Die Wurzel allen Übels II

Evolution war gestern. Und heute? Welchen Einfluss hat Dominanz-streben auf unsere topmoderne Psyche? So viel sei schon einmal verraten: Mächtig großen.

Wenn Rangstreben und Alphatierallüren im Gang der Evolution nicht völlig ausgerottet wurden, müssen sie noch heute in uns nachhallen. Und zwar als angeborene Verhaltensneigung.

Mag die ältere Verhaltensforschung manchmal etwas angestaubt wirken, hat sie auch ihre Verdienste. Zum Beispiel, indem sie brauchbare Kriterien dafür aufgestellt hat, ob ein Verhalten angeboren ist. Die wichtigsten davon sind:

  • Der Tier-Mensch-Vergleich: Besteht eine Kontinuität zwischen Instinkt­hand­lungen beim Tier und menschlichem Verhalten?
  • Die Verhaltensbeobachtung an kleinen Kindern: Je jünger Kinder sind, desto schwächer wirken bei ihnen Sozialisationseffekte, und umso stärker sollten angeborene Verhaltenstendenzen durchschimmern.
  • Der transkulturelle Vergleich: Lässt sich ein Verhalten in allen oder zumindest in den allermeisten menschlichen Kulturen finden, ist eine genetische Grundlage wahrscheinlicher als rein kulturelle Prägungen.

Nach allem, was im ersten Teil gesagt wurde, dürfte klar sein, worauf das Spiel hinausläuft. Doch gönnen wir uns den Spaß und deklinieren das Ganze einmal unterm Stichwort Dominanz durch.

Beim Tier-Mensch-Vergleich müssen wir uns nicht lange aufhalten. Der ganze erste Teil dieses Blogs hat sich daran abgearbeitet, die Kontinuität von tierlichem zu menschlichem Dominanzverhalten ans Tageslicht zu fördern.

Verhaltensbeobachtungen an Kindern: Auch bei Vorschulkindern lassen sich Rangunterschiede und Dominanz feststellen – oft allerdings von der eher freund­lichen Sorte. Ranghohe Kinder stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, haben die meisten Freunde, spielen am seltensten allein, initiieren am häufigsten Spiele und schlichten am häufigsten Streit (1).

Nicht ganz so sonnig fielen Beobachtungen in Kindergärten und -läden aus. Besonders in Kinderläden fortschrittlicher Provenienz, wo sich die Erzieher mit autoritären Interventionen zurückhielten, drückten die Jungen in ihrer Robustizität und Aggressivität die Mädchen mehr oder minder an die Wand. Wobei sich diese Tendenz mit zunehmendem Alter jedoch wieder verlor (2).

Warum männliche Wesen der Theorie nach stärker zu Dominanz neigen sollten, wird umgehend erörtert. Vorher noch ein Blick auf ältere Kinder im Ferienlager. Dort konnten die Untersucher beobachten, wie sich in den einzelnen Jungengruppen, die auf die Häuser verteilt wurden, in Windeseile Rangordnungen bildeten. Wurden die Alphajungen jetzt zusammen in eine Hütte gesteckt, bildete sich unter ihnen genauso schnell wieder eine Hierarchie heraus (1).

Frauen können in ihrem Leben nur eine begrenzte Zahl von Kindern zur Welt bringen. Bei Männern, die zum Nachwuchs ja oft nur eine Kleinigkeit beisteuern, ist das anders. Von der Fortpflanzungsperspektive aus gesehen, stellen Frauen also das knappe Gut dar, um das Männer konkurrieren sollten. Das ist nach gängiger Theorie auch der Grund, warum Männer körperlich stärker, wettbewerbs- und rangorientierter sind (3).

Dass dominante Männer energisch dazu neigen, Frauen und Sex zu monopolisieren, verrät ein Blick in die Kulturgeschichte. Die evolutionär orientierte Historikerin Laura Betzig zählt eine Reihe von Reichen auf, in denen sich Herrscher riesige Harems mit teilweise tausenden von Frauen hielten: Z.B. Inder, afrikanische Könige, Chinesen, Südseehäuptlinge, Inka oder osmanische Sultane (4).

