Walk like an Egyptian

Das Alte Ägypten zieht mächtig. Die Ausstrahlung reicht von Spielhöllen in Las Vegas über Dollarnoten bis hin zu sehr bekannten Keksen. Und natürlich zu vielen netten Horrorfilmchen.

 

Stöbern heutige Weisheitssucher vorzugsweise bei Indern, Tibetern oder nordamerikanischen Indianern, übernahm die Rolle des magisch-mystischen Wunderlands für lange Zeit das Ägypten der Pharaonen.

In der Tat hat das Land schon für sich allein einiges zu bieten, was magnetische Wirkung auf die Phantasie ausübt: Eine uralte Geschichte, Pyramiden, Tempel und Paläste, tierköpfige Götter, Mumien und einen überbordenden Toten- und Jenseitskult. Allein die Zahl der Tiermumien geht in die Millionen.

Memphis
Die Pyramide von Memphis. Allerdings nicht Unterägypten, sondern Tennessee, USA. Hier dürften mehr Wrestling-Wettkämpfe veranstaltet als Pharaonen bestattet worden sein.

Eifrig mitgestrickt am Mythos Ägypten als Heimstatt geheimen Wissens haben vor allem aber auch die alten Griechen. Stammesbewusst wie sie waren, ging ihnen die Bezeichnung Barbaren für schlichtere Völker mühelos über die Lippen. Andererseits waren sie durchaus bereit, kulturelle Seniorität anzuerkennen. Zum Beispiel bei den Persern. Und eben bei den Ägyptern. Besonders bei denen.

Für sie stellte das Land am Nil nichts Geringeres als den Ursprungsort der Götter und der Kultur dar. Voller Ehrfurcht berichten sie, dass ihre großen Gelehrten wie Thales oder Pythagoras lange Zeit in Ägypten weilten, wo sie bei einheimischen Priestern die Schulbank drückten. Legenden, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr nachprüfbar ist.

Auch zögerten sie nicht, ägyptische Götter mit ihren vermeintlichen griechischen Gegenstücken gleichzusetzen. Imhotep, ein hoher Beamter des Alten Reichs, wurde von den Ägyptern nach und nach zum Heilgott umgedeutet. Für die Griechen Anlass genug, ihn mit Asklepios (Äskulap), ihrem Gott der Heilkunst, in eins zu setzen.

Spektakulärer und in Gegenrichtung – vom Gott zum Sterblichen – verlief die Karriere des Götterwesens Thot. Im Alten Reich tritt er uns als ziemlich ruppige, kriegerische Figur entgegen, dessen Lieblingsbeschäftigung im Niedermetzeln seiner Feinde bestand. In der Funktion als Wächter über heilige Symbole und der Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits nähert er sich jedoch zusehends der geistig-intellektuellen Sphäre. Später wurden ihm heilige Texte zugeschrieben. Noch später sieht man in ihm, dem dreimal großen Thot, einen Kulturbringer, der den Menschen Schrift, Weisheit und Gesetze überbrachte.

In dieser Form identifizierten ihn die Griechen mit Hermes, ihrem eigenen Gott mit ähnlicher Funktion. So wurde er zum dreimal großen Hermes, zum Hermes Trismegistos.

Luxor
Das Luxor Hotel in Las Vegas. Die Pyramide beherbergt unter anderem ein Kasino mit über hundert Spieltischen auf mehreren Etagen. Der Komplex liegt am Las Vegas Strip, der Hauptschlagader der Glitzerstadt. Eine vorzügliche Sicht soll der Eiffelturm in seiner Las-Vegas-Version bieten. Apropos Paris …
Louvre
Der Louvre. Naja. Wenigstens keine Black-Jack-Tische.

Als Alexander der Große, Herrscher über Mazedonien und Griechenland, 331 vor Christus Ägypten (und nebenher den gesamten Nahen und Mittleren Osten bis an die Grenzen Indiens) eroberte, gewann die ägyptisch-griechische Kooperation ganz neue Qualität.

Als Herrscher über das Land am Nil setzte er die griechische Dynastie der Ptolemäer ein, die fast dreihundert Jahre bis Kleopatra Bestand hatte. Außerdem gründete er an der Nilmündung eine Metropole, die er in aller Bescheidenheit Alexandria nannte. Sie wurde Sitz einer riesigen Bibliothek, womit sie das geistige Zentrum des westlichen Kulturkreises bildete.

