Der enorme Einfluss der Vererbung auf die Psyche

Ein kurzer Blick auf Gene, Individualität  und Geschlecht

Anthropologie habe ich studiert, weil auch mich die höchst existenzielle Frage umgetrieben hat: „Woher kommen wir?“ Gewisse Themen, die mit dem Fach zusammen­hingen, fand ich – der ich gerade anfing, die Nase aus seiner linksautonomen WG herauszustrecken – zunächst eher suspekt. Zum Beispiel die Vererbung von Intelligenzunterschieden. Doch nach und nach ließ ich mich im Studium und in der Zeit danach von der wissenschaftlichen Gültigkeit dieser Forschungsrichtung überzeugen.

Woher wir kommen, ist eng verbunden mit Frage, was wir mitbringen. Und das Reisegepäck scheint zu einem großen Teil aus evolutionär-genetischen Mitbringseln zu bestehen. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass der Einfluss der Genetik gewaltig ist – und dass es schon etwas absurd anmutet, wie zögerlich sich die meisten Psychologen mit diesem Gedanken anfreunden.

Wenn es um den Einfluss der Gene auf die Psyche geht, sind im Grunde genommen zwei sehr verschiedene Phänomene gemeint: Zum Einen kreist die Forschung um Merkmale, die allen Menschen zu Eigen sind: Etwa unsere Gefühle und deren Ausdruck, Sex und die Form unserer sozialen Kontakte. Einige dieser Merkmale können durchaus als Artcharakteristikum gelten – etwa hohe Intelligenz oder Sprachfähigkeit. Die entsprechenden Disziplinen wie Humanethologie, Soziobiologie oder evolutionäre Psychologie haben das Raster in den letzten Jahrzehnten übrigens enorm verfeinert.

Aber darum geht es hier gar nicht. Sondern um den zweiten Forschungsstrang: Um die Frage nach angeborenen Unterschieden. Menschen unterscheiden sich z.B. in geistiger Leistungsfähigkeit, Talenten, Temperament und psychischer Stabilität. Woher stammt diese Differenz? Aus der Umwelt oder aus den Genen? Diese Fragen umreißen das Forschungsinteresse der psychologischen Genetik.

Im Folgenden wird es über weite Strecken um Geschlechts-unterschiede gehen. Zum einen, weil die für sich genommen schon interessant genug sind. Außerdem spielen sie in meinem argumentativen Finale eine entscheidende Rolle.

Aber beginnen wir mit den Unterschieden zwischen den Individuen. Bei den untersuchten psychischen Dimensionen handelt es sich vor allem um:

  • Intelligenz und Sonderbegabungen (etwa Musikalität)
  • Persönlichkeitsunterschiede: unter Persönlichkeit versteht die Psychologie langanhaltende, ggf. lebenslange zentrale Tendenzen in unserem Fühlen und Verhalten. Sind wir am liebsten unter Menschen oder eher für uns allein? Sind wir der nervöse Typ, oder lassen wir uns durch nichts aus der Ruhe bringen? Sind wir mitfühlend und warmherzig oder eher aggressiv und feindselig etc.
  • Die Neigung zu psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depression, Schizophrenie und Sucht.
  • Delinquentes = kriminelles Verhalten
  • Sexuelle Orientierung
  • Einstellungen: Sind wir für oder gegen NATO, GEZ oder Mülltrennung? An der Uni habe ich übrigens noch gelernt, dass Einstellungen ein absolut undankbares Thema für psychologische Genetik darstellten, da sie ganz vorwiegend im Zuge der Sozialisation erworben würden. Mittlerweile gibt es Studien, die diese Ansicht so ziemlich auf den Kopf stellen.

Für alle diese Merkmale gibt es Diagnoseverfahren (zum Beispiel Tests und Fragebögen), die die Ermittlung eines exakten individuellen Messwerts oder zumindest die Einteilung in „vorhanden/nicht vorhanden“ ermöglichen. Damit werden statistische Analysen möglich. Dies ist sozusagen der psychologische Teil der Forschung.

