Ein Kapitel Euro-Chauvinismus

Manche Historiker halten es für schieren Zufall, dass Industrialisierung und Moderne ausgerechnet in Europa aus der Taufe gehoben wurden. Dabei sollte man nicht übersehen, dass unser Kontinent in Geschichte und Vorgeschichte mehr als einmal kulturell Führer der Meute war.

 

Eines steht fest: Die moderne Welt bewegt sich nach dem Takt, den westliche Technik und Wirtschaftsweise vorgeben. Und es ist nicht mehr als hundert Jahre her, dass europäische Kolonialmächte den Erdball nahezu komplett unter sich aufgeteilt hatten. Die Welt ist sehr westlich geworden.

Aber beruht das nicht vielleicht auf historischen Zufälligkeiten? Stellte Europa vor der Neuzeit nicht allerhöchstens einen zivilisatorischen Hinterhof dar, in dem mittelalterliche Primitivität herrschte? Waren zu dieser Zeit die islamische, indische und vor allem chinesische Gesellschaft nicht wesentlich höher entwickelt?

Ja, die Chinesen: Immerhin waren sie es, die Papier, Schießpulver, Kompass und Porzellan erfunden hatten. Und ihre koreanischen Nachbarn die beweglichen Drucklettern. Als im europäischen Mittelalter kaum eine Stadt mehr als zehntausend Einwohner zählte, wurden in China am Reißbrett Millionenstädte geplant. Zudem war der südostasiatische Wirtschaftsraum viel bedeutender und bevölkerungsreicher als das mickrige Europa.

Christoph Kolumbus befehligte bei seiner ersten Expedition nach Amerika drei Schiffe. Fast neunzig Jahre vorher war der chinesische Flottenkom­mandeur Zheng He mit einem Geschwader von 62 Schiffen aufgebrochen, dessen Flaggschiffe ungefähr dreimal so lang waren wie die des Kolumbus. Bei seinen Reisen im Pazifik und im Indischen Ozean legte Zheng He insgesamt 50.000 Kilometer zurück, wobei er bis zu den Küsten Ostafrikas vorstieß.

Trotzdem machte Europa das Rennen. Auf die möglichen Gründe will ich hier nicht eingehen. Allerdings bin ich der Meinung, dass es weniger Resultat einer plötzlichen geistigen Revolution zu Zeiten von Humanismus, Reformation und Renaissance darstellte als vielmehr Ergebnis einer längeren kontinuierlichen Entwicklung.

Das Mittelalter wird oft das dunkle Zeitalter genannt. Aber Mittelalter ist nicht gleich Mittelalter. Ich selber stamme aus Norddeutschland. Um 780 lebten hier heidnische, kriegerisch-bäuerliche Germanen, die sich unter König Widukind gegen das christianisierte Frankenreich stemmten. Fünfhundert Jahre später, noch knietief im Mittelalter, bildete Norddeutschland das Zentrum der Hanse, dem weitverzweigten Handelsnetz, das ganz Nordeuropa durchdrang. Die Hansestädte, allen voran Lübeck, können noch heute mit ihren Bürger- und Rathäusern, Kathedralen und Wehranlagen im Stil der Backsteingotik beeindrucken. Plattdeutsch war Weltsprache (naja, wenigstens in der Welt von Nord- und Ostsee).

Als man den großen Widersacher der Hanse, den Piraten Klaus Störtebeker, um 1400 dingfest machte, waren schon Kanonen im Spiel.

Gestützt war der hanseatische Seehandel auf einen besonderen Schiffstyp: der Kogge, einer bauchigen Konstruktion mit großem Fassungsvermögen und hoher Stabilität. Im 15. Jahrhundert kombinierten die Portugiesen diese Bauweise mit dem arabischen Dreiecksegel, das effektives Kreuzen gegen den Wind gestattete. Das war die Geburtsstunde der Karavelle, die nun wahrhaft Weltgeschichte geschrieben hat.