Nicht nur die Wissenschaften im heutigen Sinn wurden an den Nilufern gepflegt, sondern auch das, was wir heute Geheimwissenschaften nennen würden. Die Astrologie hatte in Altägypten nicht gerade ein Heimspiel, hier stellte die Sonne im wahrsten Sinne des Wortes das alles überstrahlende Gestirn dar. Dann aber führten die Griechen die Kunst der Sterndeutung, ursprünglich aus Mesopotamien stammend, in Ägypten ein und deklarierten sie als urägyptische Erfindung.

Ähnlich ging es der Alchemie, die wohl am ehesten noch auf die griechische Naturphilosophie zurückzuführen ist (man denke z.B. an die Lehre der vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer).

In diese Epoche ägyptisch-griechischer Mischkultur fiel auch die Entwicklung der hermetischen Lehre (von Hermes abgeleitet), in der sich griechische, ägyptische und alchemistische Einflüsse mischen. Die zugrunde liegenden Manuskripte sind meistens in Griechisch, teils in Spätägyptisch verfasst.

Als mystischer Guru und Übervater all dieser Lehren wurde Hermes Trismegistos angesehen, der jetzt nicht mehr als Gott, sondern als weisester unter den Menschen und als Zeitgenosse Moses galt. Seine ikonographische Wandlung ist bemerkenswert. Wir erinnern uns: Zurückverfolgen lässt er sich bis zu Thot. Der wurde in alter Zeit als Gott mit Ibis- oder Paviankopf dargestellt. Neuzeitliche Gemälde zeigen einen alten, weisen Herrn mit Rauschebart.

Überzeugt waren die Griechen ferner davon, dass in Ägypten Geheim-gesellschaften und Initiationsrituale existierten, wie es die Hellenen z.B. von ihren Mysterien von Eleusis her kannten. Was aber wohl eine optische Täuschung darstellte, da die religiösen Riten Ägyptens der gesamten Öffentlichkeit zugänglich waren.

Auch magische Aspekte wurden der Hermetik einverleibt. Wobei Zauberei allerdings nicht eigens nach Ägypten importiert werden musste.

Roger-Corman-Filme gibt es so viele wie Sterne am Himmel. Auch wenn sie nicht gerade für ihr – ähem – verschwenderisches Budget bekannt sind, handelt es sich beim „Duell der Zauberer“ (besser bekannt als „Der Rabe“) um ein veritables Stelldichein ehrfurchtgebietender Namen: Vor der Kamera Boris Karloff, Vincent Price, Peter Lorre und Jack Nicholson, als Drehbuchautor kein Geringerer als Richard Matheson.

Angeregt wurde der Streifen durch das Gedicht „The Raven“ von E.A. Poe, vermengt mit einer Story über den Krieg zwischen Zauberern. Geschichten dieser Art sind nun aber uralt. Im Alten Testament wird von einem magischen Duell zwischen Moses und Aaron auf der einen und den Zauberern des Pharaos auf der anderen Seite berichtet. Doch schon vorher waren derlei Erzählungen im alten Ägypten sehr beliebt.

Ärztliche Behandlungsvorschriften strotzten vor magischen Handha-bungen. Hoch im Kurs standen auch Geschichten von Zauberern, die leblose Gegenstände in eifrige Diener verwandelten. Der in Ägypten weilende griechische Schriftsteller Lukian spann daraus eine Mär, die als direkte Vorlage für Goethes „Zauberlehrling“ diente.

Wir sehen: Schon in der Antike war Ägyptens Ruf als Land der Wunder und Magie komplett. Folgerichtig, dass bereits das Römische Reich von einer Woge der Ägyptomanie erfasst wurde. Nicht nur, dass Ägyptenreisen Mode wurden und es die Römer waren, die die große Sphinx von Gizeh aus dem Flugsand gruben. Im ganzen Reich breitete sich außerdem ein Isis- und Osiris-Kult aus, der noch in den germanischen Provinzen archäologische Spuren hinterließ. Die Römer verfrachteten nicht nur Obelisken und andere Kunstgegenstände in ihre Hauptstadt, sondern errichteten auch die eine oder andere kleine Pyramide.

