Aufsteiger

Wenn jemand aufgrund eines besonderen Talents Karriere macht, finden wir das nur gerecht. Aber was, wenn sein Haupttalent in kompletter Bratzigkeit besteht? Ein zeitgemäßer Rundflug über ein eigenartiges Fachgebiet.

 

An deutschen Universitäten gibt es nicht viele und dann eher kleine Fachbereiche für biologische Anthropologie. In der Hinsicht kann die Disziplin eher mit – sagen wir – Tibetologie als mit BWL verglichen werden. Fast schon ein Orchideenfach. Trotzdem fächert es sich in bemerkenswert vielfältige Unterdisziplinen auf. Darunter auch eine, die etwas schräg anmutet und in den einschlägigen Lehrbüchern nur wenig Platz beanspruchen darf – wenn überhaupt. Ein Orchideenfach im Orchideenfach sozusagen.

Die Rede ist von der sogenannten Sozialanthropologie. Das sollte nicht mit der britischen social anthropology verwechselt werden, die in etwa unserer Ethnologie = Völkerkunde entspricht. Sozialanthropologie im deutsch-anthropologischen Sinn ist das Fach, das danach fragt, wie sich körperliche und psychische Merkmale in der Gesellschaft sortieren.

Zum Bestand gehören beispielsweise ältere Arbeiten aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, die fast schon putzig zu nennen sind. Unsere Nachnamen gehen zum großen Teil auf Berufsbezeich­nungen zurück. Beim Vorfahren der Schmidts dürfte es sich mit großer Wahrschein-lichkeit um einen Schmied gehandelt haben. Ein Job, bei dem Kraft und robuste Statur wohl kaum zum Nachteil gereicht haben dürften. War man schmächtig mit feinen, flinken Fingern, bot sich eher das Schneiderhandwerk an. Untersuchungen konnten nun zeigen, dass auch die Schmidts heutiger Tage noch messbar wuchtiger gebaut sind als die Schneiders (1). Was sich dadurch erklärt, dass körperliche Merkmale oft in hohem Grad erblich sind und von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden können.

Wesentlich brisanter die Frage, ob es anthropologische Merkmale gibt, in denen sich die sozialen Schichten von einander unterscheiden. Unter anthropologischen Merkmalen seien hier solche versanden, die auf Erbfaktoren beruhen. Letztlich geht es also um die Frage, ob zwischen den Schichten genetische Trennlinien bestehen.

Eines der Lieblingsthemen der Sozialanthropologie ist die Körperhöhe. Dass die Oberschicht der Unterschicht so um die fünf Zentimeter voraus ist, kann als gesichert gelten (2). Auch wenn das Merkmal stark genetisch kontrolliert ist, können Umweltwirkungen nicht prinzipiell ausgeschlossen werden. Dabei gilt Mangelernährung als besonders kritische Einflussgröße. Aber in Zeiten, in denen Überernährung in allen Schichten das größere Problem darstellt, dürfte sie als Verursacher ausscheiden. Umgekehrt hat sich gezeigt, dass soziale Aufsteiger statistisch signifikant größer sind als ihre Eltern und Geschwister. Große Menschen haben also die Neigung, unter Mitnahme ihrer Gene nach oben zu sickern.

Nun sind diese Hünen weder intelligenter noch netter als andere. Allerdings sind sie selbstbewusster und dominanter. Und das von Kindesbeinen an. Große Menschen trauen sich mehr zu, und es wird ihnen mehr zugetraut. Deshalb machen sie Karriere. Fünf Zentimeter mehr entsprechen fast 1000 Dollar mehr Einkommen pro Jahr (3).

Aktuell kümmert die Sozialanthropologie ein wenig und zieht kaum Aufmerksamkeit auf sich. Was recht merkwürdig ist, denn besonders aus der Psychologie kommen so einige hochinteressante Impulse.

