen hat, ist es sinnvoll, die Unterteilung beizubehalten.

Beim systemischen Aberglauben scheint die Sache klar: Übernatürliches wie Gespenster, Dämonen, Magie oder Monstren bilden das Fundament des Unheimlichen und des Horrors. Hier lässt sich fast von einer Deckungsgleichheit sprechen.

Vielversprechend auch, die allgemeine Literatur in den Blick zu nehmen. Denn immerhin tummeln sich dort so einige höchst abergläubische Figuren (und am anderen Ende der Schreibfeder ebensolche Autoren).

In Mark Twains „Huckleberry Finn“ stellen der Titelheld und der schwarze Sklave Jim so etwas wie wandelnde Kompendien des Aberglaubens dar. Von ihnen erfahren wir nicht nur, dass es Unglück bringt, eine Spinne zu töten, sondern auch, dass sich mit dem Haarknäuel aus dem Magen eines Ochsen die Zukunft vorhersagen lässt und so einiges mehr.

In Ödön von Horvaths „Jugend ohne Gott“ spielt ein Amateurastrologe eine gewisse Rolle, der seine Autorität mit einer Krawattennadel in Form eines blinkenden Totenkopfs unterstreicht.

Auch kommt es vor, dass sich der Autor selbst als etwas leichtgläubig outet. So etwa in “Bleak House“ von Charles Dickens. Hier berichtet er treuherzig von der spontanen Selbstentzündung des alten Krook, der sich fein säuberlich in Asche verwandelt hat, während Mobiliar, Ginflasche und Katze gänzlich unbehelligt blieben.

Einen springenden Quell bietet natürlich William Shakespeare. Nicht nur, dass sich in seinen Stücken insgesamt über hundert Verweise auf die Astrologie finden lassen (2). Im Macbeth treten nicht nur Hexen auf, sondern auch ein Geist. Genauso wie im Hamlet und Richard III. Und im Sturm übernimmt der versierte Magier Prospero die Hauptrolle.

Geradezu unabwendbar, dass der Dichter als prominenter Kronzeuge für die Existenz des Übernatürlichen herhalten muss, indem er Hamlet den berühmten Ausspruch in den Mund legt: „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“

Doch ist das nur die eine Seite. Andererseits war der Schwan von Avon durchaus zu ironischer Distanz fähig. Denn wie heißt es im Heinrich IV.:

Glendower: Ich rufe Geister aus der wüsten Tiefe.

Percy: Ei ja, das kann ich auch, das kann ein Jeder. Doch kommen sie, wenn Ihr nach ihnen ruft?

Weniger ertragreich gestaltet sich die filmische und literarische Exploration, wenn es um partikulären Aberglauben geht. Zwar gibt es Filme wie „Freitag der 13.“. Allerdings spielt das unheilschwangere Datum selber keine allzu große Rolle. Außerdem ist der Streifen noch nicht einmal wirklich übernatürlich (jedenfalls nicht der erste Teil).

Von E.A. Poe stammt die Erzählung „Der schwarze Kater“. Dass es sich um eine Katze handelt und dass sie auch noch schwarz ist, lässt sich aber am ehesten noch als schauriger Schnörkel verstehen. Vor allem geht es um die Abgründe der menschlichen Psyche.

In enger Nachbarschaft zum Aberglauben siedeln die Modernen Sagen, die urban legends. Da geht es vor allem um die haarsträubenden Geschichten, die angeblich einem Freund eines Freundes zugestoßen sind. Beispielsweise kommt jemand nach Hause und findet seinen Hund hechelnd und kurz vorm Ersticken auf dem Boden – weil ihm zwei Finger in der Kehle stecken, die er einem Einbrecher abgebissen hat. Da bringt jemand als Souvenir aus tropischem Urlaub einen Ausschlag mit. Als ein Pickel aufplatzt, drängt ein Schwarm Minispinnen ins Freie. Oder da ist jemand, der seine Katze in der Mikrowelle trocknen will.

Was diese Erzählungen vom Aberglauben unterscheidet, ist, dass sie nicht übernatürlich sind. Und das können sie im Grunde auch gar nicht sein. Denn ihre Hauptwirkung besteht ja gerade im Anspruch, wahr zu sein.