Das europäische Mittelalter, das ganz unter dem Zeichen des Kreuzes stand, konnte mit diesem heidnischen Ballast nicht allzu viel anfangen. Und als Ägypten von den Arabern erobert und islamisiert wurde, dünnten sich die Verbindungswege empfindlich aus. Was die Europäer dieser Epoche über Ägypten wussten, stammte zumeist aus dem Alten Testament und war nicht gerade schmeichelhaft. Allenfalls plätscherte im Untergrund ein schmales Rinnsal alchemistischer und hermetischer Tradition, die den Namen Hermes Trismegistos hochhielt. Ein erster Umschwung ereignete sich mit den Kreuzzügen, als der Orient wieder stärker in den Fokus rückte. In dieser Zeit tauchen in Italien beispielsweise Sphinx und Pyramide als Dekorationssymbole auf.

Im Spätmittelalter wuchsen nicht nur die Gesamtbevölkerung, sondern vor allem auch die Städte. An den neu gegründeten Universitäten reiften Generationen intellektueller Leseratten heran. Die Antike kam wieder in Mode. Und an Lesestoff sollte bald kein Mangel herrschen.

Im Jahr 1453 wurde Konstantinopel, der letzte Rest des oströmischen Reiches, von den mohammedanischen Osmanen erobert. Viele Gelehrte flohen unter Mitnahme ihrer Bibliotheken in den Westen. Es wird geschätzt, dass 90% der heute bekannten antiken Literatur solchermaßen ihren Weg nach Italien und anders wohin fanden.

Mittlerweile haben wir das Zeitalter der Renaissance betreten, der Wiedergeburt. Eine solche erlebte auch das Interesse an Ägypten, das bis heute ungebrochen ist. Einen enormen Aufschwung nahmen unter anderem die alchemistischen, astrologischen und hermetischen Lehren, die ja irgendwie alle auf Hermes Trismegistos, den sagenhaften Weisen aus Ägypten, hinführen. Sogar Kopernikus berief sich auf ihn, da er der Sonne einen herausgehobenen Rang einräumte. Was der kopernikanischen Theorie vom Aufbau des Sonnensystems ja ziemlich entgegenkam.

Unter Gelehrten und interessierten Laien wurde der Ägyptentourismus wieder sehr beliebt. Die Begegnung mit den Überresten ägyptischer Baukunst führte dazu, dass auch in Europa zunehmend Obelisken errichtet wurden. Daneben wurde sogar ein Roman verfasst, der in einer Phantasielandschaft spielte, die mit Versatzstücken altägyptischer Architektur geradezu vollgerammelt war.

Besondere Faszination ging von den Mumien aus, die seit Shakespeares Zeiten in nicht geringer Zahl nach Europa importiert wurden. Es kursierten Rezepte, in denen pulverisierte Mumienreste als potente Medizin angepriesen wurden.

Die Fähigkeit, Hieroglyphen zu lesen, war seit der Antike verloren gegan-gen. Doch schon im Altertum dürfte sie nicht sehr verbreitet gewesen sein (noch nicht einmal bei den Ägyptern selbst. Die Alphabetisierungsrate wird auf maximal 10% geschätzt).

Nun lässt sich nicht gerade sagen, dass die neuzeitliche Beschäftigung mit diesem Schriftsystem zunächst von nüchtern-rationaler Wissenschaft-lichkeit geprägt war. Oft dienten Hieroglyphen wegen ihres Schauwertes einfach nur als Anregung für die Kreation neuer Symbole (z. B. das geflügelte Auge).

Gang und gäbe war es auch, sich für die Lesart intuitive Deutungen quasi aus dem Ärmel zu schütteln, die Zeichen nach eigenem Gusto hinzubiegen oder einfach neue zu erfinden. Prominent darin war u. a. der Universal-gelehrte Athanasius Kircher am Collegium Romanum, der schon ins Barockzeitalter gehört. Immerhin erkannte er, dass es sich beim Koptischen um einen direkten Nachfahren des Altägyptischen handelt. Das Wörterbuch, das er dafür zusammenstellte, erwies sich bei der späteren Entzifferung der Hieroglyphen als wichtiges Hilfsmittel.