Für den genetischen Part stehen grob gesagt zwei Forschungs-strategien zur Verfügung: Einerseits machen es die rasanten Fortschritte im Fach möglich, einzelne Gene auf ihre psychischen Auswirkungen hin zu untersuchen. Auch wenn es schon einige spektakuläre Entdeckungen gab, steckt dieser Forschungszweig aber noch immer in den Kinderschuhen.

Die traditionellere Methode besteht darin, ein globales Zahlenverhältnis zwischen dem genetischen und umweltbedingten Einfluss auf ein Merkmal zu ermitteln. Die meisten werden sicherlich schon einmal gehört haben, dass Intelligenz zu 80% genetisch bedingt sein soll.

Das wichtigste Hilfsmittel liefert dabei die Zwillingsforschung. Zur Erinnerung: Eineiige Zwillinge (EZ) sind genetisch identisch. Sie entstehen, wenn eine Eizelle von einem Spermium befruchtet wird und nach wenigen Zellteilungen in zwei Teile zerfällt. Daraus gehen dann zwei getrennte Individuen hervor, die über eine exakt identische genetische Ausstattung verfügen und sich im Normalfall auch extrem ähnlich sind. Bei zweieiigen Zwillingen (ZZ) handelt es sich um ganz normale Geschwister, die durchaus unterschiedlichen Geschlechts sein können. Bloß, dass sie zur selben Zeit gezeugt wurden – bei uns eher selten, bei vielen Tierarten sind Mehrlingsgeburten geradezu die Norm.

Nun lassen sich ein- und zweieiige Zwillingspaare auf messbare psychische Unterschiede hin untersuchen. Für beide Paarformen gilt, dass sie zur selben Zeit geboren wurden und sich dieselbe vor- und nachgeburtliche Umwelt teilten. Nur dass die EZ mehr Gene miteinander gemeinsam haben. Wenn sich die Unterschiede innerhalb der Paare bei EZ und ZZ auf ungefähr demselben Niveau bewegen, hat dieses Mehr an genetischer Identität also geringe Auswirkungen = das Merkmal ist nur schwach genetisch kontrolliert. Sind sich die EZ untereinander aber deutlich ähnlicher, dann spielt die Genetik eine wichtige Rolle. Aus den Differenzen zwischen EZ einerseits und ZZ andererseits lässt sich dann der prozentuale Einfluss der Vererbung errechnen.

Eine wichtige Rolle spielt daneben die Untersuchung von EZ, die in unterschiedlichen Umwelten aufwuchsen. Theoretisch stellt dies sogar das stärkste Untersuchungsdesign dar. Man kann sich aber vorstellen, wie selten solche Fälle sind und wie zeitraubend es ist, sie in ausreichender Zahl zusammenzustellen (aus statistischen Gründen verlangen Zwillingsstudien eine hohe Fallzahl).

Erblichkeitswerte sind nicht in Stein gemeißelt, sondern können von Umwelt zu Umwelt variieren. Beispiel Intelligenz: Es ist bekannt, dass chronische Unterernährung, schwere Krankheiten in der Kindheit oder sehr frühe Mutterschaft deutlich dämpfende Effekte auf den kindlichen Intelligenzquotienten ausüben. Diese Faktoren spielen in unserer Gesellschaft aber keine große Rolle mehr, so dass sich die genetisch angelegten Unterschiede voll entfalten können. Die Erblichkeitswerte liegen in entwickelten Gesellschaften also besonders hoch.