Des Themas angenommen hat sich der Film „Düstere Legenden“ (Originaltitel Urban Legend). Unter anderem tritt ein Professor auf (gespielt von Robert Englund aka Freddy Krueger), der in einem aufsehenerregenden Selbstversuch vor versammeltem Auditorium einen speziellen Irrglauben zu entlarven gedenkt. Dazu schiebt er sich eine Ladung Knallzucker (Pop Rocks) in den Mund und spült sie mit einem guten Schluck Cola hinunter. Wider Erwarten überlebt er das Ganze. Denn es geht das Gerücht, dass diese zwei ziemlich überflüssigen Nahrungsmittel in Kombination so viel Kohlendioxid bilden, dass es Magen und Därme zerfetzt. Hier dürfte der Abstand zum partikulären Aberglauben auf ein Minimum zusammengeschnurrt sein.

Die Anthropologie guter und nicht so guter Ideen

Interessante Zusammenhänge eröffnen sich, wenn das Thema in einen größeren anthropologischen Rahmen gestellt wird.

Zu den Grundüberzeugungen evolutionärer wie kultureller Anthropologie gehört, dass der Mensch durch seine Intelligenz und Lernfähigkeit überhaupt erst in die Lage versetzt wurde, so etwas wie Kultur hervorzubringen. Dafür gibt es mittlerweile sogar direkte empirische Beweise.

In einem groß angelegten Experiment verglichen Verhaltensforscher die Testleistungen von über hundert zweieinhalbjährigen Menschenkindern mit denen von ungefähr genauso vielen erwachsenen Schimpansen. Die Testbatterie umfasste das Erinnern des richtigen Wegs zum Leckerli, die Auswahl des passenden Werkzeugs zu ähnlichen Zwecken und vieles mehr. Bei den meisten Aufgaben waren die Affen den Menschen (Zweieinhalbjährige!) hauchfein überlegen. In einem Punkt aber deklassierten schon die Jüngsten unserer Spezies ihre behaarte Verwandtschaft: Beim sozialen Lernen, beim Lernen durch Nachahmung (3). Dieses Resultat bestätigte auf eindrucksvolle Weise die Theorie, dass es sich beim Menschen angeborenermaßen um ein Lerntier ersten Ranges handelt. Nachgeahmt werden übrigens vorzugsweise erwachsene Respektspersonen mit hohem Prestige, Mitglieder der eigenen Gruppe und Angehörige des eigenen Geschlechts.

Zu dieser Lernfähigkeit gesellt sich der starke Impuls, Wissen und Können anderen Gruppen­mitgliedern zu vermitteln. Während bei Menschenaffen nur sporadisch beobachtet wird, wie Jungtiere bei der Bewältigung neuartiger Probleme von Erwachsenen unterstützt werden, kann dieses Verhalten beim Menschen als allge­gen­wärtig gelten. Und natürlich stellt Sprache ein perfektes Medium dar, Informa­tionen weiterzugeben.

Die Fähigkeit, Wissen zuverlässig zu speichern und zu erweitern, firmiert in der Anthropologie unter der Bezeichnung Wagenhebereffekt. Die Speicherfähigkeit dieses Systems erklärt auch ein Grundcharakteristikum der kulturellen Evolution – die stetige Ansammlung, die Akkumulation, von kulturellem Wissen.

Beispiel Maniok: Diese Speisepflanze wird vor allem in Südamerika und im Pazifik angebaut. Besonders wegen ihres hohen Stärkegehalts stellt sie ein äußerst produktives Nahrungsmittel dar. Nur hat die Sache einen Haken. Im Rohzustand enthält sie soviel Zyanid, dass ihr Verzehr akute und chronische Vergiftungen bewirken kann. Nur durch eine komplizierte Prozedur, die Ausklopfen, Zerreiben, Waschen und Kochen umfasst, gelingt es, den Giftgehalt auf ein Minimum zu reduzieren. Die Indianer beherrschen diese Techniken. Völker, die erst in jüngerer Zeit mit dieser Pflanze Bekanntschaft machten, allerdings nicht. Prompt liefen sie in die Zyanidfalle.

Fragt man die Indianer, die diese Prozeduren so gewissenhaft befolgen, nach deren Sinn, erhält man allerdings höchstens spärliche oder geradezu absurde Antworten. Der Einzelne weiß im Grunde gar nicht, was er da eigentlich macht. Kultur und Tradition sind offenbar intelligenter als das Individuum (3).

Auf solchen Denkfiguren beruhen komplette völkerkundliche Kulturtheorien wie Kulturökologie oder Kulturmaterialismus. So wie sich der Fischkörper im Laufe der Evolution perfekt ans Wasser angepasst hat, stellen Kulturen optimale Anpassungen an ihre Umwelt dar. Das Mittel dieser Anpassungen besteht in Verhaltensvorschriften, Vermeidungen und Tabus, deren Sinn sich im Laufe der Generationen verdunkelt hat, die aber immer noch strikt befolgt werden. Warum verbietet der Koran den Genuss von Schweinefleisch? Weil die Schweinehaltung so viel Wasser verbraucht, dass sie in trockenen Gebieten ökologisch äußerst ungünstig ist. Warum ist die Kuh in Indien heilig? Weil sie als natürlicher Rasenmäher und Düngerproduzent wesentlich effektiver ist als Lieferant von magerem, zähem Fleisch (4).