Ebenfalls tief ins Mittelalter zurück reicht die Geschichte der europäischen Universitäten, die sich später zu Kristallisationskernen des intellektuellen Umbruchs der Neuzeit entwickelten. Die erste Universität wurde 1088 in Bologna gegründet. Zurückführen lassen sich diese Einrichtungen auf die Klosterschulen, die es seit dem Frühmittelalter gab.

Mit diesen wenigen Beispielen soll gezeigt werden, dass sich die europäische Neuzeit schrittweise und sozusagen organisch aus dem Mittelalter entwickelt hat, das allein deshalb schon eine wesentlich höhere Reputation verdient hätte.

Ungefähr zeitgleich zum europäischen Mittelalter herrschte in China die Song-Dynastie, die als besonders kreativ und innovativ gilt. In der Folgezeit hat sich die chinesische Gesellschaft – anders als Europa – eher in die Breite entwickelt, als qualitativ neue Stufen zu nehmen.

Am Rande bemerkt: Das chinesische Kaiserreich mag zwar durch seine Kontinuität imponieren, aber nicht so sehr durch sein Alter. Die chinesische Zivilisation ist wesentlich jünger als die ägyptische, mesopotamische oder auch indische. Deutlich jünger sogar als die europäische. Denn tausend Jahre, bevor sie ins Licht der Geschichte trat, wurden auf der Insel Kreta schon die ersten Paläste errichtet.

Und damit wären wir beim eigentlichen Thema. Denn das Mittelalter kam natürlich nicht aus dem Nichts, sondern setzte auf eine lange Kulturtradition auf. Zu Zeiten der griechisch-römischen Antike dürfte es auf dem Globus nichts Vergleichbares gegeben haben. Nicht nur Philosophie und axiomatisierte Mathematik haben die Griechen entwickelt, sondern neben ihren beachtlichen literarischen Werken auch Geschichtsschreibung und Dramentheorie. Ein philosophisch untermauertes Fundament der demokratischen Staatsordnung stammt ebenfalls von ihnen. Griechische Plastiken waren bei den Römern so beliebt, dass sie in Serie Replika davon anfertigten. Wobei die Römer selber natürlich nicht ohne Meriten waren. Ihre architektonischen und organisatorischen Fähigkeiten versetzen bis heute in Erstaunen. Während die meisten ihrer Bauwerke in Schutt und Asche versanken, erreichte ihr Konzept des Individuums und des formalisierten Individualrechts bleibende Gültigkeit.

Die Griechen wiederum hat man sich keinesfalls als weltabgewandte Geistesmenschen vorzustellen. Ihre praktischen Fähigkeiten können erst langsam in vollem Umfang ermessen werden. Gilt Archimedes schon seit langem als genialer Mechaniker, wird erst seit wenigen Jahrzehnten immer klarer, welches Ausmaß an Know-how sich hinter dem aus einer Vielzahl von Zahnrädern bestehenden Mechanismus von Antikythera verbirgt, der vermutlich als komplexe astronomische Uhr diente.

Dies war nicht das erste Mal, dass Europa der übrigen Welt voraus war. In der Öffentlichkeit noch wenig von sich Reden gemacht hat die Donauzivilisation ­ – eine Bezeichnung, die vom bekannten Sprachwissenschaftler Harald Haarmann stammt, der so einiges an Herzblut in diesen Kulturkomplex investiert hat. Mit der Auflösung des Ostblocks und im Zuge neuer Forschung erschließt sich langsam eine faszinierende Kultur, die sich über den gesamten nördlichen Balkan und das Donautal erstreckte.

Vor ungefähr neuntausend Jahren kamen aus Anatolien die ersten Ackerbauern in den Südosten Europas, wo sich in den folgenden Jahrtausenden eine Gruppe von jungsteinzeitlichen Kulturregionen ausbildete, die teilweise durchaus der gängigen Definition von Hochkultur entsprechen. Mehr oder minder synonym zur Donauzivilisation wird für Areal und Zeitalter der Begriff Alteuropa verwendet.