Und damit wären wir mittendrin im transkulturellen Vergleich. Kindliches Verhalten und der Vergleich von Mensch und Tier scheinen angeborenes Dominanzstreben ja zu bestätigen. Wie ist es um das dritte Kriterium bestellt? Ist diese Neigung wirklich in allen menschlichen Kulturen zu finden? Die richtig gute systematische Übersicht habe ich nicht zur Hand, fügt man aber verschiedene Einzelbefunde zusammen, ergibt sich ein ziemlich klares Bild.

In den meisten Kulturen finden sich klare Hierarchien und Rangstufen. Eine Ausnahme bilden die angeblich egalitären Jäger und Sammler. Wie sich aber gezeigt hat, bestehen auch dort Statusunterschiede – die ohne weiteres auch in Fortpflan­zungserfolg übersetzt werden. Nicht zu vergessen, dass auch dort Rivalitäten überraschend oft bis hin zu tödlicher Gewalt ausgefochten werden. Auch weisen die evolutionären Anthropologen Richard Wrangham und Dale Peterson darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen bei den Buschleuten alles andere als selten ist (5). Männer dominieren also ziemlich handgreiflich über Frauen.

Zuletzt sei erwähnt, dass Steven Pinker in seiner Aufstellung absoluter Universalien (Merkmale, die in wirklich jeder Kultur auftreten) auch das Statusphänomen listet (6). Und damit lässt sich sagen – transkultureller Vergleich: ebenfalls check!

Wahrscheinlich gibt es sogar recht wenige Merkmale, bei denen der Nachweis so überzeugend geführt werden kann. Womit die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende ist.

Wer auch immer bezweifeln mag, dass Rangordnung etwas mit unserer biologischen Natur zu tun hat: Unser Körper scheint es besser zu wissen. Besonders das Hormonsystem reagiert bemerkenswert sensibel auf soziale Situationen, die mit Rang und Status zu tun haben. Bei männlichen Gewinnern eines Tennismatches steigt der Testosteronspiegel, während er bei Verlierern abfällt. Dasselbe gilt sogar noch bei Schachspielern. Bei Frauen sinkt der Spiegel des Stresshormons Cortisol, wenn sie gewinnen, während er bei den Verliererinnen nach oben geht. Diese Mechanismen sind nicht auf Aktive beschränkt, sondern lassen sich auch bei Fans und Zuschauern nachweisen.

Ständig erhöhte Stresshormonwerte sind übrigens typisch für Individuen von niedrigem sozialem Rang, also auch für Menschen aus den unteren sozialen Schichten.  

Diese Hormonausschüttungen stellen beileibe nicht nur Reaktionen dar, sondern operieren auch als Auslöser: Serotonin ist eine körpereigene Substanz, die sowohl als Botenstoff im Gehirn als auch als Hormon wirkt. Unter anderem hebt sie die Stimmung, macht gelassener und angstfreier. Kein Wunder, dass die Werte bei ranghohen Individuen höher liegen.

Versuchspersonen, denen ein Medikament verabreicht wurde, das die Wirkung von  Serotonin verstärkt, werden als dominanter und geselliger beurteilt als die Kontrollgruppe. Besonders die Art des Blickkontakts wird als typisch dominant bewertet (7).

Wo ist mein schönes Testosteron geblieben?

Nun beschränken sich Hormonmechanismen dieser Art nicht auf den Menschen, sondern konnten auch bei Affen nachgewiesen werden. Auch was diese organischen Funktionen anbelangt, stehen wir offensichtlich in der Erbfolge.

Worin bestehen nun die täglich sichtbaren Auswirkungen dieser evolutionären Gravur? Bevor wir dazu kommen, sollte noch eine Frage geklärt werden. Warum sind alle, oder doch zumindest die allermeisten Menschen vom Rangstreben beseelt? Pro Horde gibt es doch immer nur ein Alphatier. Wäre es nicht logischer, wenn nur eine kleine Minderheit der Individuen diesen Drang entwickelt?

Nun wird hoher Status durch Fortpflanzungserfolg belohnt. Daher gibt es auch so viel Rivalität. Konsequent, wenn nicht nur der aktuelle Inhaber nach Dominanz strebt, sondern auch die vielen Aspiranten.

Wie es aussieht, sind Ränge beim Menschen ähnlich feinstufig gegliedert wie auf dem Hühnerhof. Hoher Rang zahlt sich in einer Vielzahl von sozialen Situationen aus. Deshalb sollte jeder bestrebt sein, einen möglichst hohen Status zu erreichen oder zumindest den jetzigen zu halten. Mag auch nicht jeder das Bedürfnis verspüren, den Boss zu spielen: Zur Lachnummer will niemand absinken.