Zusammenfassend ist der Hirnforscher Gerhard Roth der Meinung, dass psychische Merkmale im Durchschnitt zu 50% vererbt sind. Nun habe ich ein wenig in der Literatur gestöbert und dabei folgende Werte zusammenstellen können:

Intelligenz:  78%

Persönlichkeit

Neurotizismus: 53%

Extraversion: 51%

Offenheit: 53%

Verträglichkeit: 40%

Gewissenhaftigkeit: 42%

Psychische Erkrankung

Fettsucht: 70%

Alkoholismus: 50 – 60%

Neurotische Erkrankung: 41%

Schizophrenie: 40-87%

Depression: Von Form zu Form unterschiedlich. Besonders hoch bei der bipolaren Depression: 72%

Delinquenz

Jugendliche Verhaltensstörungen: 88%

Leichte Kriminalität: 48%

Gewaltkriminalität: 60 – 70%

Sexuelle Orientierung

Männliche Homosexualität: 50-78%

 

Einstellungen

Religiöse Neigungen: 50%

Politische Orientierung: 53%

Hier liegt der Durchschnitt eher bei 60 als bei 50 Prozent. Aber sei’s drum. Entscheidend ist ein anderer Punkt: Die Ergebnisse der Zwillingsforschung gelten nämlich nur innerhalb eines Geschlechts. Das liegt vor allem daran, dass EZ gezwungenermaßen immer dasselbe Geschlecht haben. Methodische Sauberkeit verlangt, dass die Vergleichsgruppe der ZZ nur aus Angehörigen desselben Geschlechts besteht.

In der Zwillingsforschung haben wir es also maximal mit der Hälfte des genetischen Himmels zu tun. Denn neben individuellen Unterschieden stellt das Geschlecht eine weitere Quelle erblicher Variabilität dar.

Genetisch gesehen sind Vererbung der Intelligenz und des Geschlechts nicht dasselbe: Bei der Intelligenz sind es hunderte und vielleicht tausende von Genen und deren Varianten, die Einfluss auf die Gehirnfunktion haben und in Teamarbeit die individuelle Ausprägung formen. Beim Geschlecht besteht der Unterschied in einem einzigen Gen.

Neben den 22 übrigen Chromosomenpaaren verfügen Frauen über zwei Chromosomen vom Typ X. Alles schick, alles weiblich. Männer haben stattdessen ein Chromosom X und ein Chromosom Y, das bezüglich Größe und Informationsgehalt eher einen Kümmerling abgibt. Tatsächlich trägt es nur ein einziges bedeutendes Gen. Aber das hat es in sich. Die Hauptfunktion dieses sogenannten SRY-Gens besteht darin, im Embryo die Bildung des Hodens anzustoßen. Der Embryo hat gewissermaßen die natürliche Neigung, sich weiblich zu entwickeln. Für die Entwicklung in männliche Richtung ist es notwendig, dass sich jene Hormone aufsetzen, die im Hoden gebildet werden – vor allem das Testosteron. Es ist nicht nur verantwortlich für die Bildung der primären Geschlechtsorgane, sondern ab der Pubertät auch für männliche Attribute wie Bart und tiefe Stimme. Und nicht zuletzt für Besonderheiten im Gehirn. Während sich zum Beispiel die hormonell wichtigen Hirngebiete bei der Frau so entwickeln, dass sie im späteren Leben im Zusammenspiel mit den Eierstöcken den Zyklus ausbilden, bleibt das männliche Gehirn azyklisch.

Alles in allem lässt sich sagen: Auch wenn der Hauptjob der differentiellen Entwicklung von den Hormonen erledigt wird, steht am Anfang ein genetischer Unterschied.

Männer und Frauen weichen nicht nur körperlich deutlich voneinander ab, sondern offensichtlich auch psychisch. Nun erweist es sich als alles andere als einfach zu bestimmen, wie weit diese Unterschiede biologisch-genetischer Natur oder sozialisationsbedingt sind. Eine so elegante Methode wie die Zwillings-forschung steht hier nicht zur Verfügung. Wir wollen aber trotzdem schauen, wie weit wir kommen.

Schwierig ist allerdings allein schon herauszufinden, wie groß die Unterschiede überhaupt sind. Eine Kunst besteht darin, sozusagen wie am Mikroskop die richtige Vergrößerung zu finden.