Beispiel Schönheit: Körperliche Attraktivität stellt ein ziemlich kompliziertes und delikates Merkmal dar, für das es kein objektives Körpermaß gibt, etwa in der Form (ich übertreibe jetzt): Mundbreite mal Augenabstand geteilt durch body mass index. Trotzdem lässt sich Schönheit messen: Einfach dadurch, dass man eine größere Zahl von Leuten fragt, wie attraktiv sie eine bestimmte Person finden.

Und dabei zeigt sich, dass sich Schönheit in klingende Münze umsetzt. Attraktive Menschen kommen leichter an Jobs, Beförderungen oder Gehaltserhöhungen. Außerdem haben sie natürlich auf dem Heiratsmarkt die Nase ganz weit vorn (4).

Aber lässt sich Schönheit vererben? Wenn eine hochbeinige beauty queen einen kleinen, dicken Multimillionär heiratet, dürfte die Nachkommenschaft wohl nur mit einer Position im unscheinbaren Mittelfeld rechnen können.

Nun gibt es aber doch messbare Korrelate zur Attraktivität. Einerseits wurde festgestellt, dass als schön sehr oft Merkmale eingestuft werden, die nah am Bevölkerungsdurchschnitt liegen (5). Körpermaße sind aber meistens sehr hoch erblich. Haben Vater und Mutter beispielsweise eine durchschnittlich breite Nase, werden die Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit dieselbe Ausprägung aufweisen.

Die Gesichtsattraktivität setzt sich aus vielen Einzelmerkmalen zusammen, die bis zu beachtlichen 70% genetisch bedingt sein können (6). Bei Männern gilt Körpergröße als hoch geschätztes Attribut. Und die hatten wir ja oben bereits besprochen.

Halten wir also fest: Wenn Schönheit schon nicht en bloc vererbt wird, ist es trotzdem ziemlich wahrscheinlich, dass die Gene für Einzel-bausteine die soziale Stufenleiter hinaufklettern.

Um das Killerthema schlechthin handelt es sich natürlich bei der Intelligenz. Viele Menschen stehen der Intelligenzmessung mehr als kritisch gegenüber. Intelligenz wird gemessen, indem einem ein Stoß Blätter vor die Nase gesetzt wird, auf denen man die Lösungen zu endlos vielen Aufgaben anzukreuzen hat. Und das soll wirklich etwas mit der geistigen Leistungsfähigkeit zu tun haben?

Nun ja. Die Ergebnisse dieser Tests stehen in sehr enger Beziehung zur medizinisch diagnostizierten Minderbegabung, den Noten in den Schulhauptfächern, der Lesefähigkeit, dem Lösen von Denksport-aufgaben, dem höchsten erreichten Bildungsabschluss, der Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung undundund. Irgendeine Verbindung wird da schon bestehen.

Tatsächlich hat es Intelligenz sozialanthropologisch ganz schön in sich. Einkommen und Berufserfolg hängen zunächst einmal vom Grad der Qualifikation ab, die man in der Jugend erwirbt. Nun hat aber nicht jeder das Zeug zum Hirnchirurgen, Systemadministrator oder Quantenphysiker. Es wird geschätzt, dass der Mindestintelligenz-quotient (IQ) für ein akademisches Studium deutlich über 100 liegt – also spürbar über dem Bevölkerungsdurchschnitt (7).

Aber auch außerhalb einer akademischen Laufbahn ist Intelligenz der Karriere höchst förderlich. Es gibt Untersuchungen, wonach eine fast ideale 1:1-Beziehung zwischen Einkommen und IQ besteht (8).

Über das Ausmaß der Erblichkeit wird noch immer herzhaft gestritten, aber die Behauptung, dass der IQ zu 80% erbbedingt ist, dürfte weiterhin nicht zu hoch gegriffen sein. Und es verhält sich ähnlich wie bei der Körperhöhe: Söhne, die intelligenter sind als ihre Väter, steigen aus deren Sozialschicht auf, die weniger intelligenten steigen ab (2). Auch die Gene für den IQ haben also einen starken Zug nach oben.