Auf dem falschen Fuß erwischt

Der geheimnisumwitterte Männerbund der Freimaurer stellte anfangs eine Glaubensgemeinschaft von Bauleuten dar, die im Dombau ihr Brot verdienten. Da sie sich perfekt im subtilen sakralen Symbolismus mittelalterlicher Dome auskannten, können sie durchaus als religiöse Experten gelten.

Nicht verwunderlich, dass sie Tradition und Symbolik zunächst vor allem in der Bibel suchten. Im 18. Jahrhundert allerdings saugte der Bund alles auf, was ägyptisch anmutete. Man konstruierte Abstammungslinien, auf denen neben Adam auch Isis und Osiris Platz fanden. Und natürlich durfte Hermes Trismegistos nicht fehlen. In den Organisationsemblemen beanspruchten Sphinx, Pyramide und Sonne immer mehr Platz. Besonders angetan war man von der Vorstellung uralter Geheimbünde und Einweihungsriten, wie sie den Ägyptern von den Griechen unterstellt wurden.

Die Melodien in Mozarts „Zauberflöte“ sind weltberühmt. Plot und Story, das Libretto, stammen allerdings von Emanuel Schikaneder, einem zeitweiligen Freimaurer (wie Mozart). Die Oper selber spielt in einem nicht näher benannten Phantasieland, die Namen klingen eher italienisch als ägyptisch. Allerdings hat das Werk Vorläufer, die sehr konkret in Ägypten angesiedelt sind. Außerdem geht es um Pyramiden, Tempel, Weisheit und Einweihung.

Der Einfluss von Freimaurerei und Ägyptenmythos reicht also weit. Wie weit genau? Misstrauische Zeitgenossen sind schon vor längerer Zeit darüber gestolpert, dass sich das Symbol des Allwissenden Auges, das über einer Pyramide schwebt, nicht nur im Siegel der USA und auf der Rückseite der Ein-Dollar-Note finden lässt, sondern auch zum Symbolinventar der Freimaurer gehört. Die Vereinigten Staaten im Würgegriff einer verschwörerischen Geheimgesellschaft?

dollar

Nun ließe sich fragen, was das für eine geheime Verschwörung ist, die ihre Absichten willentlich in millionenfacher Vervielfältigung verrät.

Entscheidender dürfte aber sein, dass das Symbol bei den Freimaurern erst vierzehn Jahre nach seiner Entwicklung auftaucht. Hier hat man wohl einfach bei den Amerikanern abgekupfert. Die sich ihrerseits wahrscheinlich schlicht von einer allgemeinen Schwäche fürs Ägyptische haben leiten lassen (der einzige Freimauer unter den Vätern der Verfassung war Benjamin Franklin. Und dessen Vorschläge zur Symbolgestaltung wurden abgelehnt).

Eigenartigerweise erfreute sich Altägypten auch während der französischen Revolution erheblicher Popularität. Den Höhepunkt dürfte die Fontaine de la Régénération darstellen, die 1792 auf den Ruinen der Bastille errichtet wurde. Dabei handelte es sich um eine imposante Brunnenskulptur in Gestalt einer ägyptischen Herrscherin. Das Wasser entströmte ihren Brüsten.

Die ägyptische Aura strahlte aus bis in die deutsche Literatur dieser Zeit. Seit der Antike ging die Legende der altägyptischen Stadt Sais im Nildelta um. Derzufolge sollte sie eine Statue der verhüllten Göttin Isis beher-bergen, die die Geheimnisse der Natur verkörperte.

Dies inspirierte Friedrich Schiller zu seiner Balladendichtung „Das verschleierte Bild zu Sais“ aus dem Jahr 1795. Ein vorwitziger Jüngling, der vor Neugier platzte, schlich sich des Nachts zu Statue und lüftete ihren Schleier. Danach war er nie mehr der Alte und starb einen frühen Tod.

Ein paar Jahre später verfasste Novalis seinen Roman „Die Lehrlinge zu Sais“, der sich deutlich auf Schillers Gedicht bezog, allerdings Fragment blieb.