In der Frühzeit der Intelligenztestung wurde die (zu jener Zeit überraschende) Beobachtung gemacht, dass sich Männer und Frauen in ihren Leistungen kaum unterschieden. Daraufhin wurden die Tests so geeicht, dass beide Geschlechter auf dieselben Werte kamen. Geschlechtsunterschiede also Fehlanzeige? Wie gesagt: Es kommt auf die Vergrößerung an. Die gemessene Intelligenz setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen: Etwa sprachliche Intelligenz oder räumliches Vorstellungsvermögen. Zoomt man diese Unterfaktoren näher heran, treten beachtliche Unterschiede zu Tage. Frauen sind sprachbegabter als Männer. Noch stärker stellen sich aber die Unterschiede im räumlichen Vorstellungsvermögen dar. Hier haben die Männer die Nase vorn – und zwar so weit, dass ca. 84% von ihnen über dem weiblichen Durchschnitt liegen. Okay, das mag sich dramatischer anhören, als es ist. Denn wären weibliche und männliche Verteilungskurven identisch, lägen immer noch 50% der Männer über dem weiblichen Durchschnitt. Aber immerhin …

1972 untersuchte Margaret Backman eine größere Gruppe von Schülern, die bezüglich ethnischer und sozialer Herkunft sehr gemischt war. Die Testbatterie umfasste u.a. Allgemeinbildung, sprachliche und mathematische Fertigkeiten und Gedächtnis. Wenig überraschend, dass Mädchen in Englisch und Gedächtnis besser waren, Jungen in Mathe und räumlicher Orientierung. Erstaunlich allerdings die Differenzen im allgemeinen Fähigkeitsprofil: Es zeigte sich nämlich, dass das Geschlecht für 69% der gesamten Leistungsunterschiede verantwortlich war. Rasse und sozialer Status erwiesen sich dagegen als vergleichsweise unbedeutend.

Wie sieht es bei Persönlichkeitsmerkmalen aus? Aus eigener Erfahrung könnte man ja den Verdacht hegen, dass Frauen mindestens so anders sind wie Männer. Aber was sagt die Wissenschaft? Nun, da geht es ziemlich hin und her.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: 1974 veröffentlichten Macoby und Jacklin eine Studie, in der sie weit über 1000 Einzelarbeiten analysierten und zum Schluss kamen, dass es keine nennenswerten Geschlechtsunterschiede gäbe. Die anschließende Methodenkritik fiel allerdings teilweise vernichtend aus.

Im Jahr 2000 erblickte der populärwissenschaftliche Schmöker „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ des Ehepaars Pease das Licht der Welt, in der die Geschlechter unter Rückgriff auf die evolutionäre Psychologie mehr oder minder als zwei verschiedene Spezies dargestellt wurden.

Dreizehn Jahre später wiederum legten Carothers und Reis die Ergebnisse einer groß angelegten Untersuchung vor, wonach sich die Unterschiede doch sehr in Grenzen hielten.

Ungefähr zur gleichen Zeit traten Marco Del Giudice und Kollegen mit einer Studie an die Öffentlichkeit, die speziell auf Persönlichkeitsmerkmale gemünzt war und einer sehr interessanten Methodik folgte. Einerseits versuchten die Forscher sozusagen, das Mikroskop besonders fein einzustellen.

In der Psychologie sehr hoch im Kurs steht das Big Five System, das die menschliche Persönlichkeit auf fünf Faktoren zu verdichten versucht. Nach Del Giudice ist dieses Modell aber zu grob, um Geschlechtsunterschiede zu erfassen. Bei einem der Faktoren handelt es sich beispielsweise um Extraversion. Wer hier hohe Punktzahlen erreicht, ist unternehmungslustig, gern unter Menschen, stellt aktiv Kontakt her und hat keine Probleme damit, im Mittelpunkt zu stehen. Nun setzt sich Extraversion allerdings aus zwei Unterfaktoren zusammen. Einmal geht es mehr um Sympathie und Interesse für Menschen, andererseits mehr um Selbstbewusstsein. Beim ersten Punkt liegen Frauen vorn, beim zweiten Männer. Wenn sich Männer und Frauen in puncto Extraversion also scheinbar gleichen, bleiben zugrunde liegende fundamentale Unterschiede verborgen. Daher benutzten die Untersucher ein 15-Faktoren-Modell, das eine feinere Auflösung versprach.