Ich bin klein, mein Herz ist rein

Übrigens funktioniert Rangsortierung bei Erwachsenen im selben Tempo wie bei den Jungen im Feriencamp. In einem psychologischen Experiment wurden jeweils drei Versuchsteilnehmer zu einer Gruppe zusammengefasst, die über ein bestimmtes Thema zu diskutieren hatten. Der Rang der einzelnen Teilnehmer wurde anhand der Länge ihrer Sprechbeiträge gemessen. Nach spätestens fünf Minuten war die Rangordnung perfekt. Wurden die Versuchspersonen anschließend danach befragt, wie sie ihre eigene Position einschätzten, ergab sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit den gemessenen Werten (3).

Mit Statusbewusstsein hat es natürlich auch viel zu tun, dass wir extrem darauf bedacht sind, peinliche Fehltritte zu vermeiden. Wie ich in einem anderen Blog schrieb: „Zum Dominanzstreben gehört, dass wir bemüht sind, der Umwelt ein möglichst makelloses Bild unserer selbst zu präsentieren. Wir überlegen oft sehr genau, was wir tun und was wir sagen. Kleine Lügen, die der Imagepolitur dienen, gelten als Kavaliersdelikte.

Psychologen und Sozialforscher, zu deren Geschäft öffentliche Umfragen gehören, kennen dieses Phänomen so gut, dass sie es mit eigenem Namen getauft haben: ‚Faking good‘ – so tun, als ob man ein Guter sei. Besonders wenn es um sehr spezielle sexuelle Wünsche, politisch radikale Neigungen oder Drogen- und Alkoholkonsum geht, neigen Befragte dazu, ein geschöntes Selbstbild abzuliefern“.

Derartige Retuschen können geradezu dezent genannt werden im Vergleich dazu, wie sozial Höherstehende ihren Rang der Öffentlichkeit demonstrieren (um die Ohren hauen). Bereits zur Wende zum 20. Jahrhundert hat der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen in seinem Werk „Theorie der feinen Leute“ die Natur von Statussymbolen untersucht.

Nicht nur durch ehrfurchtheischende Architektur, erlesene Möbel und Nobelkleider offenbaren Privilegierte ihre hervorgehobene Stellung – ein Verhalten, das Veblen mit dem Ausdruck „demonstrativer Konsum“ belegt – sondern mit teilweise geradezu qualvollen und selbstquälerischen Praktiken. Wohlhabenden chinesischen Bürgerfrauen wurden die Füße gebunden (verkrüppelt wäre der treffendere Ausdruck), in Europa trugen Frauen von Stand Korsetts, die ihnen die Luft zum Atmen raubten. All das einzig, um der Welt darzutun, dass sie für harte Arbeit nicht geeignet waren – weil sie es nicht nötig hatten (8)!

Bemerkenswerterweise finden sich zu diesen überflüssigen bis schädlichen Gebräuchen Entsprechungen im Tierreich – etwa prächtige, aber enorm unpraktische Geweihe oder Pfauenschwänze. Kostspielige Signale – costly signals – werden sie in der Evolutionsforschung genannt: Merkmale, die so aufwendig sind, dass sie kaum gefälscht werden können und damit Rang und Fähigkeiten des Merkmalsträgers zuverlässig anzeigen (9).

Wenn sich anno dazumal Adlige auf Französisch und Gelehrte auf Latein zu unterhalten pflegten, folgte das ziemlich genau derselben Logik. Weil das nicht jeder dahergelaufene Hinz und Kunz imitieren konnte. Auch hier kann unsere Spezies ihre Herkunft aus dem Tierreich offensichtlich nicht kaschieren.

Nicht nur bei den großen Tieren, sondern auch bei uns Normalos ist dieser Kult um Rang und Status allgegenwärtig. Das fängt mit dem fast grenzenlosen Ehrgeiz an, den viele von uns in ihre berufliche Karriere investieren. Auch die Attraktivität augenfälliger Statussymbole wie Autos, Häuser und Luxus jeder Art gehört dazu. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“ Nicht zu vergessen die Neigung zur Protzerei, die sich hinter unserer Markengeilheit verbirgt.