Auch wenn viele der Deutungen Haarmanns umstritten sind, ist an den archäologischen Befunden wohl kaum zu rütteln.

Teils wurden die Häuser aus lehmbestrichenen Holzflechtwerk errichtet, teils auch schon aus Lehmziegeln. Zwar lebten die meisten Alteuropäer in Dörfern, doch gab es auch schon Städte mit mehreren tausend Einwohnern. In der Spätzeit der Donauzivilisation erreichten sie teilweise Einwohnerzahlen von über zehntausend, womit sie zwei- bis viermal so groß waren wie die ersten Städte Mesopotamiens, die ungefähr zur selben Zeit gegründet wurden. Damit waren es die größten Städte der Welt.

Im Gegensatz zu Ägypten und dem Zweistromland findet sich allerdings keine Monumentalarchitektur wie Pyramiden, Paläste oder Ziggurate. Haarmann vermutet, dass das zum Teil an der ausgesprochen egalitären Gesellschaftsstruktur Alteuropas lag. Andererseits sind aus den entsprechenden Fundhorizonten kleine Tonmodelle bekannt, die offensichtlich zweistöckige Tempelgebäude darstellen.

Vor Beginn der Bronzezeit, die in anderen Regionen ihren Ausgang nahm, waren die Alteuropäer als Kupferschmiede die führenden Metallhandwerker ihrer Zeit. Es wird geschätzt, dass das Gesamtgewicht aller gefundenen Kupfergegenstände dieser Epoche fast fünf Tonnen erreicht.

Kreativität und Geschick dieser frühen Europäer sind auch an den vielen Funden von Webstühlen und Webgewichten ablesbar, die sie als fähige Textilwerker ausweisen. Dasselbe lässt sich auch von Keramik und der Vielzahl von tönernen Figurinen sagen. Getöpfert wurde übrigens schon mit dem Töpferrad. Wenig überraschend daher, dass der Osten Europas zu den Regionen gehört, in denen die frühesten Nachweise von Rad und Achse gefunden werden.

Der wohl erstaunlichste Aspekt der Donauzivilisation besteht darin, dass sie über eine eigene Schrift verfügte ­ – und das Jahrtausende vor der sumerischen Keilschrift. Nun gibt es Stimmen, die den betreffenden Zeichen den Schriftcharakter absprechen. Aber auch wenn es nicht das tragfähigste aller Argumente sein dürfte, ist für mich ausschlaggebend, dass sie schlicht und einfach aussehen wie Schrift. Wesentlich mehr Gewicht haben da die Beweisgründe, die Haarmann aufführt, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will. Stattdessen lasse ich die folgende Grafik für sich sprechen (beim unteren Teil handelt es sich um eine Zusammenstellung aller verwendeter Zeichen):

Vincaschrift

Um nun zum allerersten Höhepunkt europäischer Kultur zu gelangen, muss die Uhr noch ein ziemliches Stück weiter zurückgedreht werden: Bis in die Altsteinzeit.

Nach gängiger Theorie hat sich der biologisch moderne Mensch vor ca. 100.000 Jahren in Afrika entwickelt (sehr aktuelle Forschungen verlegen diesen Zeitpunkt deutlich weiter in der Vergangenheit und markieren Nordafrika als Ursprungsregion). Eigenartigerweise verfügt diese biologische Transition über keine kulturelle Parallele. Die frühen modernen Menschen benutzten dieselbe Steintechnologie wie der Neandertaler. Auch war ihre künstlerische Produktion noch ähnlich rudimentär.

Zu einer Art kreativer Revolution kam es erst, als dieser neue Menschentyp (auch Cro-Magnon-Mensch genannt) vor ca. 40.000 Jahren in Europa eindrang und nach und nach den Neandertaler verdrängte.