Bisher könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Sozial-anthropologie zufolge alles Wahre, Gute und Schöne einträchtig aufwärts strebt. Während denen da unten nichts anderes bleibt, als in die Röhre zu glotzen. Ganz so ist es nicht. Sondern noch viel schlimmer. Zunächst.

Fahrplanänderung für die Zeitmaschine

Die Sortierungsprozesse, die oben besprochen wurden, funktionieren nur in Gesellschaften mit einer gewissen sozialen Durchlässigkeit. In feudalen Gesellschaften steht das ererbte Privileg dagegen. Auch der größte aristokratische Tölpel wird sein Gut unbesorgt in die Hände seiner Erben legen können (sofern er es nicht an einen Standesgenossen verspielt). Und der hochbegabte Leibeigene wird auch morgen noch das Heu stechen.

Kann man da nicht einfach froh sein, in einer Gesellschaft mit so großer sozialer Porengröße zu leben, in der jeder seines Glückes eigener Schmied ist? Oder gibt es bei der Sache doch einen Pferdefuß?

1994 veröffentlichten die US-Amerikaner Herrnstein und Murray ihr voluminöses Werk „The Bell Curve“ (zu deutsch „Die Glockenkurve“. Gemeint ist die Form der Normalverteilung, die in der Statistik eine so wichtige Rolle spielt. Auch die Intelligenz verteilt sich in der Bevölkerung glockenförmig. Das bedeutet, am häufigsten sind Werte um den Mittelwert. Je größer die Abweichung, desto seltener werden sie) (9).

In der Öffentlichkeit wurde es teilweise aufgenommen wie die Neuauflage von „Mein Kampf“. In Wahrheit war es weniger skandalös als hochinformativ. Vor allem stützten sich die Autoren auf die Ergebnisse einer außergewöhnlich umfangreichen öffentlichen Langzeitstudie. Und danach zeigte sich der gewaltige Einfluss des IQ auf die Lebenschancen. Das Risiko, arbeitslos, straffällig oder sozialhilfeabhängig zu werden, ist für die unterste von fünf Intelligenzstufen zigmal so hoch wie für die höchste.

Außerdem filterten die Verfasser aus ihren Daten die Schlussfolgerung, dass der IQ für den sozialen Erfolg mittlerweile wichtiger sei als die gesellschaftliche Position der Eltern. Darüber hinaus unterstrichen sie unmissverständlich die Bedeutung der Genetik für die Intelligenzentwicklung.

Diese Ergebnisse fassten sie am Ende ihres Buches zu einer Warnung zusammen: Vor dem Gespenst der Meritokratie. Ihr Grundgedanke: Wenn Intelligenz für die soziale Position immer bedeutender wird, und wenn Intelligenz auf Genetik beruht, dann werden sich auf lange Sicht die Gene für hohe Intelligenz in der Oberschicht konzentrieren. Dadurch etabliert sich das System der Meritokratie – die Herrschaft durch persönlichen Verdienst. Am unteren Ende der sozialen Leiter wird sich eine neue Unterschicht bilden. Diesmal eine, die keine Aussichten mehr hat auf eine Verbesserung der Lage. Schlicht, weil intelligenzmäßig gar nicht mehr das Potential dazu vorhanden ist. Hochbegabte Leibeigene wird es nicht mehr geben. Die haben sich längst in die Oberschicht abgesetzt.

Ideen wie diese scheinen es auch dem Evolutionspsychologen Oliver Curry angetan zu haben. Bloß dass er sie sozusagen mit einer Art Fluxkompensator getunt hat. Die Meritokratie wird nicht das Ende darstellen. Vielmehr wird sich die Menschheit in zwei Spezies teilen. Die eine wird groß, schlank, schön, intelligent und kreativ sein, die andere klein, dick, unansehnlich und doof wie Brot. Was in so ungefähr 100.000 Jahren der Fall sein wird (10).