Offensichtlich ist dieser Drang zur Repräsentation stark genug, um unser Urteilsvermögen zu trüben. Aus diesem Grund spricht sich der US-amerikanische Wirtschaftswissen­schaftler Robert Frank für eine Versicherungspflicht aus. Begründung: Durch seine genetische Programmierung sei der durchschnittliche Homo sapiens zu sehr darauf erpicht, sein Geld in angeberische Autos und anderen Status-Schnickschnack zu stecken, als dass genug übrigbliebe für private Vorsorge. Weshalb man im Alter und bei Krankheit regelmäßig darben oder der Allgemeinheit auf der Tasche liegen müsse (6).

Ob bei Tieren oder beim Menschen: Jugendliche bilden die kommende Generation. Sie sind es, die unter der Aussicht leben, einst die freiwerdenden Dominanzränge zu übernehmen. Und dafür scharren sie mächtig mit den Hufen. Wohl in keiner anderen Altersgruppe rotiert das Denken so intensiv um Rang und Status.

Konsequent, dass sie vor allem cool sein wollen. Wozu auch ein Hang zu Mutproben zu zählen ist: Angefangen beim Überstehen übler Horrorfilme bis hin zu Rauchen, Komatrinken und illegalen Straßenrennen.

Zu Haus bei Königs

Wenn Rangstreben so fest in unserer Psyche verankert ist und Ranghohe seit eh und je zu unserer Umwelt gehören, dann ist zu erwarten, dass sich unser Verhaltens­repertoire auch an diesen Aspekt unserer Existenz angepasst hat.

Wer es im Leben zu etwas bringen will, sollte sich nach geeigneten Vorbildern umsehen. Da es sich bei Ranghohen um die sozial Erfolgreichen handelt, geben sie die passenden Rollenmodelle ab. „Imitiere die Erfolgreichen!“, lautet den Evolutions­biologen Vogel und Voland zufolge eine der genetisch programmierten Faustformeln, die unser Verhalten lenken (10). Außerdem ist es für jemanden alles andere als unbedeutend, was die Alphatiere so treiben. Aus diesen Gründen ziehen sie die Blicke magnetisch an, stehen ständig im Scheinwerferspot der Aufmerksamkeit.

Dieses Anhimmeln der Ranghohen wurde bei vielen sozial lebenden Spezies beobachtet. Auch beim Menschen. Ein verräterisches Beispiel gibt die Regenbogen­presse ab, mit der sich die Leserschaft an Stories über Promis aus Hochadel und Showgeschäft ergötzt.

Kein Zweifel – diese bunten Blätter sind Bestandteil unserer modernen Medienland­schaft. Ihre Geschäftsgrundlage allerdings wurde vor Urzeiten in unserer evolutio­nären Vergangenheit gelegt.

Wie Menschen sind Affen in der Lage, zweidimensionale Repräsenta-tionen dreidimensionaler Objekte zu decodieren. Okay, einfacher (und nicht so renommier­süchtig) gesagt: Sie können erkennen, was auf Bildern und Fotografien gezeigt wird.

In einem Experiment wurde der Sache eingehender auf den Zahn gefühlt. Und zwar bei einer Gruppe von Affen. Zu deren markanten Eigenschaften gehörte es, verrückt nach süßem Orangensaft zu sein. In diesem Experiment wurden ihnen verschiedene Dinge angeboten und im Gegenzug etwas von ihrem kostbaren Saft stibitzt. Wenn die Tiere nicht protestierten, konnte das als Zeichen gelten, dass sie mit dem Tausch einverstanden waren.

Es zeigte sich, dass sich die Affen am großzügigsten verhielten, wenn das Angebot in Fotos bestand, die ranghohe Mitglieder ihrer Horde zeigten (11). Damit benahmen sie sich nicht viel anders als Illustriertenleser, die ihre Geldbörse am bereitwilligsten zücken, wenn Geschichten über Königin Margrethe oder George Clooney winken. Offensichtlich ein Verkaufsrezept, das seine Gültigkeit über Millionen von Jahren bewahrt hat.

Im Dunkeln ist gut Munkeln

Wie es aussieht, führt also nichts an der Erkenntnis vorbei: Dominanz- und Rangstreben spielen noch immer Starrollen im Theater unserer Existenz. Aber noch einmal gefragt: Gilt das für jeden einzelnen in gleichem Maße? Streben alle Menschen mit gleicher Schubkraft nach Rang und Status? Oder bestehen Unterschiede? Schon hier sei der Hinweis erlaubt, dass das einen Umstand berührt, der höchstwahrscheinlich Weltgeschichte geschrieben hat.