Im späteren Lebensabschnitt hatte es Hofrat von Goethe sicherlich mehr mit den verstandesklaren Griechen als mit dem romantisch verhangenen Land der Pharaonen. Dennoch: Als Freimaurer gehörte einem Verein an, der sozusagen voll auf dem Ägyptentrip war. Und als Hobbyalchimist ließe er sich durchaus zu den Jüngern des Hermes Trismegistos zählen. Außerdem befand sich ein Geschirrservice mit Hieroglyphendekor in seinem Besitz.

Sehr bekannt das Portrait, das der Kunstmaler Tischbein anlässlich Goethes Italienreise schuf. Leider zieht der Umstand, dass der Dichterfürst darauf mit zwei linken Füßen abgebildet wurde, die Aufmerksamkeit von weiteren Details ab. Zum Beispiel, dass der Dichter als Rastplatz für seine müden Glieder die Überreste eines Obelisken wählte.

Tischbein

Kekse für die Ewigkeit

Bemerkenswert an all dem, dass es vor das Jahr 1801 fiel. Denn erst ab diesem Zeitpunkt nahm die Ägyptomanie so richtig Fahrt auf. Es war das Jahr, in dem Napoleons Expeditionsheer aus Ägypten zurückkehrte. Militärisch hatte sich das Abenteuer für Frankreich als gigantisches Debakel erwiesen. Was Napoleon selber aus der Ferne beobachten konnte, da er sich bereits 1799 von seiner Armee nach Frankreich abgesetzt hatte, um in der großen Politik mitzumischen.

Begleitet worden war das Heer von 167 Wissenschaftlern und Technikern, die ein wahres Füllhorn von Kunstgegenständen, Papyrusrollen, Skizzen und Beobachtungen nach Frankreich brachten.

Darunter befand sich auch eine Abschrift des Steins von Rosetta, der auf das Jahr 196 vor Christus zurückgeht. Darauf ist ein längerer Verwaltungs-text graviert, der das Verhältnis zwischen Herrscher und Priesterschaft regelt. Das Besondere dabei, dass der Text in drei Versionen wiederge-geben wurde: In Griechisch, einer späten ägyptischen Schriftvariante und in Hieroglyphen,

Der Franzose Jean-Francois Champollion war ein Sprachgenie und trotz kränklicher Konstitution ein manischer workoholic, der bereits im Alter von zweiundvierzig Jahren einem Schlaganfall erlag. Vorher gelang ihm im Jahr 1822 das Kunststück, mithilfe dieses Steins die Hieroglyphenschrift zu entziffern. Die Ägyptomanie bekam einen wissenschaftlichen Touch. Mehr oder minder.

Im Jahr 1834 lud der bekannte Arzt Thomas Pettigrew zu einer Mumienpartie im Londoner Royal College of Surgeons. Das zahlende Publikum wurde Zeuge, wie eine Mumie öffentlich entblättert wurde. Die Veranstaltung war ausverkauft. Nun mag das zwar etwas niveauvoller sein als hübsche Tangamädchen, die aus Riesentorten hüpfen, aber sieht so seriöse Ägyptologie aus?

1871 wurde „Aida“ von Giuseppe Verdi aufgeführt, eine der berühmtesten Opern der Musikgeschichte. Stilgerecht fand die Premiere in Kairo statt – spielt die Handlung doch im Ägypten der Pharaonenzeit.

Die populärste Ägypterin in Musik und Literatur war aber niemand anderes als Kleopatra (genauer gesagt Kleopatra VII, eben die Kleopatra). In den letzten vierhundert Jahren wurden nicht weniger als 80 Opern komponiert, die sich dieser Gestalt annahmen.

Sehr lang ausfallen würde auch die Liste architektonischer Werke aus den letzten zweihundert Jahren, die ägyptisch inspiriert sind. Beispielsweise wurden Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den USA Egytian theaters sehr populär – Kinos, die irgendwie ägyptisch angehaucht waren.

Und da gibt es den nicht allzu bekannten satirischen Roman „Der schwarze Magier“ von Paul Madsack, in dem es um einen Künstler geht, der vom Erfolg verwöhnt wird, seitdem er seine Seele dem Teufel überschrieb. Unter anderem versucht der Hochstapler, den Tortenmillionär Krümelmann davon zu überzeugen, Fabriken und Privatanwesen komplett im ägyptischen Stil zu errichten.