Die zweite methodische Besonderheit bestand darin, dass die 15 Faktoren nicht einfach nur Punkt für Punkt nach Geschlechtsdifferenzen abgesucht wurden. Vielmehr bildeten die Untersucher dazu noch einen einzelnen Superfaktor, in den alle Einzelunterschiede eingingen. Und siehe da: Auf diesem Superfaktor überlappten sich Frauen und Männer nur noch zu ungefähr 10 – 25% (je nach gewählter Methode).

Werfen wir einen Blick auf den Bereich psychische Erkrankungen. Über 12 Monate gerechnet, leiden ca. 33% aller Menschen an einer seelischen Erkrankung: bei Frauen ca. 36%, bei Männern 31%. Diese Zahlen liegen nicht sehr weit auseinander. Dem Mikroskop-Prinzip folgend könnte es aber von Interesse sein, wie sich die Erkrankungstypen verteilen:

PsychischkrankWie man sieht, treten in der Feinanalyse deutliche Unterschiede auf – besonders, wenn die beiden besonders „dicken Brocken“ Angststörungen und Alkoholprobleme ins Visier genommen werden.

In Hinblick auf Aggressivität gibt es einflussreiche Arbeiten, die von einem allenfalls moderaten Geschlechtsunterschied sprechen. Aber wer durch die bisherigen Beispiele hellhörig geworden ist, mag vielleicht erpicht darauf sein, etwas mehr über die Details erfahren.

Tatsächlich gibt es, was die Häufigkeit von Wutempfindungen anbelangt, überhaupt keine Unterschiede. Darüber hinaus neigen Frauen sogar etwas stärker zu indirekter Aggression (z.B. Mobbing). Je schwerer die Aggressionsform, desto stärker tritt aber ein männliches Übergewicht zutage.

Das zeigt die untere Grafik, in der die Geschlechtsunterschiede bei verschiedenen  Aggressionsformen abgebildet werden – außer bei indirekter Aggression stehen die Balken für einen männlichen Überhang. Die Differenzen werden in d-Werten wiedergegeben. Das ist die sogenannte Effektstärke, mit der das Ausmaß von Gruppenunterschieden gemessen wird. Für den, der um Statistik bisher einen Bogen gemacht hat, ist das nicht ganz leicht zu erklären, aber zur Verdeut-lichung: Ein d-Wert von Null steht natürlich für den Fall, dass überhaupt keine Unterschiede existieren.

AggressionSexdifferences

Der Balken für gewalttätige Überfälle mit seinem d von ungefähr 0,7 mag vielleicht nicht besonders imposant wirken, doch verbirgt sich dahinter, dass ca. 80% aller gefassten Täter männlichen Geschlechts sind, was immerhin einem Geschlechterverhältnis von 4:1 entspricht. Nicht viel niedriger liegt es bei eher alltäglichen körperlichen Auseinandersetzungen, höher sogar beim Tragen von Waffen.

Allein schon optisch massiv wirkt die Differenz bei Totschlagsdelikten. In Zahlen ausgedrückt bedeutet es: ca. 97% aller Täter sind männlich. Geschlech­ter-verhältnis 32:1.

Nun ließe sich einwenden, dass Tötungen von Menschen eher seltene Verbrechen darstellen. In den allermeisten Fällen sind Männer genauso friedlich wie Frauen – der Gesamtunterschied also doch eher niente. Das ist richtig, gilt aber nur für unsere gesellschaftliche Gegenwart.