Mittlerweile hat die Psychologie eine ganze Reihe von Tests entwickelt, mit denen sich die verschiedenen Facetten der Dominanz – von Furchtlosigkeit in sozialen Situationen bis hin zur Wettbewerbsorientierung – messen lassen. Und natürlich zeigen dieses Tests, dass sich die Menschen unterscheiden (was ja auch der Sinn von Testmethoden ist). Im Übrigen hat sich herausgestellt, dass diese Unterschiede circa zur Hälfte genetisch bedingt sind (12).

Unterschiede gibt es also. Wie wirken sie sich aus? Spielen sie eine Rolle im wirklichen Leben? Wenn Dominanzstreben den Drang nach oben bedeutet, dürfte es eine vielversprechende Strategie darstellen, sich die sozial Erfolgreicheren genauer anzuschauen. Sollten sie am Ende anders ticken als der Rest? Dazu ein längerer Ausschnitt aus meinem Blogbeitrag „Aufsteiger“:

 „Besonders interessiert das den US-Psychologen Paul Piff (13). Was er in einer Reihe von Experimenten und Beobachtungen herausgefunden hat, ist überaus erhellend:

Teilte man Versuchspersonen in einer Experimentalsituation mit, dass man sie gleich fotografieren werde, waren es die Bessergestellten, die sich am häufigsten und längsten im Spiegel begutachteten.

Piffs Assistenten, die er an Straßenkreuzungen postierte, beobachteten, dass sich die Besitzer hochwertiger Karossen wesentlich rücksichtsloser verhielten als die von alten Klapperkisten. Zum Beispiel schnitten sie Fußgängern am Zebrastreifen dreimal so häufig den Vortritt ab.

Dass sie das Gefühl hatten, dass ihnen mehr zustehe als anderen, bejahten bei Befragungen am häufigsten diejenigen, die sich in hohe Einkommensklassen einordneten.

Sollten sie in Form von Kreisen zeichnen, wie sie sich und andere sahen, fielen die Kreise, die sie selbst darstellen sollten, auffallend groß aus.

Konsequent, dass sie im Laborexperiment auch mehr Süßigkeiten stibitzten, die angeblich für Kinder gedacht waren.

Auch im wirklichen Leben outeten sie sich nicht gerade als die Spendabelsten. Für wohltätige Zwecke spendeten sie im Schnitt 1,3% ihres Einkommens. Bei den Einkommensschwachen waren es 3,2%. Und wenn, dann spendeten Reiche lieber für renommierte Kunstgalerien und Museumsprojekte als für die Ärmsten der Armen.

Gesundes Selbstwertgefühl

Nun ist es ja denkbar, dass sich einfach in diese Richtung entwickelt, wer sich dauerhaft in einer Schicht aufhält, in der es mehr Kunstgalerien als Arme und Fußgänger gibt. Doch sollte die recht hohe Erblichkeit von Persönlichkeitsfaktoren nicht außer Acht gelassen werden – Merkmale, die von vornherein gegeben sind. Und ebnet es nicht sogar erst den Karrierepfad, wenn man so sehr von sich eingenommen ist?

Die dunkle Triade klingt nach dem Titel für einen Edgar-Wallace-Film aus den 60ern. Tatsächlich handelt es sich um einen Fachbegriff aus der Psychologie. Bezeichnet werden damit drei unterscheidbare Persönlichkeitszüge, die aber oft gemeinsam auftreten und einen ziemlich ungemütlichen Mix bilden. Bei den Zutaten handelt es sich um:

  • Machiavellismus: Die Neigung, Mitmenschen zu manipulieren und zu Werkzeugen der eigenen Interessen zu machen.
  • Narzissmus: Übersteigerte Selbstliebe und egozentrische Selbstbezogenheit.
  • Psychopathie: Der krankhafte Mangel an Mitgefühl. Der problematischste der drei Faktoren.

Warm ums Herz wird es einem angesichts dieser Eigenschaften nicht gerade – trotzdem sind es die reinsten Karriere-Booster. Unter Führungskräften sind diese Persönlichkeitstendenzen vier- bis zehnmal so häufig wie in der Gesamtbevölkerung. Narzissten etwa können unerträglich eitel sein, aber das macht sie oft auch zu unterhaltsamen Selbstdarstellen und Verkaufskanonen.