Das Ganze erinnert massiv an den Roman „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells (1895). Darin macht sich der Erfinder einer Zeitmaschine 800.000 Jahre in die Zukunft auf. Dort trifft er auf die Eloi, die Menschen der Zukunft, die außerordentlich schön anzusehen, wenn auch extrem müssiggängerisch veranlagt sind. Und er trifft auf eine zweite Spezies: Die Morlocks, die irgendwo zwischen Mensch und Menschenaffe anzusiedeln sind. Sie hausen in unterirdischen Höhlen, in denen sie rätselhafte Maschinen betreiben und die Eloi zu ernähren scheinen. Später stellt sich heraus, dass es sich bei den Morlocks um die Abkömmlinge des Proletariats handelt, während sich die Eloi aus der Oberschicht ableiten lassen. Noch etwas später wird dem Zeitreisenden klar, dass die Eloi von den Morlocks nicht ernährt, sondern eher gemästet werden – weil sie deren Lieblingsspeise darstellen.

Wie realistisch sind diese Aussichten? Dabei interessiert uns nicht so sehr, was in 100.000 oder 800.000 Jahren passiert. Bis dahin kommen noch so einige kalte Winter. Aber wie sieht es mit der Meritokratie aus?

Schon vor Jahrzehnten sah sich Hans Jürgen Eysenck, ein Doyen der Erb- und Persönlichkeits­psychologie, veranlasst, einige kritische Anmerkungen dazu zu machen (11).

In der Genetik existiert ein Phänomen, das sich nicht nur in der Praxis oft beobachten lässt, sondern auch mathematisch nachvollziehbar ist. Bezeichnet wird es als Regression zur Mitte. Darunter ist zu verstehen, dass ein Individuum mit extremer Merkmalsausprägung (z.B. Größe oder Gewicht) meist Nachkommen hat, die deutlich näher am Bevölkerungsdurchschnitt liegen. Grob erklären lässt sich das damit, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elternindividuum seine Extrem-Gene komplett an den Nachwuchs weitergibt, nicht bei 100% liegt. Hat jemand einen stolzen IQ von 140 und sein Partner ebenfalls, liegt die beste Schätzung für den Nachwuchs bei 128. Liegt einer der Elternteile bei 95, beträgt dieser Wert nur noch 112. Das Prinzip funktioniert genauso gut in Gegenrichtung. Bei Kindern von besonders unintelligenten Eltern ist ein höherer IQ zu erwarten. Mit geringer Wahrscheinlichkeit sogar ein überdurchschnittlicher (also über 100).

Man sieht also: Gar so einfach lassen sich die Intelligenzgene ins Oberschicht-Töpfchen und Unterschicht-Kröpfchen nicht sortieren. Allein deshalb wird die Meritokratie noch ein wenig auf sich warten lassen.

Doch schon Herrnsteins und Murrays Behauptung, dass Intelligenz für die Karriere wichtiger sei als sozialer Hintergrund, ist ziemlich gewagt. Für Deutschland jedenfalls gilt: Bei gleicher Intelligenz erhalten Oberschichtskinder fast dreimal so häufig eine Gymnasialempfehlung wie Kinder aus den unteren Schichten (12). Also Augen auf bei der Wahl seiner Eltern.

Auch bezüglich des weiteren Karriereverlaufs kommt der Soziologe Hartmann zum gegenteiligen Resultat: In die Elite steigt man nicht auf, sondern wird in sie hineingeboren. Universitäre Leistungen (als Ausdruck von Intelligenz) spielen allenfalls die zweite Geige (13).

Wahrscheinlich ist es auch zu kurz gegriffen, sich auf die Intelligenz von Berufsgruppen zu kaprizieren. Um die Intelligentesten der Intelligenten dürfte es sich bei Mathematikprofessoren handeln. Als Professor lässt es sich sicherlich gut leben, aber im Vergleich zu den wirklich Reichen sind es fast noch arme Schlucker. Nun verdienen die Superreichen ihr Geld nicht im Schweiße ihres Angesichts, sondern durch Erben. In Deutschland werden jährlich 400 Milliarden Euro vererbt (14). Wer sich die Vermögensverteilung in unserem Land anschaut, wird kaum vermuten, dieses Volumen werde nach dem Gießkannenprinzip ausgeschüttet.