Für eine gewisse Zeit bestand in den Kulturwissenschaften eine gewisse Tendenz, die Vorgeschichte zu befrieden, das heißt, ein stark überzogen idyllisches Bild vom Leben der „Naturvölker“ zu zeichnen. Seit einigen Jahrzehnten aber dreht sich der Trend. Geschichtliche und völkerkundliche Studien, sowie solche aus der Archäologie (Verletzungsspuren an Skeletten) liefern ein düstereres Szenario: Wo es sich statistisch ermitteln ließ, trat immer wieder das gleiche männliche Übergewicht zu Tage – die absoluten Zahlen müssen aber dramatisch genannt werden.

Bezogen auf die Zahl der Tötungsopfer per 100.000 Einwohner ging es im Mittelalter so um die zwanzigmal gewalttätiger zu als heute. Ums ungefähr Hundertfache höher stellt sich tödliche Gewalt bei den Papua auf Neuguinea dar. Und bei den Yanomamö-Indianern aus dem brasilianischen Regenwalt stirbt fast jeder dritte Mann bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Daraus drängt sich der Schluss auf: Wenn es um schwerste Formen der Gewalt geht, scheint das männliche Potential um Größenordnungen über dem weiblichen zu liegen.

Analog zur Aufstellung im Abschnitt Zwillingsforschung haben wir jetzt also nacheinander die Punkte Intelligenz, Persönlichkeit, psychische Erkrankung und Delinquenz & Aggressivität abgearbeitet. Bleibt als gewichtiges Thema die Sexualität. Auch hier gibt es natürlich Geschlechtsdifferenzen, z.B. in der Stärke der Libido, der Triebintensität. Männer denken ungefähr einmal pro Stunde an Sex, Frauen halb so oft.

Aber auch dieser Effekt verblasst im Vergleich zu einem Phänomen, das alle übrigen Differenzen mühelos in den Schatten stellt. Und das meinem Eindruck nach viel zu selten in expliziter Form in Lehrbüchern thematisiert wird – vielleicht weil es oberflächlich gesehen zu alltäglich ist. Die Rede ist natürlich davon: Frauen mögen Männer, Männer mögen Frauen.

Ausnahmen von der Regel sind selten – auch wenn Homosexualität seit Jahren ein mediales Topthema darstellt. Was übrigens in der Öffentlichkeit Spuren hinterlassen hat. Nach einer Gallup-Umfrage sind US-Amerikaner der Meinung, dass 25% der Bevölkerung homosexuell sind. Dieser Wert entspricht in etwa der Realität – wenn er durch zehn geteilt wird. Genau genommen sind es bei Frauen 1,6%, bei Männern 2% (deutsche Zahlen für ausschließliche Homosexualität).

Das heißt, die Geschlechter trennen sich entlang ihrer sexuellen Vorlieben nahezu überschneidungsfrei. Wenn ich von jemandem nur weiß, ob er Männern oder Frauen den Vorzug gibt, kann ich sein Geschlecht mit über 98% Prozent Sicherheit vorhersagen. Es dürfte nicht zu weit hergeholt sein, hier genetisch verankerte Faktoren zu vermuten.

Und damit haben wir uns zum nächsten Punkt gehangelt. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind groß: Sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass die Streuung in der Gesamtbevölkerung deutlich mehr als zur Hälfte auf Geschlechts­unter­schiede zurückzuführen ist. Aber wie viel davon ist genetisch bedingt? Zunächst einmal: Der Annahme, hier sei bloße geschlechtsspezifische Sozialisation am Werke, widersprechen eine ganze Reihe von Tatsachen:

* Der verhaltensbiologischen Theorie nach sollte es zwischen männlichen und weiblichen Tieren evolutionär stabilisierte Unterschiede geben. Männchen sollten um Weibchen konkurrieren und stärker zur Aggressivität neigen, während weibliche Tiere stärker auf die Aufzucht des Nachwuchses fokussieren. Nun weisen auch beim Menschen die Geschlechtsunterschiede in diese Richtung. Sogar Macoby und Jacklin sind der Auffassung, dass ausgeprägteres weibliches Pflegeverhalten zu den erwiesenen Geschlechtsdifferenzen gehört.