Zu diesem sehr idealistischen Bild besteht allerdings auch Widerspruch. Und hier kommt der Aberglaube ins Spiel. Auch Verhaltensforscher haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie der überhaupt zu erklären ist – wobei die folgende Theorie wohl am ehesten noch auf den partikulären Aberglauben gemünzt ist.

Intelligenz hin oder her – die Welt ist so kompliziert, dass wir sie nie vollständig begreifen können. Außerdem müssen wir uns oft schnell und auf Grundlage lückenhafter Information entscheiden. Für ausgedehnte Versuchsreihen haben wir weder Zeit noch Mittel.

Mathematische Modellierungen aus der Verhaltensforschung haben nun gezeigt, dass unser geistiger Apparat im Laufe der Evolution einen optimalen Weg auf dem schmalen Grat zwischen Informationsbedarf und schnellem Entscheiden gefunden hat. Aber auch der ist vor Kurzschlüssen nicht geschützt. Besonders wenn es um viel geht und mit geringen Kosten erreicht werden kann (5).

Beispiel Glücksbringer: Der Aufwand, einen Glückspfennig oder eine Hasenpfote bei sich zu tragen, ist nicht gerade übermäßig. Andererseits sollen sie Schutz vor Unglück, Unfällen und schweren Krankheiten bieten. Was lässt sich gegen dieses Kosten-Nutzen-Verhältnis schon einwenden? Sollte sich die Methode – und sei es durch reinen Zufall – auch nur im Einzelfall als wirksam erweisen, lassen wir uns nur zu gern von der Realität dieses Effekts überzeugen. Und daher entwickelt sie unter Umständen genügend Attraktivität, um ins ständige Verhaltensrepertoire übernommen zu werden. Geringe Kosten, hoher Gewinn und mindestens eine Bestätigung: Kein Wunder, dass ein Gehirn, das darauf gedrillt ist, sich in Situationen geringer Information schnell zu entscheiden, auf so etwas anspringt.

Vielleicht ist diese Konstellation gar nicht so häufig, und meistens verhalten wir uns ja auch nicht abergläubisch. Aber im Laufe eines Lebens kommen so einige Situationen zusammen, die zum Kurzschluss einladen. Und wer sagt, dass wir nur durch eigenes Erleben lernen?

Und das ist der springende Punkt: Denn dass wir Menschen so versessen aufs Lernen und Nachahmen sind, kann zu gewissen Auswüchsen führen. Sehr eindrücklich lässt sich das an einem Experiment demonstrieren. Dabei führte der Versuchsleiter drei- und vierjährigen Kindern vor, wie sich eine künstliche Frucht mit einem Stock öffnen ließ, um an die echte Leckerei heranzukommen. Das Perfide dabei war, dass der Stock zuerst auf völlig überflüssige Weise benutzt wurde. Auch als der Versuch mit einer durchsichtigen Box wiederholt wurde, führten die Kinder weiterhin getreulich die unnötige Aktion aus – obwohl jetzt deutlich zu erkennen war, dass sie komplett sinnbefreit war. Schimpansen ließen sich übrigens nicht hinters Licht führen und verzichteten auf allen überflüssigen Schnickschnack (6).

Fazit: Der Mensch neigt ziemlich deutlich zur Überimitation. Wobei hinter diesem buchstaben­getreuen Nachmachen ein evolutionärer Sinn stecken dürfte. Wahrscheinlich ist unser hoch entwickeltes Nachahmungstalent gar nicht anders zu haben. Andererseits legt das den Verdacht nahe, dass wir manchmal bereit sind, echten Nonsens zu lernen.

Bereits festgestellt wurde, dass unsere Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen bei begrenzter Informationsbasis im Laufe der Evolution optimiert wurde. Auch bei unserem Nachahmungstrieb handelt es sich um eine höchst sinnvolle Einrichtung. Umso erstaunlicher, welch abstruse Resultate diese Fertigkeiten im Zusammenspiel hervorbringen können.

Angenommen, jemand unterliegt einem geistigen Kurzschluss und entwickelt irgendeine Form von Aberglaube oder sonst eine Theorie, die daneben liegt. Und weiter angenommen, dass es sich um jemanden mit hohem Prestige handelt: eine Person also, die besonders zur Imitation einlädt – inklusive gedankenloser Überimitation. Ist es da so unwahrscheinlich, dass auch eher fatale Traditionen ins Leben gerufen werden? Dass das keine bloße Spekulation ist, zeigen eine ganze Reihe absonderlicher bis gemeingefähr­licher Sitten und Gebräuche.