Die Cro-Magnons waren eiszeitliche Großwildjäger. Bemerkenswert der qualitative Sprung in ihrer Werkzeugkultur. Sie fertigten nicht nur formenreiche, sorgfältig gearbeitete Steinwerkzeuge, sondern benutzten auch Knochen, Geweihe und Elfenbein als Material für Harpunen, Nähnadeln und Angelhaken. Ihr Jagdglück pushten sie mit Speerschleudern und Tierfallen. Wahrscheinlich waren sie auch die ersten, die den Wolf domestizierten.

Gravuren auf Steinen und Knochen oder farbige Markierungen an Felswänden legen den Schluss nahe, dass sie schon so etwas wie einen Mondkalender führten.

Vermutlich lebten sie vor allem in Hütten und Zelten. Als zeremonielle Orte spielten allerdings auch Höhlen eine wichtige Rolle. Und dort verbirgt sich der beeindruckendste Aspekt der Cro-Magnon-Kultur: Die Höhlenmalerei. Allein in Frankreich und Spanien sind fast 300 Höhlen bekannt, in denen sich diese altsteinzeitlichen Kunstwerke finden lassen.

Möglicherweise sind es nicht die ältesten der Welt – dieser Rang gebührt wohl den Australiern. Nach einhelligem Expertenurteil stehen sie in ihrer künstlerischen Perfektion aber allein dar. Mag sein, dass sie sogar noch das eine oder andere subtile Geheimnis für sich behalten. Bei einigen Darstellungen vermuten Archäologen, dass sie im stroboskopartigen Fackelflackern die Illusion von Bewegung erzeugten (links).

Fast noch beeindruckender für mich sind die Porträts aus der Höhle von La Marche, die in Kalksteinplatten geritzt sind (rechts). Sie rufen den Eindruck eines gewissen karikativen Humors hervor und erscheinen so lebensnah, dass man sich diesen Menschen über einen Abgrund von 15.000 Jahren hinweg sehr verbunden fühlt.

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Auch Skulpturen von Tieren, schwangeren Frauen und rätselhaften Wesen mit Menschenkörpern und Tierköpfen sind Bestandteil der Cro-Magnon-Kultur. Gefunden wurden außerdem eine ganze Anzahl von Flöten aus Röhrenknochen. Der erste und für viele Jahrtausende weltweit einzige Nachweis von Musikinstrumenten.

Mit dem Ende der Eiszeit hörte auch die Kultur der Cro-Magnons zu bestehen auf. Die Menschen begannen sich vermehrt von Pflanzen, Fischen und Kleintieren zu ernähren und hinterließen schlichtere archäologische Spuren.

Alles in allem offenbart unser Kontinent eine beeindruckende Tradition kultureller Höhepunkte. Was könnten die Gründe dafür sein? Sind es die Gene? Ich bin der biologischen Anthropologie viel zu sehr verbunden, um solche Ideen von vornherein zurückzuweisen. Allerdings bleiben sie spekulativ, außerdem gibt es Gründe, die dagegen sprechen. Genetisch sind die Europäer nicht aus einem Stück – vielmehr lassen sich drei Bevölkerungskomplexe unterscheiden, die sich erst im Laufe der Geschichte gegenseitig durchdrungen haben: Die ursprüng­lichen Jäger und Sammler (Cro Magnon), die frühen Ackerbauern (Alteuropa) und die Indoeuropäer (von der Antike bis heute). Eine genetische Kontinuität seit der Altsteinzeit wird damit ziemlich unwahrscheinlich.

Und umgekehrt: Die Chinesen hatten ihre kreativen Phasen, bevor sie in uninspirierten Traditionalismus verfielen. Träger der Kultur war aber immer ein und dasselbe Han-Volk.

Sei es, wie es ist: Irgendwo in unserer uralten Kulturgeschichte scheint eine Neigung zu Kreativität, Innovation und Individualismus verborgen zu sein. Durchaus ein Grund, mit dem europäischen Erbe pfleglich umzugehen.

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