Diese theoretischen Vorhersagen decken sich ziemlich gut mit Beobachtungen an Tieren – besonders solchen in der näheren Verwandtschaft zum Menschen: Säugetiere und dort vor allem natürlich Primaten (die Säugetierordnung, die Affen und Halbaffen umfasst – jedenfalls nach der alten Systematik. Das moderne System ist etwas komplizierter). Kleine Randbemerkung dazu: Wenn Verhaltensexperimen­tatoren mit Gorillas arbeiten, tun sie das für gewöhnlich mit Weibchen. Männchen lassen sich so und so kaum etwas sagen. Außerdem würde es kein Wissen­schaftler auf sich nehmen, den Raum mit einem Silberrücken, einem ausgewachsenen Gorillamänn­chen, zu teilen, der gerade seinen Macho-Koller hat.

* Weibliches und männliches Gehirn weichen in vielen Einzelheiten voneinander ab: von der relativen Größe einzelner Hirngebiete über die Vernetzung von Nervenzellen und Hirnregionen bis hin zur hormonellen Taktung. Auch wenn es nicht möglich ist, aus derartigen biologischen Differenzen auf direktem Wege konkretes Verhalten abzuleiten, sollte man über solche Befunde nicht mit schlichtem  Achselzucken hinweggehen.

* Zwar unterscheiden sich die vielen hundert verschiedenen Kulturen in einer großen Zahl von Einzelheiten, dennoch sind einige Konstanten zu erkennen – besonders wenn es um Geschlechtsrollen geht. In allen untersuchten Gesellschaften sind Krieg und Jagd Männersache, genauso wie Frauen die Hauptlast der Kindererziehung tragen. Außerdem sind sie in fast allen Kulturen fürs Kochen und die Überwachung der heimischen Feuerstelle zuständig. Die Universalität dieser Rollenverteilung lässt biologische Vorprägungen nicht gerade absurd erscheinen.

* Beträchtliche Unterschiede auch dort, wo die Gesellschaft noch gar keine Chance hatte, den Einzelnen in die Backformen sozialer Rollenkonventionen zu pressen: Bei Kleinkindern. Schon im Alter von wesentlich weniger als einem Jahr treten deutliche Differenzen hervor. So sind Mädchen etwa „kommunikativer“, lassen sich stärker vom Weinen anderer Kinder anstecken, halten länger Augenkontakt oder bevorzugen – im Gegensatz zu Jungen – Puppen gegenüber Spielzeugautos.

Nach diesem thematischen Rundflug dürfte es eine sichere Wette darstellen, dass die Biologie bei Geschlechtsdifferenzen ein Wörtchen mitzureden hat. Ungeklärt bleibt allerdings das relative Verhältnis von Erbe und Umwelt.

Hier könnte eine einfache und naheliegende Methode in die Bresche springen: Sollten die Abweichungen überwiegend sozialisationsbedingt sein, müssten sich natürlich auch gravierende Differenzen im Erziehungsstil markieren lassen. Dazu gibt es mittlerweile eine Fülle von Beobachtungsstudien.

Ein markanter Befund besteht darin, dass so etwas Geschlechtsdressur ziemlich selten ist. Oder wie ein Psychologe süffisant bemerkt: Den Satz „Ein Mädchen tut das nicht!“ findet man weitaus häufiger in Lehrbüchern als im wirklichen Leben.

Erziehungsstile variieren nach dem Geschlecht des Elternteils und des Kindes. Mit Mädchen spielen Väter – zwar abgemildert – immer noch ziemlich jungenhaft. Sie neigen zu robusten Bewegungsspielen, ermuntern ihre Töchter zu Erkundung und Neugierverhalten und setzen oft Spielzeug ein – besonders gern unbekanntes und überraschendes.