Dem Anthropologen Robert Edgerton geht es vor allem um den Nachweis, dass die sogenannten Naturvölker durchaus nicht in paradiesischer Idylle leben. Zu diesem Zweck listet er unter anderem eine Reihe geradezu selbstzerstörerischer Praktiken auf (7).

Bei den afrikanischen Yoruba war es üblich, Kindern, die an Krämpfen litten, mit einer besonderen Medizin zu behandeln, die aus Tabakblättern, Urin und Gin bestand. Fielen die Kinder ins Nikotinkoma, wurden sie ins nächstliegende europäische Hospital gebracht.

Auch in städtischen Gegenden Mexicos ist eine Medizin gegen Magen-Darmprobleme weit verbreitet, die Blei, Quecksilber und giftige Textilfärbemittel enthält.

Die chirurgischen Techniken der Mae Enga auf Neuguinea dürften die Leiden eines Verwundeten effektiv verkürzt haben – indem sie oft zum direkten Exitus des Patienten führten. Zum Beispiel wurde die Brust mit einem Bambusmesser geöffnet, um einen Lungenflügel kollabieren zu lassen, der mit Wasser aufgefüllt wurde. So sollte das verdorbene Blut gereinigt werden.

Eskimos aßen Seehundspeck roh, obwohl das in vielen Fällen zu einer tödlichen Fleischvergiftung (Botulismus) führte.

Die Nuer aus Ostafrika verschlechterten auch noch in Mangelzeiten ihre Ernährungs-basis, weil Hühner und Eier mit einem Tabu belegt waren.

Bei den Maring, einem anderen Volk auf Neuguinea, ist es den nahen Angehörigen eines Verstorbenen nicht gestattet, ihre Gärten zu bestellen, die immerhin ihre Hauptnahrungsquelle bilden. Dies kann zu weiteren Sterbefällen durch Unterernährung führen, wodurch sich der Kreis der Angehörigen, die diesem Tabu zu unterworfen sind, noch weiter vergrößert. Sterben am Ende auch junge Gesunde, greifen Verdächtigungen und die Angst vor Zauberei um sich.

Überhaupt nimmt die Angst vor Schadensmagie in einigen Kulturen Ausmaße an, die sich nur noch als kollektive Paranoia bezeichnen lassen.

Auch wenn das alles ziemlich „strange“ anmutet, ist das kein Grund, sich über fremde Kulturen zu erheben. Auch bei uns wucherten so einige bizarre Traditionen. Erinnert sei zum Beispiel an Paullini, der am Ende des 17. Jahrhunderts seine Dreckapotheke anpries. Medizin, die menschliche und tierische Exkremente enthielt, bewarb er als besonders heilsam. Heute wissen Mediziner, dass es kaum Substanzen gibt, die infektiöser sind.

Nach diesem Rundblick erscheint es höchst zweifelhaft, dass samt und sonders alle Kulturtraditionen einer perfekten und minuziösen Anpassung an die Umweltgegebenheiten dienen. Teilweise handelt es sich sogar um kolossale Fehltritte. Nun bestehen gute Gründe anzunehmen, dass vernünftige und hilfreiche Traditionen bessere Chancen haben, sich auszubreiten (8). Aber eine Garantie gibt es nicht.

 

1. Göttert, Karl-Heinz (2003): Daumendrücken. Der ganz normale Aberglaube im Alltag. Stuttgart.

2. http://www.beliefnet.com/columnists/astrologicalmusings/2006/05/astrology-in-the-works-of-will.html

3. Henrich, Joseph (2016): The Secret of our Success. How Culture Is Driving Human Evolution, Domesticating Our Species, and Making Us Smarter. Princeton & Oxford.

4. Harris, Marvin (1991): Menschen.Wie wir wurden, was wir sind. Stuttgart.

5. Abott, Kevin R. u. Sherratt, Thomas N.: The evolution of superstition through optimal use of incomplete information. In: Animal Behaviour 82 (2011), S. 85-92.

6. Suddendorf, Thomas (2014): Der Unterschied. Was den Mensch zum Menschen macht. Berlin.

7. Edgerton, Robert (1994): Trügerische Paradiese – Der Mythos von den glücklichen Naturvölkern. Hamburg.

8. Im Blogeintrag „Unio mystica“ bin ich im Konformismuskapitel kurz darauf eingegangen.

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