Alles in allem: Die Aufsplitterung der Menschheit in Eloi und Morlocks wird weiterhin zur Science-Fiction gehören. Und eine Frage wurde dabei noch gar nicht beleuchtet: Wären es wirklich die prolligen Morlocks, die zum Menschenfresser prädestiniert sind?

Fahndungsaufruf für die dunkle Triade

Wie wir gesehen haben, ist es nun allerdings keine Science-Fiction, dass sich gewisse Sortierungsprozesse in der Bevölkerung abspielen. Ausgeklammert haben wir dabei bisher das Thema Persönlichkeit.

Darunter verstehen Psychologen, wie ein Mensch gewohnheitsmäßig tickt – wie er empfindet oder sich verhält. Ist er ängstlich oder draufgängerisch, gesellig oder eher verschlossen, warmherzig oder kalt und aggressiv? Mittlerweile wurden eine ganze Reihe von Persönlichkeits­faktoren identifiziert. Pauschal lässt sich sagen, dass sie so um die 50% genetisch bedingt sind. Prinzipiell wäre also ein Hebel für soziale Siebung im Sinne der Sozialanthropologie gegeben. Aber wie sieht es mit derlei Schichtunterschieden in der Wirklichkeit aus?

Besonders interessiert das den US-Psychologen Paul Piff (15). Was er in einer Reihe von Experimenten und Beobachtungen herausgefunden hat, ist überaus erhellend:

Teilte man Versuchspersonen in einer Experimentalsituation mit, dass man sie gleich fotografieren werde, waren es die Bessergestellten, die sich am häufigsten und längsten im Spiegel begutachteten.

Piffs Assistenten, die er an Straßenkreuzungen postierte, beobachteten, dass sich die Besitzer hochwertiger Karossen wesentlich rücksichtsloser verhielten als die von alten Klapperkisten. Zum Beispiel schnitten sie Fußgängern am Zebrastreifen dreimal so häufig den Vortritt ab.

Dass sie das Gefühl hatten, dass ihnen mehr zustehe als anderen, bejahten bei Befragungen am häufigsten diejenigen, die sich in hohe Einkommensklassen einordneten.

Sollten sie in Form von Kreisen zeichnen, wie sie sich und andere sahen, fielen die Kreise, die sie selbst darstellen sollten, auffallend groß aus.

Konsequent, dass sie im Laborexperiment auch mehr Süßigkeiten stibitzten, die angeblich für Kinder gedacht waren.

Auch im wirklichen Leben outeten sie sich nicht gerade als die Spendabelsten. Für wohltätige Zwecke spendeten sie im Schnitt 1,3% ihres Einkommens. Bei den Einkommensschwachen waren es 3,2%. Und wenn, dann spendeten Reiche lieber für renommierte Kunstgalerien und Museumsprojekte als für die Ärmsten der Armen.

Nun ist es ja denkbar, dass sich einfach in diese Richtung entwickelt, wer sich dauerhaft in einer Schicht aufhält, in der es mehr Kunstgalerien als Arme und Fußgänger gibt. Doch sollte die recht hohe Erblichkeit von Persönlichkeitsfaktoren nicht außer Acht gelassen werden – Merkmale, die von vornherein gegeben sind. Und ebnet es nicht sogar erst den Karrierepfad, wenn man so sehr von sich eingenommen ist?

Die dunkle Triade klingt nach dem Titel für einen Edgar-Wallace-Film aus den 60ern. Tatsächlich handelt es sich um einen Fachbegriff aus der Psychologie. Bezeichnet werden damit drei unterscheidbare Persönlichkeitszüge, die aber oft gemeinsam auftreten und einen ziemlich ungemütlichen Mix bilden. Bei den Zutaten handelt es sich um:

Machiavellismus: Die Neigung, Mitmenschen zu manipulieren und zu Werkzeugen der eigenen Interessen zu machen.