Wenn Dressur, dann scheint sie sich an anderer Stelle abzuspielen. Jungen werden schärfer und häufiger bestraft. Und nichts wird so unnachgiebig sanktioniert wie jungenhafte Wildheit und Aggressivität. Das scheint Auswirkungen zu haben. Beobachtungen in antiautoritären Kinderläden, wo auf erzieherische Intervention weitgehend verzichtet wurde, haben gezeigt, dass die Jungen mit ihrem Bossgehabe die Mädchen sozusagen vollends an die Wand drückten. In konventionellen Kindergärten, in denen durchaus schon einmal dazwischen gegangen wird, fiel der Effekt wesentlich schwächer aus. Bei dieser Form der Verhaltensregulation liegt mit Sicherheit keine geschlechterdifferente Sozialisation vor. Im Gegenteil: Mädchen und Jungen werden mehr oder minder zusammengeschoben.

Schon in den 70er Jahren haben die Anthropologen Tiger und Fox gemutmaßt, dass die allgemeine Schulpflicht, die dem überbordenden Bewegungsdrang männlicher Pubertierender massiv zuwiderläuft, eine ziemlich drastische Form der Feminisierung darstellt.

Und damit ist der argumentative Aufstieg beendet und der Moment gekommen, vom Gipfelpunkt aus Rundumschau zu halten. In einer Bevölkerung, die sich aus beiden Geschlechtern zusammensetzt, bildet die Gesamtstreuung die Summe aus den Unterschieden zwischen und innerhalb der Gruppen.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind beachtlich und betragen sicherlich mehr als die Hälfte der Gesamtdifferenz. Wie wir gesehen haben, dürfte der Nettoeffekt von Sozialisationseinflüssen nicht allzu groß sein. Keine allzu kühne Vermutung also, dass die Unterschiede zusammengenommen ungefähr zur Hälfte aus genetisch bedingten Geschlechterdifferenzen bestehen. Aber was ist mit der anderen Hälfte? Die Unterschiede innerhalb der Gruppen? Hier hat uns die Zwillingsforschung gezeigt, dass auch die zu 50-60% genetisch verursacht werden. Das gilt für die Innergruppen-unterschiede. Bezogen auf die Gesamtvariabilität müssen sie halbiert werden, also 25-30%. Summiert ergibt sich: 75-80% aller psychischen Unterschiede innerhalb einer Bevölkerung beruhen auf Vererbung!

Das ist ein Pfund. Und damit ist noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange erreicht. Denn es existiert noch eine weitere Quelle der genetischen Variabilität: Ethnische Unterschiede. Wobei „ethnisch“ etwas irreführend sein dürfte. Denn hier geht es weniger um Unterschiede zwischen Italienern und Deutschen, als z. B. zwischen Ostasiaten und Afrikanern – um Rassenunterschiede also.

Natürlich sind viele dieser Differenzen kulturell bedingt. Aber es gibt auch Hinweise auf genetische Unterschiede. Doch um das näher zu ergründen, wäre wohl ein eigenes Kapitel nötig. Klar sein dürfte, dass sich derartige Mittelwertabweichungen nicht auf dem hohen Niveau von Individual-  oder Geschlechterunterschieden bewegen. Trotzdem existieren sie und sind messbar. Global gesehen müsste unser Wert von 75-80% also nochmal um einige Prozentpunkte aufgestockt werden.

Bleibt als letzte Frage: Was fangen wir mit diesem Wissen an? Ich gebe zu, dass mich bei diesem Blog vor allem egoistische Motive geleitet haben. Als jemand, der sozusagen aus der biologischen Ecke kommt, ist es nun einmal ziemlich befriedigend und erhebend, sich nochmal in kompakter Form vor Augen zu halten, welchen Stellenwert das Biologische einnimmt.

Andererseits möchte ich nun auch keinen Fatalismus predigen. Gut: Unsere biologische Konstitution setzt Grenzen. Aber das heißt natürlich nicht, dass Veränderungen komplett unmöglich wären. Nur: Wer nach Alternativen sucht – etwa in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft – sollte sich auf Gegenentwürfe konzentrieren, die auch mit den Menschen, wie sie heute existieren, funktionieren.

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