„Menschen mit Zügen der dunklen Triade haben Eigenschaften, die in Führungs­positionen gefordert sind. Sie sind intelligent und angstfrei, physisch und psychisch äußerst robust, sie haben Charme und ein gutes Gespür für die Stärken, aber auch die Schwächen von anderen. Das erleichtert ihnen den Aufstieg ungemein.“ So Rüdiger Hossiep von der Universität Bochum (14).

Sogar ausgemachte Psychopathie entpuppt sich dann und wann als Karriere­sprung­brett. Psychopathen zeichnen sich durch das Fehlen von Mitgefühl aus. Oft sind sie auch auffallend angstfrei und risikobereit, so dass ihr Verhalten ohne weiteres in Impulsivität, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit umschlagen kann. Kein Wunder, dass dieser Persönlichkeitszug unter Gewohnheitskriminellen besonders häufig vorkommt. Im Extremfall macht er jemanden zum Serienmörder.

Doch gibt es auch intelligente und erfolgreiche Psychopathen. Solche, die ihre Besonderheit in einen Pluspunkt umdrehen. Dem Psychologen Kevin Dutton zufolge sind sie beispielsweise unter Polizisten, Chirurgen und Anwälten überdurchschnittlich häufig vertreten (15).

Denkt man ein wenig darüber nach, ergibt das durchaus Sinn. Ist es denn der schlechteste Anwalt, der im Interesse des Mandanten lügen kann, dass sich die Balken biegen und mit Killerinstinkt die Schwächen in der Argumentation der Gegenseite aufspürt? Die Polizei ist unser Freund und Helfer, aber wenn man gern mit Waffen hantiert und nichts gegen etwas Gewalt im Berufsalltag hat, dürfte das im Job nicht gerade als Bremse wirken. Chirurgen retten Leben, aber ist wirklich jeder abgebrüht genug, unbekümmert an lebenden Menschen herumzuschneiden?“

Am Ende dieser Übersicht dürfte sich der Eindruck verfestigt haben, dass sich menschliches Dominanz­streben in unterschiedlichste Verhaltensweisen auffächert wie ein Flussdelta. Wenn Gorillas imponieren wollen, trommeln sie mit den Fäusten gegen ihre Brust. Menschen sind da ein wenig dezenter und einfallsreicher. Doch imponieren und einen möglichst hohen Rang wollen auch sie. Bei einigen nimmt dieser Drang ungesunde Ausmaße an. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Und da fragen wir doch einfach mal etwas überspitzt: Wird Geschichte von Psychopathen gemacht? Das wird Thema des dritten Teils.

  1.  Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1986): Die Biologie des menschlichen Verhaltens. München.
  2. Bischof-Köhler, Doris (2002): Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede.Stuttgart, Berlin, Köln.
  3. Buss, David M. (2004): Evolutionäre Psychologie. München.
  4. Betzig, Laura (1991): History. In: Maxwell, Mary (Hrsg.): The Sociobiological Imagination. Albany.
  5. Wrangham, R. und Peterson, D. (2001): Bruder Affe. Kreuzlingen/München.
  6. Pinker, Steven (2003): Das unbeschriebene Blatt. Berlin.
  7. Cummins, Denise (2006): Dominance, Status, and Social Hierarchies. In: Buss, D.M. (Hrsg.): The handbook of evolutionary psychology S. 676-697. Hoboken, NJ.
  8. Harris, Marvin (1991): Menschen. Wie wir wurden, was wir sind. Stuttgart.
  9. http://octavia.zoology.washington.edu/handicap/honest_intro_01.html
  10.  Vogel, Christian u. Voland, Eckart (1988): Evolution und Kultur. In: Immelmann u. a. (Hrg.): Psychobiologie. Stuttgart. S. 101–130.
  11. Uhl, Matthias (2007): Alte Anlagen – neue Medien – evolutionäre Medienanthropologie. In: Eibl, K., Mellmann, K. u. Zymner, R. (Hrsg.): Im Rücken der Kulturen. Paderborn. S. 165-184.
  12. Blonigen, D. et al. (2005): Psychopathic personality traits: heritability and genetic overlap with internalizing and externalizing psycho-pathology. In: Psychol Med., Mai 35 (5): S. 637–648.
  13. Paul Piff
  14. Dunkle Triade
  15. Dutton, Kevin (2014): Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann. München.

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