Narzissmus: Übersteigerte Selbstliebe und egozentrische Selbstbezogenheit.

Psychopathie: Der krankhafte Mangel an Mitgefühl. Der problematischste der drei Faktoren.

Warm ums Herz wird es einem angesichts dieser Eigenschaften nicht gerade – trotzdem sind es die reinsten Karriere-Booster. Unter Führungskräften sind diese Persönlichkeitstendenzen vier- bis zehnmal so häufig wie in der Gesamtbevölkerung. Narzissten etwa können unerträglich eitel sein, aber das macht sie oft auch zu unterhaltsamen Selbstdarstellen und Verkaufskanonen.

„Menschen mit Zügen der dunklen Triade haben Eigenschaften, die in Führungspositionen gefordert sind. Sie sind intelligent und angstfrei, physisch und psychisch äußerst robust, sie haben Charme und ein gutes Gespür für die Stärken, aber auch die Schwächen von anderen. Das erleichtert ihnen den Aufstieg ungemein.“ So Rüdiger Hossiep von der Universität Bochum (16).

Sogar ausgemachte Psychopathie entpuppt sich dann und wann als Karrieresprungbrett. Psychopathen zeichnen sich durch das Fehlen von Mitgefühl aus. Oft sind sie auch auffallend angstfrei und risikobereit, so dass ihr Verhalten ohne weiteres in Impulsivität, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit umschlagen kann. Kein Wunder, dass dieser Persönlichkeitszug unter Gewohnheitskriminellen besonders häufig vorkommt. Im Extremfall macht er jemanden zum Serienmörder.

Doch gibt es auch intelligente und erfolgreiche Psychopathen. Solche, die ihre Besonderheit in einen Pluspunkt umdrehen. Dem Psychologen Kevin Dutton zufolge sind sie beispielsweise unter Polizisten, Chirurgen und Anwälten überdurchschnittlich häufig vertreten (17).

Denkt man ein wenig darüber nach, ergibt das durchaus Sinn. Ist es denn der schlechteste Anwalt, der im Interesse des Mandanten lügen kann, dass sich die Balken biegen und mit Killerinstinkt die Schwächen in der Argumentation der Gegenseite aufspürt? Die Polizei ist unser Freund und Helfer, aber wenn man gern mit Waffen hantiert und nichts gegen etwas Gewalt im Berufsalltag hat, dürfte das im Job nicht gerade als Bremse wirken. Chirurgen retten Leben, aber ist wirklich jeder abgebrüht genug, unbekümmert an lebenden Menschen herumzuschneiden?

Es bleibt als Erkenntnis: In genetischer Hinsicht geschieht tagaus tagein so einiges in unserer Gesellschaft. Die Gene führen einen Tanz auf wie Flüssigkeiten in den kommunizierenden Röhren. Allerdings sind nicht nur die Anlagen für Schönheit und Intelligenz in Bewegung, sondern auch für das, was Paul Piff den Arschlochfaktor nennt.

 

1. Vonderach, Andreas (2008): Anthropologie Europas. Graz.

2. Knußmann, Rainer (1980): Vergleichende Biologie des Menschen. Stuttgart.

3. taller-people-earn-money.

4. psychologytoday.the-truth-about-why-beautiful-people-are-more-successful

5. Attraktivitätsforschung

6. Gesichtsattraktivität

7. Eysenck, H.J. (1975): Vererbung, Intelligenz und Erziehung. Stuttgart.

8. Eysenck, H.J. (2004): Die IQ-Fibel. Stuttgart.

9. Herrnstein, R.J. u. Murray, C. (1994): The Bell Curve. Intelligence and Class Structure in American Life. New York.

10. Curry

11. Eysenck, H.J. (1989): Die Ungleichheit der Menschen. Berlin.

12. Gymnasium

13. Elite

14. Erben

15. Paul Piff

16. Dunkle Triade

17. Dutton, Kevin (2014): Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann. München.

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