BahlsenOb sich der Roman gezielt auf reale Begebenheiten bezieht, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber immerhin (Madsacks Bruder war übrigens der Gründer der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung): Anfang des 20. Jahrhunderts spielte der Keksmillionär Herrmann Bahlsen mit dem Gedanken, die Produktionsstätten in Hannover in die mächtig ägyptisierende TET-Stadt umzuwandeln. Das Projekt wurde nie realisiert. Zumindest aber schmückt seit 1903 die sogenannte TET-Hieroglyphe die Keksverpackung. Sie lässt sich mit „ewig dauernd“ übersetzen, womit ein Hinweis auf die Haltbarkeit des Produkts gegeben werden soll.

Der Suezkanal zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer, der 1869 eröffnet wurde, erwies sich für das britische Königreich als zweischneidige Angelegenheit. Zwar verkürzte er den Seeweg zwischen den asiatischen Kolonien und dem britischen Mutterland ganz erheblich, andererseits führte er zu vergrößerten Reibungsflächen mit anderen europäischen Mächten, die in Afrika ein Wörtchen mitzureden gedachten. Außerdem machte sich das Empire fatal abhängig von diesem verwundbaren maritimen Nadelöhr. Ein nicht geringer Teil der britischen Öffentlichkeit begann, Ägypten als düsteres Schicksalsland anzusehen.

Es gibt Literaturwissenschaftler, die davon ausgehen, dass diese Anmu-tungen den direkten Anstoß für die seit dieser Zeit lebhaft sprießende unheimliche Literatur mit ägyptischem Hintergrund einschließlich des Mumienhorrors gaben.

Mächtigen Auftrieb erhielten diese Empfindungen 1922. In diesem Jahr öffnete der Archäologe Howard Carter im Tal der Könige das nahezu ungestörte Grab des Pharaos Tutanchamun. Stellte dies allein schon eine Riesensensation dar, nahm die Sache eine spektakulär mysteriöse Richtung, als Expeditionsteilnehmer kurz nach der Entdeckung starben. Die Rede vom Fluch der Pharaonen begann umzugehen. Betrachtet man das Ganze genauer, stellt es sich allerdings wesentlich prosaischer dar. Carter, der Expeditionsleiter, blieb völlig unbehelligt und starb erst siebzehn Jahre später. Lord Carnarvons, ein Teilnehmer der Kampagne, verschied tatsächlich kurz nach der Entdeckung, allerdings nachgewiesenermaßen an einer Blutvergiftung mit Komplikationen nach einem Schnitt mit dem Rasiermesser. In der folgenden Jahren starben weitere Beteiligte. Aber was beweist das? Die Sache ist 96 Jahre her. Mittlerweile dürften ausnahmslos alle Teilnehmer tot sein. Ein Beleg für übernatürliche Mächte?

Die Faszination, die vom alten Ägypten ausgeht, erfreut sich weiterhin bester Gesundheit. Deshalb sollen es ein paar Beispiele genug sein lassen.

Seit den 40er Jahren geht der Glaube um, dass pyramidenförmige Gehäuse die Fähigkeit besitzen, geheimnisvolle kosmische Strahlung zu bündeln, so dass sie eine heilsame Wirkung auf Lebewesen (und Rasierklingen) entfaltet. Mit der jüngsten Esoterikwelle seit den 70ern erlebte dieses Mem eine beachtenswerte Revitalisierung. Dieser Hype war für das Alan Parsons Project Anlass genug, 1978 ihr Album „Pyramid“ herauszugeben.

Bereichert wurde die Populärkultur auch durch den französischen Comicautor Enki Bilal, der ab 1980 die Trilogie Alexander Nikopol herausgab. Im Jahr 2023 tauchen Raumschiffe über einem postapoka-lyptischen Paris auf. Pikant dabei, dass es sich bei den Außerirdischen um tierköpfige ägyptische Götter handelt.

Mich erinnert das stark an den Spielfim „Stargate“ aus dem Jahr 1994. In Ägypten wird ein Wurmloch-Tor entdeckt, das eine Expedition nonstop auf einen fremden Planeten katapultiert, der vom bösen ägyptischen Sonnengott Ra tyrannisiert wird. Das phantastische Genre hat Ägypten in der Tat so einiges zu verdanken…

(Fortsetzung folgt)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s